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«Das ist alles so traurig, einfach traurig»

«Bund»-Hotline zur Randständigenpolitik: Die Ansichten gehen weit auseinander, eines aber eint: Das Thema rührt an, wühlt auf, geht tief Von Zwangseinweisung und Arbeitslager für Randgruppen bis zu Maximaltoleranz und Nullrepression: Stimmen am «Bund»-Telefon, Mail-Voten an den «Bund»-Briefkasten und Aussagen von Passanten im Berner Hauptbahnhof zu Berns Randständigenpolitik.

Von Rudolf Gafner, Marcello Odermatt
Hart Entschlossene sind nicht immer auch Mutige - und klare Linie garantiert noch nicht für Rückgrat. Das hat die «Bund»-Hotline zum Thema Berner Randständigenpolitik gestern gezeigt. Die Dame, die erklärte, es müsse mit den «furchtbaren Zuständen» beim Bahnhof «endlich aufgeräumt» werden; die jüngere Frau, die Gassenszenen ihrerseits «ganz weg haben» möchte; die 75-Jährige, die empfiehlt, «diese Leute eine Zeit lang unter Aufsicht zu stellen und zu normalen Menschen zu erziehen»; der Mittdreissiger, der für «Zwangseinweisung» plädiert; die Rentnerin, die «Arbeitslager» empfiehlt - sie alle wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen, bevorzugen in der öffentlichen Debatte die geschützte Randständigkeit der Anonymität.
Nur einer, der anrief, um «klare, harte Leitplanken für Randständige» und «Schraube anziehen!» zu fordern, war bereit, offen hinzustehen: Rolf Ellwanger (60) aus Stettlen. «Wenn wir Normalbürger einen ,Seich‘ machen, kommen wir schliesslich auch voll dran. Aber bei den Randständigen heisst es immer, man müsse tolerant sein.» Dabei sehe er keinen Anlass, immer «Ach, die Armen!» zu sagen.
«Man sollte Toleranz für Randgruppen nicht zu hoch halten», so Ellwanger. «Was zum Beispiel soll die ,cheibe‘ Bettelei auf der Strasse? Als Selbständiger muss ich auch selber schauen.» Zudem: Wenn es gelte, sozial zu helfen, frage er sich schon, «weshalb immer der Staat bezahlen soll» - warum nicht im Sinn von «Familienhaftung für Abgestürzte» der «Rückgriff auf Angehörige» möglich sein solle. Vielleicht deshalb nicht, sinniert Ellwanger, weil «viele Sozialarbeiter von diesen Randständigen leben» und «ohne sie ihre Jobs verlören».
In einem E-Mail an den «Bund» seinerseits mehr Entschlossenheit wünscht sich Markus Brun, Bern. «Will Bern den Tourismus fördern, kann es nicht sein, dass das Erste, was der Auswärtige sieht, wenn er hier ankommt, die Randständigenszene ist», findet er und warnt: «Wenn sich Bern nicht einmal in den Hintern klemmt, wird der einst stolze Staat immer mehr in die Armut abgleiten.» In anderen Städten werde gehandelt, in Basel etwa mit der «Schliessung der Schmuddel-Unterführung» beim Bahnhof, so Brun weiter. «Nicht so im trägen und lethargischen Bern» mit seinen «lavierenden Behörden».
«Viele Leute übertreiben total», findet hingegen Lore Flury (73) aus Burgdorf. «So genannt Randständige sind doch keine Gefahr für die Leute.» Sie verstehe nicht, dass «in Bern immer gleich so eine Riesensache daraus gemacht wird». Und, so Flury: «Wer so intolerant ist, hat selber Probleme abzuwälzen. Und man findet ja immer eine Gruppe, an der man sich abreagieren kann - früher hatte man dafür die Juden.»
Es tue ihr weh, zu sehen, wie mit so genannt Randständigen umgesprungen werde, sagt die 73-Jährige. «Es wäre für mich auch erniedrigend, wenn mich ein Polizist einfach so im Bahnhof anhalten und meine Tasche filzen würde.» Auch komme es immer wieder vor, dass «die Polizei Leute einsammelt, die gar nichts damit zu tun haben», das sei «eine Frechheit», die sich so genannt normale Leute nicht bieten lassen würden. Und wenn sie höre, dass ehemalige Drogenabhängige gar keine Arbeit mehr fänden, frage sie sich, «wie sie denn je in ein normales Leben zurückfinden sollen, wenn sie gar keine Chance bekommen», so die Burgdorferin dazu.
«Ich finde, man müsste viel offener sein», sagt auch Rosmarie Marti (52) aus Liebefeld. Dass die Stadt in der Christoffelunterführung die Sitzbänke durch isolierte Einzelsitze ersetzt habe, um Randständigen das Verweilen zu verleiden, sei völlig kontraproduktiv gewesen. Das fördere ja erst recht eine Szenebildung beim «Stein». «Man sollte im Gegenteil ein Dreifaches an Bänkli aufstellen», so Marti. Und im Übrigen solle man sofort aufhören mit den Wegweisungen, denn «das ist das Allerletzte», empört sie sich.
Auch für Gladys Luginbühl (78) aus Spiez ist Wegweisen «sicher keine Lösung», die Leute müssten ja irgendwo sein. Für sie, die Eltern drogenabhängiger Menschen betreut, ist klar: «Es braucht eine 24 Stunden geöffnete Drogenanlaufstelle», und zwar zugänglich für die Berner wie auch für Auswärtige. Im Übrigen könne sie nur sagen: «Wer Angst hat vor diesen Menschen», die man randständig nenne, «hat Angst vor dem Unbekannten.»
Man solle die Bahnhofszene in Ruhe lassen, es seien ja schliesslich auch kaum mehr als 20 an der Zahl, findet Heiner Busch (47) aus Bern. «Die Stadt gehört allen, nicht nur dem Innenstadtleist»; gefordert sei eine «offene Gesellschaft auch für diejenigen, die nicht an ihr teilhaben können - und auch für diejenigen, die nicht an ihr teilhaben wollen». Es sei enttäuschend, dass nicht nur «der Wasserfallen mit seinen markigen Sprüchen» dauernd auf Kosten so genannt randständiger Menschen Stimmung mache, sondern dass auch die rot-grüne Regierung «ständig auf Nachteilen herumreitet». «Die RGM-Mehrheit im Gemeinderat soll endlich einmal klar kommunizieren, dass diese Leute zu uns gehören», verlangt Busch. Dann werde auch die Toleranz in der Bevölkerung gestärkt.
Ausserdem seien die Wegweisungen sofort zu stoppen, weil sie «eine fundamentale Abkehr vom rechtsstaatlichen Polizeirecht bedeuten», so Busch - denn solange keine Straftat vorliege und keine Gefahr im Verzug sei, «soll die Polizei die Menschen in Ruhe lassen». Und schliesslich müssten Sozialarbeit und Polizeitätigkeit «systematisch getrennt» werden, sonst verspiele Sozialarbeit das Vertrauen.
Wiederum anders sieht dies ein 32-jähriger Lehrer, der sich als Rot-Grün-Wähler bezeichnet und betont, «eine soziale Ader» zu haben. Jedoch, was zu weit gehe, gehe zu weit. «Eklig und abstossend» seien Drogenabhängige in ihrem Verhalten mitunter. Da werde schier «an jede Ecke gepisst», ja, er habe sogar schon Leute «in der Unterhose am Boden hocken» sehen. Süchtige müssten einsehen, dass sie auch Pflichten hätten, fehle ihnen diese Erkenntnis, müssten sie halt eingewiesen werden, erklärt der RGM-wählende Berner Lehrer - der aber auch nicht genannt werden will.
«Das ist alles so traurig, einfach traurig. Diese Jungen, die herumlungern», seufzt Flora Hess (82) aus Bern. Sie habe Mühe, dies zu begreifen. «Ich merke: Ich bin eine alte Frau geworden. Ich kann die Leute heute nicht mehr verstehen», sagt die 82-Jährige, «es gibt so viele Fragen.» Woher dieses Leid? Liege es an den Eltern? Daran, dass «die Mütter heutzutage verdienen wollen», Kinder zu «Schlüsselkindern» würden? Daran, dass «keiner mehr verzichten lernt»? Dass man heute «so oberflächlich denkt»?
Vielleicht, meint die Frau, täte es solchen Jungen im Bahnhof gut, aufs Land zu kommen, zu Bauern - um Natur zu spüren, Kontakt mit Tieren zu erleben. «Viele Junge aus der Stadt haben ja noch nie im Leben auch nur einen Stall gesehen.»



Der Bund, 19.08.2004


 

 

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