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Wer kann sich welches Zürich noch leisten?
Der Kampf um Wohnraum läuft im westlichen Metropolen nach einem klar erkennbaren Muster ab. Was das für Zürich bedeutete. Thematisert die Veranstaltungsreihe Città chiusa. Der Züri Tipp sprach mit dem Mitorganisator und Sozialhistoriker Thomas Stahel.
Charlotte Spindler
Warum herrscht in Zürich eigentlich immer wieder Wohnungsnot?
Wohnungsnot gabs schon zur Zeit der Industrialisierung und in den Anfängen des letzten Jahrhunderts, Mieterkämpfe ebenso. In der Nachkriegszeit hat der Druck auf den Wohnungsmarkt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung begonnen; als Antwort darauf wurden an den Stadträndern überall grosse Wohnsiedlungen erstellt, eine grosse Zahl neu hinzu gezogenen Arbeitskräfte strömte nach Zürich. 1970 war der Leerwohnungsbestand praktisch auf Null. Die Wirtschaftskrise Mitte der Siebziger Jahre bedeutete einen Bruch, viele Fremdarbeiter musste die Schweiz verlassen. Als dann die Konjunktur wieder anzog, wuchs fürs erste der Bedarf nach Raum für Büros und Dienstleistungen. Die City rückte in die Wohnquartiere vor, im Kreis 4, im Engequartier, in Wiedikon. Wohnhäuser wurden abgerissen und neue Geschäftsbauten erstellt, zum Beispiel Ende der Siebziger am Tessinerplatz, in den Achtzigern an der Schmiede Wiedikon und am Stauffacher. Mit der Wohnungsnot Ende der 80er Jahre erreichten die Häuserkämpfe in Zürich ihren Höhepunkt.
Gabs eigentlich auch erfolgreiche Häuserkämpfe?
In einigen wenigen Fällen konnten Häuser bis heute gehalten werden, die Erfolge sind aber im Vergleich zu anderen Städten wie Berlin oder Genf sehr gering. Die Hellmutstrasse, die Röschibachhäuser, die Heinrichstrasse und sicher das Dreieck Anker-, Zweier- und Gartenhofstrasse. Erfolge gab es praktisch nur bei städtischen Liegenschaften.
Und heute?
Das steigende Raumbedürfnis trägt wohl auch in Zukunft zur Verknappung von Wohnraum bei, so dass sich der Wohnungsmarkt kaum gross erholen wird. Neben der Wohnungsnot hat sich in den 90er Jahren aber vor allem die Mietzinsproblematik verstärkt. Es ist überdies zu befürchten, dass sich die Situation noch verschärfen könnte. Die grossen Investoren, Pensionskassen und Versicherungen, die schon nach Einführung des Pensionkassenobligatoriums in den Immobiliensektor drängten, werden wieder vermehrt ins Geschäft mit den Liegenschaften einsteigen. Zum Beispiel ist Rentenanstalt und ihre Töchter derzeit auf Kauftour im grossen Stil - mit dem Ziel möglichst hohe Renditen zu erzielen.
Das Legislaturziel des letzten Stadtrats war es, 10 000 neue Wohnungen zu bauen, und diese Wohnungen stehen ja zum Teil jetzt da. Weshalb hat sich die Lage nicht beruhigt?
Mit dieser Aktion sind vorwiegend gute Steuerzahler angesprochen worden. Die neu entstehenden «Familienwohnungen» werden von Doppelverdienerpärchen bewohnt, die überdurchschnittlich viel Wohnraum brauchen. Einkommensschwächere Leute - die mit weniger Raum auskommen - wurden aber bisher kaum unterstützt. Wenn es so weiter geht, bleibt die Stadt für gewisse Bevölkerungsschichten tatsächlich eine verschlossene Stadt. Insbesondere in den trendigen Kreisen 4 und 5 läuft ein starker Verdrängungsprozess. Aber auch in den zahlreichen Genossenschaftswohnungen am Stadtrand stehen in den nächsten Jahrzehnten grosse Sanierungspläne bevor.
Wie genau verläuft der Prozess der Verdrängung in den Kreisen 4 und 5?
In einer ersten Phase beleben junge Menschen ein citynahes Quartier und verwirklichen mit relativ bescheidenen Mitteln alternative Projekte, ein buntes städtisches Leben entsteht. In einer zweiten Phase wird das Quartier aufgewertet, besser verdienende Bewohner und Dienstleistungsfirmen ziehen ins Quartier. Im Umkreis von attraktiven Neubauten steigen die Mietzinse, weniger begüterte Leute ziehen weg, oft wird renoviert. Zahlungskräftigere Bewohner folgen nach, auch die Läden und Restaurants ändern ebenfalls. Dieser Entwicklung wird vom Stadtrat mit sogenannten Aufwertungsprogrammen direkt unterstützt. In der Fachsprache nennt man diesen Prozess «Gentrification» und kann in allen Finanzmetropolen beobachtet werden.
Wohin ziehen die Opfer der «Gentrification»?
Wer nicht so viel Geld für eine Wohnung ausgeben kann, zieht an den Stadtrand, nach Schwamendingen, ins Limmattal, in die Flugschneise von Kloten. Billiger Wohnraum gibts zum Beispiel noch an der Westtangente in Schwammendingen: Da hat die Bevölkerungsdichte zugelegt. Im ehemaligen Industriequartier haben die zahlreichen Neubauprojekte dazu geführt, dass die Zahl der Einwohner mit Schweizer Pass gestiegen ist, dafür leben mehr Ausländerinnen und Ausländer im Kreis 12.
Was kann Eure Veranstaltungsreihe dabei bewirken?
Wir wollen Öffentlichkeit schaffen, damit sich die Leute bewusst werden, dass es nicht bloss um fehlenden Wohnraum geht, sondern ebenso sehr um Mietzinse. Wir verlangen vom Stadtrat, dass er seinem neuen Legislaturziel «Wohnen für alle» auch Taten folgen lässt. Unter anderem möchten wir auch die Baugenossenschaften ansprechen, denn da passieren wichtige Entscheidungen in Sachen Wohnraumerneuerung.
«Città chiusa» hat ein Manifest im Rücken und viel Unterstützung...
Das «Manifest zum Schutz von preiswertem Wohnraum in Zürich» ist im Mai 2002 präsentiert worden. Dahinter stehen verschiedenste Gruppierungen, vom Mieterband bis zu Gewerkschaften, von der Frauenlobby Städtebau bis zum Riedtli-Verein und dem Verein Viereck, von Wohngenossenschaften bis zu Radio LoRa und dem Filmklub Xenix. Das Manifest stellt dem Stadt- und Gemeinderat ganz konkrete Forderungen, die im Wesentlichen darauf abzielen, günstigen Wohnraum zu erstellen und zu schützen und eine Wohnbaupolitik zu betreiben, die Leuten mit nicht so grossen Einkommen entgegen kommt.
Was wären wohnbaupolitische Visionen für Zürich?
Es ist schwierig für Zürich Visionen zu formulieren, wenn man in entscheidenden Punkten immer wieder vom Kanton oder Restschweiz überstimmt wird. Meiner Ansicht nach sollten die Bau- und Planungsgesetzte so verändert werden, dass günstiger Wohnraum besser geschützt wird und Hausbesitzer mit dem Grundrecht Wohnen weniger Profit machen können. Weiter wird viel zu wenig auf gewachsene Quartierstrukturen geachtet. Die Wege zwischen Arbeit, Wohnen und Freizeit müssten möglichst kurz gehalten werden. Die Menschen sollten sich mehr für ihr direktes Umfeld engagieren und die Häuser besitzen, in denen sie Wohnen.
Züri Tipp 13.9.2002
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