Città chiusa
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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Zürich: Für Arme geschlossen?


«Wer kann sich Zürich noch leisten?» Diese Frage stellt ein Bündnis namens «Città chlusa - geschlossene Stadt» aus Gewerkschaften, Mieterverband, alternativen Wohngenossenschaften und stadtpolitischen Gruppen. Es trat am 25. April an einer Pressekonferenz erstmals an die Öffentlichkeit, um für seine Veranstaltungswochen zur Wohn- und Mietzinsproblematik in Zürich vom 16. bis 29. September zu werben. Seine Forderung an die Stadtregierung lautet, preiswerten Wohnraum für ärmere Haushalte zu schützen und neu zu schaffen.

Oliver Pohlisch
Aus Sicht des Bündnisses hat vor allem das Hochbaudepartement unter der bisherigen Führung von Stadtrat Elmar Ledergerber (SP), dem neuen Stadtpräsidenten, wesentlichen Anteil daran, dass sich die grösste Schweizer Stadt in den letzten Jahren die Bezeichnung «Città chiusa» verdient habe. Die Bau- und Planungstätigkeit des Departements befriedige vor allem das Bedürfnis von Mittel- und Besserverdienenden nach grosszügiger Wohnfläche von exklusiver Qualität zu dementsprechend hohen Mieten. Luxussanierungen städtischer Wohnungen führten zu für die bisherigen Mieter unbezahlbaren Mietzinsaufschlägen. Baurecht wird an Bauherren abgegeben, die, wie die Genossenschaft Milchbuck, ab Herbst 2003 in Zürich Affoltern 4-Zimmer-Wohnungen für 3700 Franken vermieten möchte. Die Folge sei eine Verdrängung armer Haushalte aus städtischen Lagen, die dieser Aufwertungspolitik ausgesetzt werden.

Mietanstieg um 51 Prozent
Dabei. sind einkommensschwache Haushalte in hohem Mass auf billigen Wohnraum in kommunaler oder genossenschaftlicher Hand angewiesen. Die generelle Lohnentwicklung konnte in den 1990er-Jahren mit dem Anstieg der Mietkosten vor allem auf dem privaten Wohnungsmarkt nicht mithalten. 1998 mussten 35 Prozent der Haushalte im Kanton mehr als 20 Prozent ihres Brutto-Einkommens für die Miete aufbringen, so Gewerkschafter Köbi Hauri. 1990 waren es noch 31 Prozent. Alleinerziehende gaben gar durchschnittlich 23,7 Prozent ihres Brutto-Einkommens für Wohnraum aus.

Reiche in die Städte
Die intensive Öffentlichkeitsarbeit des Hochbaudepartments unter Ledergerber hat vermuten lassen, dass es dieser Entwicklung indifferent gegenüber steht. Ja, dass es mit seiner Fokussierung auf ästhetisch hochwertige Sanierungen und ein anspruchsvolles Bauen bewusst in Kauf nimmt, dass Menschen, die mit ihren Einkommen zuerst nur das Grundbedürfnis nach einem Dach über dem Kopf sichern können, schliesslich gezwungen sind, an den Stadtrand zu ziehen oder Zürich ganz zu verlassen, weil sie die verteuerten Mieten nicht mehr zahlen können. Diese Politik ist freilich kein Novum und nicht auf Zürich beschränkt. Schon seit den 1970er-Jahren versuchen Stadtregierungen in den Industrieländern, gedrängt durch Haushaltsdefizite aufgrund erhöhter Sozialausgaben und in Panik versetzt durch die Debatte um eine Verslumung der Innenstadt, den Reichen ein Leben in urbaner Umgebung wieder schmackhaft zu machen. Gehofft wird auf ein höheres Steueraufkommen und die Ankurbelung der städtischen Wirtschaft durch eine grössere Kaufkraft. Städte stoppen den sozialen Wohnungsbau und fördern die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Sie investieren in Einrichtungen für das Freizeitverhalten von höher qualifizierten Beschäftigten im Dienstleistungsbereich. Die Stadtsoziologie bezeichnet diesen Prozess als «Gentrifizierung». Freilich blieb er in Europa bisher meist auf die historischen Stadtkerne beschränkt. Zum einem traf er auf politischen Widerstand. Zum anderen schaffte er Armut nicht ab, sondern bewirkte eine Konzentration von Geringerverdienenden und Sozialhilfebeziehern in den zentrumsnahen alten Arbeiterquartieren. Billige, zumeist immigrierte Arbeitskräfte aus diesen Vierteln waren nötig für den Betrieb der «schönen, neuen Urbanität».

Beispiel Zürich
Diese Entwicklung gilt auch für Zürich. Das Niederdorf hat seit Ende der 1970er-Jahre einen Aufwertungsprozess durchlaufen. Die Wohnungen in den Altstadthäusern wurden saniert. Boutiquen zogen in die Erdgeschosse. In den Arbeiterquartieren Kreis 4 und 5 bekämpften dagegen Stadtteilinitiativen teilweise erfolgreich Sanierungen und Neubauprojekte mit dem Argument, diese seien an den Bedürfnissen der Quartierbewohner vorbei geplant. Es kam zu Hausbesetzungen und zur Gründung alternativer Wohngenossenschaften, in unmittelbarer Nähe zu einer zahlenstarken Wohnbevölkerung nichtschweizerischer Herkunft. Nahmen besserverdienende Zürcher deren Dienste im Gastronomie- und Putzgewerbe selbstverständlich in Anspruch, so mieden sie doch deren Nachbarschaft. Nicht zuletzt beliess die Konzentration der offenen Drogenszene in diesen Gebieten die Mietpreise auf einem für Zürich niedrigen Niveau.

Druck auf Kreise vier und fünf
Mit dem Wandel der städtischen Drogenpolitik, stellt der Koordinator von «Città chiusa», Thomas Stahel, fest, wuchs in den letzten acht Jahren der Gentrifizierungsdruck auf die Kreise 4 und 5 sowie auf den jenseits der Limmat liegenden Ortsteil Wipkingen. Die Stadt flankierte diesen Prozess vor allem durch die Förderung des Kreises 5 als Standort kultureller Einrichtungen (nach Vorarbeit der Pioniere aus der Alternativszene). Das Fehlen einer wohnungspolitischen Debatte in dieser Periode lässt sich auch darauf zurückführen, dass die Protagonisten vergangener Proteste von der Aufwertung profitiert haben: als Betreiber von Klubs und Galerien, als Beschäftigte in der IT-Branche.

Neue Aktivisten und Aktivistinnen
Nun hat sich aber offensichtlich ein Zusammenhang von Aktiven aus einer jüngeren Generation formiert. Diese befinden sich noch in Ausbildung oder in Einstiegsjobs und spüren deshalb die Verknappung billigen Wohnraums in der Stadt viel stärker im eigenen Geldbeutel. Das Gros derer, die an der Planung der Aktionswochen beteiligt sind, so Stahel, ist unter 30 Jahre alt und war bei den vorangegangenen Wohnungsbewegungen noch nicht aktiv.
In den Veranstaltungswochen wird mit einer mobilen Ausstellung die wohnungspolitische Entwicklung der letzten Jahre dargestellt. Es finden Podien, Filmabende und Kunstaktionen zu den Themen Wohnungsnot und Mietzinsproblematik statt. Durch die Kreise 4 und 5 werden Rundgänge unternommen. Die Wochen enden mit einer Demonstration. Schon im Vorfeld informiert das Internetportal von «Città chiusa», www.stadt-wohnen.ch, über aktuelle Ereignisse in der Zürcher Stadtplanung. Wohnungspolitische Gruppen können dort ihre Arbeit öffentlich machen.

Ein Manifest für billigen Wohnraum
Das Bündnis «Città chiusa» konkretisiert seine Forderungen auf der Webseite in einem Manifest zum Schutz von preiswertem Wohnraum. So will es, dass die MieterInnen städtischer Liegenschaften ein Anhörungsrecht bezüglich des Zeitpunktes und Umfangs geplanter Sanierungen erhalten. Vor Erneuerungen sind Kostendächer festzulegen, die massvolle Mietaufschläge ermöglichen. Die Stadt soll grosse Wohnungen bauen, die deutlich unter 2000 Franken Miete pro Monat liegen. Die Abgabe von städtischem Land im Baurecht soll an die Bedingung geknüpft werden, dass billige Wohnungen erstellt werden. Mit dem Manifest gewinnt die Debatte um den angemessenen Preis für Wohnraum in Zürich wieder an Schärfe. Der Nachfolgerin von Elmar Ledergerber, Kathrin Martelli, wird somit kein ruhiger Sommer in Aussicht gestellt.


tec 21 Nr. 21, 24.5.2002

 

 

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