Abschlussrede an der Demo vom 28.09.2002
Wir sind am Schluss der Kundgebung gegen Wohnungs- und Mietzinsnot, gleichzeitig beschliessen wir damit die Konzeptwochen Città chiusa - geschlossene Stadt: Wer kann sich Zürich noch leisten ? Zwei Wochen lang wurde an zahlreichen Veranstaltungen die aktuelle Wohn- und Mietzinsproblematik der Stadt und Agglomeration Zürich thematisiert und alternative Vorgehensweisen diskutiert. Wir haben damit erreicht, das können wir bereits jetzt schon feststellen, dass diese existentielle und latente Thematik wieder die Beachtung erhält, die sie dringend benötigt.
Am Podium Zweidrittel Zürich - Wohnraum und Lebensqualität für wen ? hat der Stadtpräsident echt beleidigt darauf reagiert, dass seine Stadt eine geschlossene sei, das Gegenteil sei der Fall. Für diejenigen Menschen, welche unsere Stadtregierung am liebsten in Zürich haben möchte, mag dies zutreffen. Wohlhabende und Begüterte werden immer eine Wohnung finden. Es gibt aber in dieser Stadt rund ein Drittel, die damit grosse Probleme haben. Für viele Wohnungssuchende ist es unmöglich eine lebenswerte Bleibe zu finden, nicht nur, weil es zuwenig Wohnraum hat sondern vor allem auch weil die Mieten in den letzten Jahrzehnten überproportional gestiegen sind. Ausländische BewerberInnen, kinderreiche Familien, Menschen mit einem Eintrag im Betreibungsregister und viele mehr werden bei den Wohnungsbesichtigungen schon gar nicht auf die Liste der InteressentInnen genommen.
Der jährliche Umsatz an Mietzinsen beträgt gesamtschweizerisch 56 Milliarden Franken - wohlgemerkt alleine für Wohnungsmieten - wir sprechen vom grössten Teilmarkt der CH überhaupt. Und die LiegenschaftenbesitzerInnen verdienen sich dabei eine goldene Nase. Obwohl der Hypothekarzins seit 1992 stark abgenommen hat, steigen die Mietzinse unaufhörlich. Ein Fünftel aller Mietenden in der CH ist nicht in der Lage, ihre Miete zu bezahlen!
An einem anderen Podium Boomgebiete der Zukunft - die Stadtrandquartiere tat die Vorsteherin des städtischen Hochbaudepartements mehr als einmal kund, dass die Leute halt auch aus der Stadt ins Umland umziehen müssen, alle Bedürfnisse können nun mal nicht befriedigt werden. Das ist sicher richtig, aber überaus zynisch gegenüber all denjenigen, welche ihr Leben lang in Zürich gewohnt haben, in ihrem Umfeld gewachsen sind und die Miete immer pünktlich bezahlt haben. Wenn der Stadtpräsident salopp nachschiebt, dass wir mit der Wohnungsnot halt leben müssen, wird es schwierig, die Regierung i.S. Wohnungspolitik als kompetent zu betrachten. Die Koalition der Vernunft ist so vernünftig, dass sie weder zielgerichtet noch langfristig denkt und handelt, auch wenn eines der neuen Legislaturziele Wohnen für alle lautet ! Stadtentwicklung bedingt weitsichtige und sorgfältige Planung und hat nichts mit kurzfristigem Profilierungsgehabe zu tun. Stadtentwicklung hat sich nicht nur am Kapital zu orientieren, sondern beinhaltet nachhaltige Vorgaben und Leitlinien für eine menschengerechtere Stadt.
Eine intakte Nachbarschaft integriegt Menschen, integrierte Menschen engagieren sich für intakte Nachbarschaften. Eine Stadtregierung, die dies nicht sieht und fördert, vergibt sich vieles. Es darf nicht sein, dass überteuerte Sanierungsvorhaben und luxuriöse Ersatzneubauten die gewachsene Struktur auf einen Schlag zerstören. Bauvorhaben, die sich über mehrere Parzellen erstrecken, verändern die Sozialstruktur und beeinflussen die Entwicklung eines Quartiers. Es ist deshalb dringlich, dass solche Projekte neben dem Baubewilligungsverfahren ebenso auf seine Quartier- und Sozialverträglichkeit hin geprüft werden. Die betroffene Mieterschaft ist rechtzeitig zu informieren und in den Planungsprozess einzubeziehen.
Diese Forderungen stellen wir auch für das Viereck - gleich anschliessend sind alle herzlich eingeladen, am Quartier-Protest-Fest mitzutun. BewohnerInnen, BesetzerInnen und Leute aus der Nachbarschaft haben viel vorbereitet für diesen Abend, diese Nacht. Es gilt, den Widerstand gegen den neuen Besitzer, Spekulanten und Architekten Andreas Eberle zu intensivieren: Er will auf Teufel komm raus sein plumpes Neubauprojekt durchziehen. Werden wir wieder aktiver und offensiver in Bereichen, die unser Leben unmittelbar betreffen. Schliessen wir uns in Quartierinitiativen zusammen, vernetzen wir uns und kümmern uns um unsere eigenen vier Ecken und darüber hinaus!
Zürich braucht viel mehr billigen und lebenswerten Wohnraum. Zürich braucht eine engagierte Regierung und innovative InvestorInnen für simples Wohnen und Arbeiten, für anspruchsvolle Nachbarschaften und heruntergekommene Häuser - wir danken für Eure Teilnahme, euer Engagement.
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