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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Die bieder-bünzlige Rückeroberung

Geht es nach dem Willen der Polizeivorsteherin Esther Maurer soll Zürich einen Wegweisungsartikel bekommen, wie er schon in Bern besteht. Das stadt.labor - die Diskussionsplattform für Stadtentwicklungsfragen im Bogen 13 - wählte am 12. Oktober ein unorthodoxes Vorgehen und lud Randständige auf eine Podium ein, um von ihren Erfahrungen zu erzählen. Von den vier geladenen Direktbetroffenen gelangte jedoch nur Andi, der seit den 80er Jahren harte Drogen konsumiert, in den Bogen 13. Eine Gruppe von Punks, die sich beim Stadelhofen trifft, befand sich zudem im Publikum. Von den drei nicht erschienen Gästen musste der eine kurzfristig in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden, der zweite sass in Haft und der dritte musste seinem Drogenkonsum vom Nachmittag Tribut zollen. An ihre Stelle traten GassenarbeiterInnen von Basta und Streetwork (Basta ist eine niederschwellige, polyvalente Beratungsstelle und macht aufsuchende Sozialarbeit im Langstrassenquartier; Streetwork betreibt aufsuchende Jugendarbeit). Die Fabrik Zeitung präsentiert Auszüge aus der Gesprächsrunde, an der sich auch verschiedene Personen aus dem Publikum beteiligten in überarbeiteter Form.

Podiumsleitung: Esther Banz/ Transkription, Überarbeitung: Thomas Stahel


# # # SITUATION AUF DER GASSE # # #

Wie hat sich eurer Meinung nach die Situation auf der Gasse in letzter Zeit verändert?
Jannette (Basta): Was an der Langstrasse sicher zu beobachten ist, ist die massive Polizeipräsenz seit letztem Sommer, die Polizei ist vom Morgen bis am Abend präsent. Wir haben zum Teil Leute, die wurden vom Limmatplatz bis zur Bushaltestelle Militär-/Langstrassse drei oder vier Mal hintereinander gefilzt, was eine rechte Zumutung ist. Es gibt wieder verstärkt eine Hetzjagd mit dem Ziel Drogenabhängige aus dem Langstrassenquartier zu vertreiben.

Andi, du hast die letzte Nacht im Rückführungszentrum in der Kaserne verbracht, das während der Letten-Zeit zur Rückschaffung von Drogensüchtigen in ihre Gemeinden entstanden war.. Wie war das?
Andi: Es war eigentlich wie immer: Wir wurden gefilzt, behandelt wie der letzte Scheissdreck, es ist immer wieder ein relativ grosser Stress. Wir sind unerwünscht hier in der Stadt. Aber: Wo soll ich hin? Ich gehe dort hin wo meine Leute sind - das ist nun mal die Langstrasse oder der Stadelhofen.

Wie muss ich mir die Festnahme vorstellen. Wirst du einfach von der Strasse aufgegriffen?
Andi: Es beginnt mit einer Ausweiskontrolle. Dann werde ich gefragt, wo ich wohne. Und obwohl ich als Wochenaufenthalter in der Stadt Zürich lebe, werde ich rückgeführt. Also angeblich rückgeführt, denn man lässt mich ja am nächsten Morgen wieder raus. Die Sache ist ziemlich sinnlos.

Wie häufig warst du schon im Rückführungszentrum ?
In den letzten zwei Jahren war ich sicher 50 Mal dort. Ich wurde auch schon verhaftet, als ich nichts dabei hatte und nüchtern war. Einmal ging ich sogar kurz aus meinem Zimmer um auf der Strasse eine Zigi zu rauchen und wurde rückgeführt.

Wie schätzt ihr von Basta die Situation um das Rückführungszentrum ein?
Jannette: Zur Zeit der Letten-Auflösung hat das einen Sinn gemacht. Da gab es sehr viele Drogensüchtige, die nicht aus der Stadt kamen. Ziel war es damals die Gemeinden dazu zu bringen, dass sie sich um ihre BewohnerInnen kümmern, da die Stadt nicht alle aufnehmen kann. Mittlerweile hat sich das erledigt, da nur noch ganz wenige ausserstädtisch sind und es auch keine eigentlichen Rückführungen mehr gibt.

Adrian (Basta): Heute werden noch rund zehn Prozent aller ins Rückführungszentrum kommenden Personen auch wirklich rückgeführt.


# # # RANDSTÄNDIGE ALS STÖRFAKTOR? # # #

Du bist offenbar jemand der stört in der Stadt. Siehst du dich als Störfaktor?
Andi: Eigentlich nicht, ich gehe relativ locker mit den Leuten um und benehme mich auch relativ anständig.

Was heisst relativ?
Es kann schon mal sein, dass ich etwas voll bin und durch den Alk herumrufe. Ich bin aber nicht gewalttätig.

Gibt man dir von der Bevölkerung zu spüren, dass du eine Störfaktor bist?
Nein, gar nicht.

Wie ist das bei euch am Stadelhofen?
Karin («Stadelhofenpunkerin»): Die Polizei kommt sicher drei bis vier Mal pro Tag vorbei und macht Ausweiskontrollen, obwohl eigentlich immer die gleichen dasitzen und sie die Leute genau kennen.

Fühlst du dich diskriminiert?
Ich bin es mir langsam gewöhnt, so behandelt zu werden. Aber andere sind auch mal besoffen, sie sehen nur nicht so auffällig aus.

Kommt das Gefühl nicht akzeptiert zu sein eher von der Polizei oder geben euch das auch die PassantInnen zu spüren?
Man bekommt jeden Tag hundert böse Blicke, aber das ist der Alltag. Bei der Polizei habe ich manchmal das Gefühl, dass es ihnen langweilig ist und sie nichts anderes zu tun haben als uns zu kontrollieren. Ich weiss nicht, ob das ihre Aufgabe ist, aber ich glaube es eher nicht.

Herr Kälin (Publikum): Ich bin Arzt im Kreis 4 und habe eine Praxis, wo ich auch Randständige behandle, unter denen es auch sehr kranke Leute hat. Wenn ich sie notfallmässig in die Psychiatrie schicke, dann sind sie am anderen Morgen wieder draussen - diese Menschen will nämlich niemand mehr behandeln. Und diese relativ kleine Gruppe wirkt schon bedrohlich und weckt Animositäten, die man nicht unterschätzen darf. Ich behandle Randständige seit den 80er Jahren, die Toleranz gegenüber diesen wirklich Kranken, die zum Teil auch wirklich dumme Dinge machen, nimmt eindeutig ab.

Adrian: Das ist eine Entwicklung, welche wir von Basta bestätigen können. Leute, die vor zehn Jahren noch länger stationär behandelt worden wären, werden heute nach ein, zwei oder drei Tagen wieder entlassen. Bei unseren Klienten gibt es eine Zunahme von Menschen, die durch das sozial-psychiatrische Netz gefallen sind und dann früher oder später in einer Gegend wie dem Langstrassenquartier landen.


# # # WEGWEISUNGSARTIKEL # # #

Wie würde sich die Situation eurer Meinung nach verändern, wenn Zürich einen Wegweisungsartikel bekommt?
Andi: Die Situation wird sich noch zuspitzen. Man wird uns noch mehr kriminalisieren.

Christian (Steetwork): Die Folgen sind jetzt noch unklar. Die Szene am Stadelhofen dürfte dann alle 30 Minuten aufgelöst werden. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Situation ähnlich wie heute am Hauptbahnhof entwickelt. Dort ist die Bahnpolizei sehr stark präsent. Somit ist es für uns sehr schwer unsere Leute zu erreichen, da jede Szene sofort aufgelöst wird. Wenn in der ganzen Stadt eine solche Situation herrscht, hetzen die Leute nur noch von einem Platz zum anderen.

Adrian (Basta): Ein Problem, das man auch aus der Erfahrung von Bern her kennt, ist, dass diese Leute trotzdem an diese «Problem»-Orte gehen, dann jedes Mal gebüsst werden und sich einfach weitere zusätzliche Bussen ansammeln, die nicht bezahlt werden können.


# # # BÄCKERANLAGE # # #

Es gibt immer mehr Orte die so genannt aufgewertet werden wie zum Beispiel die Bäckeranlage. Nun ist das für die Leute, die dort leben sicherlich eine Verbesserung der Lebensqualität. Für Randständige, welche zuvor dort verkehrt sind, ist die Aufwertung aber nicht so toll. Wie seht ihr dies als Gassenarbeiter?
Adrian (Basta): Zum einen geniesse ich die Bäckeranlage sehr als Freiraum, zum anderen gibt es aber auch Beispiele aus dem Ausland, wo ähnliche Anlagen in einer Mischnutzung umgestaltet wurden. Es wäre sicher ein Versuch die Umgestaltung so zu gestalten, so dass alle Quartierbewohner die Anlage nutzen können.

Christian Schmid (Stadtforscher): Ich finde man hätte an der Bäckeranlage eine viel offenere Strategie fahren sollen. Das Problem ist, dass die Behörden nicht akzeptieren können, dass es in dieser Stadt unterschiedliche Menschen gibt und dass diese Menschen nicht nur ein Existenzrecht haben, sondern, dass sie auch eine Qualität ausmachen. Ich glaube auch nicht, dass die Leute weniger tolerant sind. Wenn wir Abstimmungsresultate anschauen, dann sehen wir, das die Leute bei Asylfragen bis zum Züriberg relativ liberal stimmen, erst in Schwamendingen oder Altstetten ändert sich dies. Das zeigt für mich, dass Leute im Zentrum gar nicht so ein grosse Problem mit Randständigen haben, die Politik hat sich vielmehr von den BewohnerInnen der Stadt entfernt.

Thomas Marthaler (SP-Gemeinderat): Das Problem ist, dass es immer weniger Freiräume gibt. Daher werden die Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum zunehmen. Ein Beispiel: In der Brunau ist eine Freestyle-Anlage geplant, wogegen Anwohner eine Petition ergriffen haben, da die Anlage Mehrlärm produzieren soll. In unmittelbarer Nähe befindet sich aber schon die Autobahn und das sich im Bau befindende Sihlcity mit 2000 Parkplätzen.

Christian Schmid: Seit einigen Jahren gibt es in Zürich eine Politik mit dem Ziel der Normalisierung, wonach es in der ganzen Stadt wie in einem gesitteten Wohnquartier aussehen soll. Heute versucht man wieder auf einem neuen Level in die kleinbürgerliche Normalität zurückzugehen, wie sie vor der 80er Jahre-Revolte geherrscht hat. Wenn diese Politik weitergeführt wird, und die Randständigen von der Langstrasse oder dem Stadelhofen vertrieben werden, dann gehen sie einfach nach Altstetten oder Schwamendigen, wo die Toleranz noch viel geringer ist.



ERLAUBT IST, WER NICHT STÖRT

Von Reto Aschwanden
Die Diskussion um einen Wegweisungsartikel steht im Kontext einer seit Jahren laufenden Entwicklung: Die Stadt soll von auffälligen und potentiell Anstoss erregenden Menschen und Aktivitäten gesäubert werden. Nicht umsonst nahm der Titel der Podiumsdiskussion «Erlaubt ist, wer nicht stört» Bezug auf die unsägliche Kampagne, mit der die Stadt Volkserziehung im öffentlichen Raum betrieb. Ein bereits bestehendes Instrument zur Disziplinierung von Randständigen ist die Eingreiftruppe SIP. Auch wenn im Gespräch mit Punks und Drogenabhängigen kaum ein böses Wort über diese Einrichtung fällt: Tatsache bleibt, dass die SIP im Gegensatz zum Streetwork auch so genannt ordnungspolitische Aufgaben ausübt und somit als Scharnier zwischen Polizei und aufsuchender Sozialarbeit fungiert. Abgesehen davon, dass die Vermischung von Ordnungsdienst und Sozialarbeit unter Fachleuten höchst umstritten ist, verschlingt die SIP Gelder, die anderenorts sinnvoller eingesetzt werden könnten. SIP und Wegweisungsartikel stehen für einen neuen Umgang mit öffentlichem Raum: Unordnung und Nutzungskonflikte werden nicht länger als stadtimmanentes Phänomen begriffen. Folglich will man sie im Sinne eines Standortmarketings unsichtbar machen. Abweichendes Verhalten und soziale Probleme sollen aus dem Stadtbild verschwinden, die gesamte Innenstadt möglichst aussehen wie ein bieder-bünzliges Quartier. Ein solches Vorhaben ist nicht nur von Vornherein zum Scheitern verurteilt, es verschärft auch die Probleme von gesellschaftlichen Aussenseitern mehr, als dass es sie löst. Die Erfahrungen in Bern zeigen, dass ein Wegweisungsartikel weder Punks noch Drogenabhängige davon abhält, immer wieder ihr vertrautes Umfeld aufzusuchen. Die Folgen sind Bussen, die nicht bezahlt werden können und also in Haftstrafen umgewandelt werden, deren beträchtliche Kosten wiederum die Staatskasse zu berappen hat. Dass eine solche - weder vernünftige noch menschliche - Politik in Zürich ausgerechnet unter der Leitung einer SP-Regierungsrätin vorangetrieben wird, ist ein Armutszeugnis für eine Metropole, die sich so gern weltstädtisch gibt.


Fabrik Zeitung Nr. 206 - November 2004


 

 

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