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STADT-WOHNEN
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Wochenzeitung, 15.07.2004

Brutstätten des Kreativen



Andreas Hofer
US-amerikanische Städte mit einem grossen Anteil homosexueller Paare verzeichneten in den neunziger Jahren ein überdurchschnittliches wirtschaftliches Wachstum. Der Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida, der bei seinen Forschungen auf diesen Zusammenhang gestossen ist, erklärt ihn mit dem Aufstieg der kreativen Klasse, die ein ganz spezielles Milieu benötigt, zu dem auch Toleranz gegenüber Minderheiten gehört. Dreissig Prozent aller Arbeitskräfte sollen gemäss seiner weit gefassten Definition, die neben der Kultur- und Kunst- und Unterhaltungsszene, kreativ Tätige in der Forschung, Bildung und im Finanzsektor einschliesst, in den USA bereits in der neuen Ökonomie arbeiten. Nach dem Ende des industriellen Zeitalters sind in den westlichen Ländern zwei Klassen übrig geblieben: schlecht bezahlte Angestellte, die repetitive Tätigkeiten in Verkauf, Gesundheitswesen und Büros leisten, und die Kreativen. Diese produzieren Unterhaltung und Information, hecken neue Dienstleistungen und Produkte aus, entwickeln Strategien für ihre Vermarktung und lenken die Güter- und Finanzströme. Obwohl die kreative Klasse ihre erste Krise mit dem Platzen der Dotcom-Blase Ende der neunziger Jahre bereits erlebt hat, gehört ihr gemäss Richard Florida die Zukunft. Nur Länder, denen es gelingt, sich in das immaterielle Netz der Ideen einzuklinken, können sich dem mörderischen Kampf um schlechte Jobs entziehen, die immer irgendwo noch billiger zu haben sind. Bedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit in diesem Kampf sind Toleranz und Offenheit für Neues und Fremdes, ein Netzwerk kleiner innovativer Firmen, ausgebaute Schul- und Sozialsysteme und attraktive städtische Räume mit einer vielfältigen Kultur. Richard Floridas Theorien stossen auf Kritik von links und von rechts. Der Rechten sind die Forderungen nach Toleranz und einem funktionierenden Sozialstaat suspekt, die Linken befürchten eine einseitige Förderung der jungen, mobilen WissensarbeiterInnen und die Verdrängung der weniger Leistungsfähigen aus den Innenstädten. Seit Bushs Präsidentschaft und der Einkapselung der USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat Europa mit seiner reichen städtischen Kultur gute Chancen, die USA als Hort der kreativen Klasse abzulösen. Auf Richard Floridas Rangliste haben Schweden und Finnland die USA bereits überholt, und Irland, Holland und Dänemark holen schnell auf. Dass nordeuropäische Länder so gut abschneiden, hat mit ihrer Toleranzkultur zu tun. In einigen dieser Länder ist ein eigentlicher Richard-Florida-Hype ausgebrochen, den dieser mit seiner Beratungsfirma Richard Florida Creativity Group an Kongressen und mit Studien gerne bedient.
Die Stadt Amsterdam, die in den letzten Jahren einen Teil ihrer Kunst- und Kulturszene an das billigere und unverbrauchtere Rotterdam verloren hat, schürt und vermarktet den Standortvorteil Kreativität in all seinen Facetten und versucht so, verlorenes Terrain wieder zurückzuerobern. Soeben abgeschlossen ist das Projekt «Broedplaats Amsterdam» - Brutstätten. In den vergangenen zwei Jahren investierte die Stadt 30 Millionen Euro in leer stehende Lagerhallen sowie besetzte Häuser und Kunstkollektive, um so bestehende Projekte zu legalisieren, Infrastruktur zu verbessern und Mieten zu vergünstigen. An über dreissig Orten konnten Ateliers für 1000 Kulturschaffende gesichert oder neu geschaffen werden. Teilweise mit Brutstätten-Geld wird der Umbau der NDSM-Werft im Norden von Amsterdam finanziert. Eine mehrere hundert Meter lange Rampe, über die einst Schiffe gewassert wurden, führt zur riesigen Werfthalle empor. Eine industrielle Landschaft, deren Aneignung viel Mut braucht. Bis jetzt wurde mit Containern, ausgedienten Mobile Homes und Schiffsrümpfen behelfsmässig Raum abgegrenzt. In fünf baulichen Etappen sollen in den nächsten Jahren diese Strukturen verfestigt werden. Es entstehen Probelokale für die Tanz-, Theater- und Musikszene, ein Kino und Veranstaltungssäle sowie eine «Kunststadt», in der Kulturschaffende in einer Grundstruktur ihre eigenen Ateliers einbauen können. Dann hat es auch noch genug Platz für eine Skateranlage und eine Kletterwand. Das Kreativitätsgetue in Amsterdam wirkt teilweise dilettantisch. Die massive Kunstförderung scheint häufig eher eine Sozialmassnahme zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit zu sein denn ernsthafte Kunstförderung. Doch abgesehen von den Fragen, ob das viele Staatsgeld sich in besserer Kunst auszahlt und ob es durch die kreative Klasse je wieder zurückbezahlt wird, ist die Strategie stadtverträglich. In den Worten von Richard Florida: «Für die Städte bedeutet die Förderung des kreativen Milieus, dass sie - statt Grosskaufhäuser anzuziehen, innerstädtische Shopping Malls zu subventionieren und Steuergeld für extravagante Stadionkomplexe zu verschleudern - in ein attraktives Milieu mit einem reichen Kunst- und Musikangebot, einem vitalen Nachtleben und in den Erhalt der historischen Innenstädte investieren. Kurz: Sie entwickeln Orte, die Spass machen und interessant sind, statt von Grosskonzernen dominierte Stadtsurrogate.»


Richard Florida: «The Rise of the Creative Class: And How It's Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life». New York 2002. www.creativeclass.org

www.broedplaatsamsterdam.nl

In Amsterdam fand im Juni der Jahreskongress des internationalen Stadtforschungsnetzwerkes Inura (International Network for Urban Research and Action) zum Thema «Creative Cities» statt. www.inura.org




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