Günstige Wohnungen werden rar
Ein breites Bündnis will sich mit Veranstaltungen für günstigen Wohnraum einsetzen.
Janine Hosp
«Città chiusa» - geschlossene Stadt - nennen die Organisatoren ihre Veranstaltungsreihe. Damit wollen sie im September die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass in Zürich immer mehr günstiger Wohnraum verschwindet. Geschlossene Stadt nennen sie die Veranstaltungen deshalb, weil sich Personen mit kleinem Einkommen immer weniger eine Wohnung in der Stadt leisten können, wie sie an einer Pressekonferenz erklärten. Manche würden gezwungen, an den Stadtrand oder in die Agglomeration zu ziehen, und würden so aus ihrem Umfeld gerissen.
Nach den Worten der Veranstalter führen mehrere Gründe dazu, dass es in der Stadt immer weniger günstige Wohnungen gibt, das Mietrecht etwa, die Marktsituation, aber auch die Politik der Genossenschaften und der Stadt. Laut Niklaus Scherr, Geschäftsleiter des Mieterverbands, sind die Mieten im Kanton Zürich seit 1989 um 20 Prozent stärker gestiegen als die Teuerung, und dies obwohl der Hypothekarzins seit 1992 stark gefallen ist. «Die Vermieter zahlen heute nur noch halb so viel für die Zinsen wie 1992. Sie haben die Zinserleichterungen aber nicht den Mieterinnen und Mietern weitergegeben, sondern in den eigenen Sack gesteckt», kritisiert Scherr. So müssen die Mieter einen immer grösseren Teil ihres Einkommens für ihre Wohnung ausgeben: Bei den allein Erziehenden waren es 1990 noch 19,8 Prozent, 1998 bereits 23,7 Prozent, bei Paaren mit Kindern ist der Anteil von 15,8 auf 16,8 Prozent gestiegen.
Kritik an Genossenschaften
Die Vermieter verstossen damit aber nicht gegen das Gesetz: Wenn der Hypothekarzins fällt, sollten sie gemäss Gesetz zwar die Miete senken, müssen aber nicht. «Der Vermieter sitzt am längeren Hebel, denn es liegt an den Mietern, einen Prozess anzustrengen, und das braucht eine dicke Haut.» Heute nutzen die Vermieter laut Scherr aber auch die Marktsituation aus: Bei 40 Prozent aller Mieterwechsel wird der Mietzins erhöht, obwohl der Hypothekarzins weiter gesunken ist.
Köbi Hauri von der GBI kritisierte aber auch Genossenschaften und Stadt Zürich, die heute im Rahmen von Sanierungen preisgünstige Wohnungen zu Wohnungen für den oberen Mittelstand umwandelten - oder gleich teure Wohnungen bauten. Etwa die Baugenossenschaft Milchbuck, die in Zürich-Affoltern eine 4 1/2-Zimmer-Wohnung für 3700 Franken anbietet. Es sei jedoch nicht Aufgabe von Stadt oder Genossenschaften, Wohnungen dieses Typus zu schaffen, meinte Hauri.
Wie aber könnte günstiger Wohnraum erhalten werden? In einem Manifest stellt das Bündnis fünf Forderungen auf: Die Stadt soll unter anderem die Mieter vor Sanierungen anhören und - anders als bei der Riedtli-Siedlung - massvolle Mietaufschläge ermöglichen; sie soll in ihrem Legislaturziel «10'000 Wohnungen in 10 Jahren» auch günstige Wohnungen vorsehen, die deutlich weniger als 2000 Franken Miete kosten; die Stadt soll nur noch unter der Bedingung Land im Baurecht abgeben, dass günstige Wohnungen erstellt werden; zudem soll sie sich dafür einsetzen, dass bei der Umnutzung von Industriearealen möglichst hohe Wohnanteile geschaffen werden.
Während der Veranstaltungswochen vom 16. bis 29. September werden eine Demonstration, Stadtrundgänge, Filmabende sowie Podien zu Stadtentwicklung und Mietzinsnot durchgeführt. Dem Bündnis gehören dreissig Organisationen an, unter anderem die Rote Fabrik, der Gewerkschaftsbund Zürich, VPOD, GBI, der kirchliche Sozialdienst Zürich, die AL, mehrere, vor allem alternative Genossenschaften und die WoZ.
Tages-Anzeiger, 27. April 2002
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