Statussymbol Quadratmeter statt PS
Die Wohnungsnot in Zürich ist eklatant. Vor allem für Leute mit niedrigem Einkommen wird die Stadt unbezahlbar. Das hat mit der weltweit stattfindenden «Gentrification» zu tun. Über Ursachen und Gründe hat der Vorwärts mit dem Stadtforscher Richard Wolff von INURA (International Network for Urban Research and Action) Zürich gesprochen.
Die Verdrängung von finanzschwachen Menschen aus den neuen Zürcher «In»-Quartieren nennt man «Gentrification». Was bedeutet das genau?
Gentrification ist ein jahrzehntealter Begriff. Er bezeichnet den Wandel eines Quartiers hin zu einem «Gentry», zu einer bürgerlichen Bevölkerung (Gentry: engl. für «niederer Adel», d.V.). Es gibt verschiedene Stufen der Gentrification. Der erste Schritt ist die Besiedlung eines verwahrlosten, brach liegenden Gebiets, das aus alten Industrien besteht, oder eines alten Arbeiterquartiers durch Pioniere. Das sind in der Regel KünstlerInnen, Freischaffende, die günstigen Raum suchen, wo sie als junge Kreative mit billiger Miete anfangen können, neue Ideen zu entwickeln. Dadurch wird das Gebiet bekannt und belebt. Diese Leute ziehen in der Regel eine gewisse Infrastruktur nach sich: Bars, Treffpunkte, Restaurants. Darauf folgt die eigentliche Gentrification: Der Wandel des ehemals günstigen Wohn-, Atelier- und Werkstättenraums hin zu einem Quartier der Mittel- oder gar Oberschicht, die diesen Raum als attraktiv und spannend entdeckt.
Dabei sind es häufig ehemalige Industriegebiete - die Industrie ist aus der Stadt hinausgezogen, in billigere Produktionsstandorte ausgelagert oder geschlossen worden. Das Paradebeispiel ist Zürich-West als ehemaliges Industriequartier mit Escher-Wyss, Löwenbräu, Steinfels, etc. Das findet im Rahmen der Entwicklung der Weltwirtschaft statt, wo vor allem aufgrund des Lohngefälles ausgelagert wird. Ein anderer Faktor - und das ist gerade in Zürich der Fall - ist, dass das Land, auf dem die Fabriken stehen, besser verwertet werden kann, indem es für Büro- oder Wohnraum verkauft und aus dem Gewinn andernorts billigeres Land gekauft wird. Das hat auch mit der City-Ausdehnung zu tun, mit dem Wachstum der «Business»-Stadt.
Das klingt ziemlich unabänderlich. Wo hat die kommunale Politik Spielraum?
Zum Beispiel bei der Bau- und Zonenordnung (BZO). Beim Streit um diese ging es um die Frage, inwieweit die neu zur Verfügung stehenden Gebiete für Büro- und Wohnraum genutzt werden sollen. Ursula Koch hat damals versucht, einen hohen Wohnanteil durchzusetzen. Die BZO ist letztlich der gesetzliche Rahmen. Ist der einmal festgesetzt, ist es schwierig, einen höheren Wohnanteil durchzusetzen. Da muss man sich auf den Markt verlassen und hoffen, dass der feststellt, dass sich Wohnen doch rechnet. Überall dort, wo die Auflage besteht, dass ein Gelände erst mit einem Gestaltungsplan entwickelt werden kann, hat das Parlament jedoch die Möglichkeit, in kooperativen Planungsprozessen mit den Grundeigentümern einen möglichst hohen Wohnanteil auszuhandeln. Die Stadt kann auch Initiative zeigen auf dem Wohnungsmarkt, indem sie (billig) baut. Da gibt es viele Möglichkeiten, wo die städtische Politik das Schwergewicht anders setzen könnte, wenn sie es zu ihrem Ziel machen würde, günstigen Wohnraum zu bauen. Da hat Zürich in den letzten, 30, 40, 50 Jahren nicht viel gemacht.
Nun bedeutet Wohnungsnot nicht nur fehlender Wohnraum, sondern vor allem Mangel an bezahlbarem Wohnraum.
Ja. Wohnungsnot ist relativ. Solange ich jeden Preis zahlen kann, habe ich kein Problem mit Wohnungsnot. Diese betrifft vor allem die niederen Einkommenslagen.
Wohnungsnot ist auch geografisch relativ. Im Thurgau findest du als PendlerIn auch eine Wohnung, wenn du dir weniger leisten kannst. Wohnungsnot heisst auch, dass Leute, die keine teure Miete bezahlen können, gleichwohl an attraktiven Orten wohnen wollen, beziehungsweise dort bleiben wollen.
Der andere Aspekt ist aber schon, dass attraktive Wirtschaftszentren wie Zürich, London oder Paris viele Leute anziehen. Das hat zur Folge, dass die Preise ins Unendliche steigen, je näher man beim Zentrum ist. In den letzten fünf bis zehn Jahren sind beispielsweise in London die Wohnungspreise explodiert.
Zudem - das ist bekannt - hat der Wohnflächenbedarf pro Person stark zugenommen und steigt weiter. Es ist mittlerweile ein Prestigesymbol, eine grosse Wohnung zu haben: Die Quadratmeter haben die PS abgelöst.
Zwar lässt die BZO eine grosse Verdichtung zu, damit prallt man aber auf heftigen Widerstand, wenn beispielsweise kleine Häuser abgerissen werden müssten, um ein grosses zu bauen.
Durch die aktuellen städtischen Quartieraufwertungsprogramme wird die Vertreibung weniger solventer MieterInnen aber auch aktiv gefördert. Es wird ein Umfeld geschaffen, das die «Gentryfier» anzieht.
Man muss zwischen dem eigentlichen Zürich-West, unterhalb des Bahnviadukts und dem oberen Teil unterscheiden. Für den oberen Kreis 5 trifft das sicher zu. Dort ist es sichtbarer, was Gentrification eigentlich heisst. Der Wandel eines Arbeiterquartiers zu einem mittelständigen, trendigen, Yuppie-Einpersonen-Haushalt-Quartier. Der öffentliche Raum wird dort «gesäubert», vereinfacht ausgedrückt. Das kommt auch den bisherigen BewohnerInnen zugute. Dass diese dann, wenn die Lebensqualität besser wird, vielleicht vertrieben werden, weil sie die Wohnung nicht mehr bezahlen können, ist ein anderes Problem. Es ist aber natürlich die Voraussetzung, dass ein solches Quartier überhaupt attraktiv werden kann für andere Einkommensschichten. Sonst gehen nur jene dorthin, die sich nichts anderes leisten können. Sobald es «gesäubert» ist, kommen natürlich auch andere wichtige Qualitäten des Quartiers zum tragen. Es ist nahe der Innenstadt, es gibt ein vielfältiges Einkaufs- und Vergnügungsangebot. Das ist «trendy», deshalb sind die Kreise 4 und 5 so attraktiv.
Elmar Ledergerber hat sich mit seinen «10000 Wohnungen in zehn Jahren» die Kritik eingehandelt, Wohnungspolitik für die Reichen zu machen. Unter Kathrin Martelli heisst es nun «Wohnen für alle». Gibt es eine qualitative Veränderung?
Nein. Bestenfalls eine leichte Korrektur, vor allem aber in der Rhetorik. Das einzige Neue und Konkrete sind wohl die je 200 Wohnungen für Junge und PensionärInnen, die garantiert werden sollen. Ich glaube nicht, dass es da eine Veränderung gibt. Frau Martelli hat Herr Ledergerber ja auch schon als eigentlichen Freisinnigen bezeichnet.
Kann diese Art von «Quartieraufwertung» überhaupt ohne Vertreibung ablaufen?
Bei den Mieten der städtischen Wohnungen könnte die Stadt auf jeden Fall dämpfend wirken, indem sie in Konkurrenz tritt zu den privaten Wohnungsanbietern und diese animiert, billiger zu bauen. Stattdessen will sie die Mietzinse an die «ortsüblichen» Mieten anpassen. Das ist ein Profitieren von der exorbitanten Mietzinsentwicklung auf dem freien Markt, was den Zielen des sozialen, kommunalen Wohnungsbaus widerspricht.
Mit ihren eigenen Wohnungen könnte die Stadt eine andere Politik machen, stattdessen geht sie, wie beim Riedtli oder bei anderen Sanierungen, über die Bedürfnisse der Leute hinweg. Die Stadt kann Programme initiieren, Fonds gründen, selber aktiver werden auf dem Wohnungsmarkt; sie kann an sensiblen, strategischen Orten intervenieren und Zeichen setzen. Die letzten paar Regierungen haben aber nie Zeichen gesetzt, sondern immer eine neoliberale Politik verfolgt, als man diesen Begriff noch gar nicht gekannt hat. Es ist eine Politik betrieben worden, die dem freien Markt mehr oder weniger freie Hand gelassen hat. Es gibt ja einen Interessenskonflikt: Die einen wollen möglichst billig wohnen, wofür sie auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen bereit sind. Die anderen haben andere Ansprüche und sind bereit, mehr dafür zu bezahlen. Die Stadtregierung macht einseitig zugunsten der besseren Einkommen Politik. Und so entwickelt sich eine Stadt, die man auf einer Karte in konzentrische Kreise einteilen könnte, mit der Bahnhofstrasse als Mittelpunkt: Die Reichsten in der Mitte, und je ärmer jemand ist, desto weiter ist er vom Zentrum entfernt.
Vorwärts, 20.9.2002
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