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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Vergesst Zürich West - jetzt kommt Seebach!


Podium zu den künftigen Boomgebieten der Stadt


Wo können in Zürich noch Wohnungen gebaut -werden? In Zürich Nord und Zürich West ist zwar einiges am Entstehen - noch grösseres Potenzial für Neubauten aber liegt in Quartieren am Stadtrand wie Schwamendingen oder Seebach. Dort stehen die Gartenstädte verschiedener Genossenschaften. Viele dieser Bauten sind in einem Zustand, der mindestens eine umfassende Sanierung oder gar einen Abbruch nötig macht. Gemäss Bau- und Zonenordnung dürfte hier dichter gebaut werden. Sollten auf den Grundstücken nicht zusätzliche Wohnungen entstehen, um deren Knappheit in Zürich lindern zu helfen?

Wohnungen für wen?
In Altstetten besuchten 150 Personen eine Podiumsdiskussion, an der es um die anstehenden Veränderungen bei den Baugenossenschaften am Stadtrand ging. Die Diskussion unter Leitung von Richard Wolff zog sich zeitweise uferlos und langweilig wie eine amerikanische Vorstadt hin; für Abwechslung sorgten impulsive Voten aus dem Publikum. Immer wieder ist zu hören, dass die Neubauten der Genossenschaften auf die falsche Kundschaft zielen - nicht auf das Drittel Menschen mit tiefstem Einkommen, sondern auf eine Mittel- und gar eine Oberschicht. «Neue Wohnungen können nicht für arme Menschen, gebaut werden», erklärte Gunthard Niederbäumer, Vorstandsmitglied der Baugenossenschaft Glatttal. Die vielen sehr günstigen Wohnungen, über die seine Genossenschaft verfüge, seien bei ihrer Erstellung nach dem Zweiten Weltkrieg längst nicht für jedermann erschwinglich gewesen.
«Die Vorstände planen oft im Alleingang und laufen dann gegen die Wand, wenn sie ihre Pläne den Genossenschaftern vorstellen», kritisierte Niklaus Scherr, Geschäftsleiter des Mieterverbandes Zürich. Scherr forderte mehr Demokratie in den Genossenschaften. Zudem dürfe nicht einfach abgebrochen werden; ein Teil der bestehenden Genossenschaftsbauten müsse mit: geringem Aufwand saniert werden, damit günstiger Wohnraum erhalten bleibe. Architektin Catherine Rutherfoord, die in einer abbruchgefährdeten Siedlung lebt, kritisierte, die Genossenschaften würden zu wenig an einer übergeordneten Strategie arbeiten, sondern jede für sich Sanierungspläne schmieden. Die genossenschaftlichen Wohnsiedlungen aber seien bei ihrer Erstellung aus einem Guss geplant worden - es drohe die Gefahr, dass sie ihre Identität verlören.

Beschränkte Möglichkeiten der Stadt
«Die Mehrzahl der Baugenossenschaften erstellen noch immer preisgünstigen Wohnraum», entgegnete Markus Zimmermann, Leiter der Förderstelle für den gemeinnützigen Wohnungsbau. Allerdings habe es auch Ausnahmen mit zu teuren Mietpreisen gegeben. Bei den Wettbewerben, welche die Stadt zusammen mit den Genossenschaften für Neubauten veranstalte, müsse das Ziel, günstigen Wohnraum zu bauen, wieder viel ernster genommen werden.
Stadträtin Kathrin Martelli hatte zumeist die Rolle des Prügelmädchens zu übernehmen. Sie musste den zeitweise erhitzten Gemütern im Saal klar machen, dass die Stadt nicht jedermann eine preisgünstige Wohnung zur Verfügung stellen kann und dass ihre Einflussmöglichkeiten beschränkt sind - selbst bei den Genossenschaften. Denn diese würden sich nicht einfach diktieren lassen, für wen und welche Art von Wohnungen sie bauen sollten. Die Stadt müsse darum dort eingreifen, wo der Markt nicht spielt, beispielsweise bei Alterswohnungen, erklärte Martelli.
Markus Zimmermann forderte zum Schluss, den Anteil an gemeinnützigen Wohnungsbauten in der Stadt sei massiv auszubauen. Niklaus Scherr meinte, die Stadt müsse selber wieder im kommunalen Wohnungsbau aktiv werden.


NZZ, 27. September 2002

 

 

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