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STADT-WOHNEN
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«Ich möchte wissen, was normal ist»

Existiert in Bern Randständigkeit? Wo befindet sie sich? Und wer gehört dazu? Auf der Suche nach Inhalten für einen ungeliebten Begriff. Eine geschlossene Randständigenszene existiert in Bern nicht. Vielmehr gibt es diverse kleine Gruppen, die sich mitunter voneinander distanzieren. Öffentliche Plätze sind oft Orte für das letzte noch verbleibende soziale Gefüge.

Von Marcello Odermatt
An einem der mittleren Sandsteine in der Christoffelunterführung, dem städtischen Teil des Bahnhofs, steht Hans Krebs*. Er lehnt sich an den Stein, mit der linken Hand stützt er sein Gesicht, die Augen blicken starr in die Halle, in der Rechten hält er eine Dose Bier. Um ihn herrscht emsiges Treiben, Pendler passieren, Reisende eilen. Hans Krebs ist 60, war 30 Jahre lang Kranführer, verheiratet, wurde geschieden, verlor den Job, trank schon vorher, dann mehr. Heute ist er ausgesteuert. In der Nacht zuvor schlief er in der «Bettwärme», im Bahnhof ist er oft, «wo willst du sonst hin?», im Restaurant ist das Bier zu teuer.
«Ein Randständiger?» Klara Oberli steht im Passantenstrom des Bahnhofs und fragt nach Münz. «Das ist ein Aussenseiter.» Einer, der nicht akzeptiert werde, nicht dem Bild der Gesellschaft entspreche. «Nein», sie gehöre nicht dazu, «nicht wirklich». «Ich habe eine Beziehung und eine Tochter.» Klara Oberli war drogensüchtig, heute ist sie «sauber», braucht Geld für Zigaretten, denn sie sei «blank».
Randständig. Die Drogenpolitikkoordinatorin der Stadt Bern, Regula Müller, findet den Begriff «schwierig», er sei relativ. Allgemein seien wohl Leute gemeint, die aufgrund ihres Aussehens und Verhaltens auffielen. Meist ist der Konsum von Alkohol oder illegaler Drogen mit dem Begriff verbunden. Die Koordinationsstelle geht jeweils von der Situation aus, in der sich die Menschen befänden, oder vom Ort, an dem sie sich aufhielten.
Gerade Orte wie die Christoffelunterführung oder die Treppe vor der Heiliggeistkirche sind eng mit dem Begriff verbunden. Tatsache aber ist, DIE Randständigenszene gibt es nicht. Vielmehr handelt es sich um Gruppen, die sich mitunter voneinander distanzieren. An den Treffpunkten suchen die Betroffenen Kontakt zu andern. Es handle sich, so eine Studie der Stiftung Berner Gesundheit zur städtischen Alkoholikerszene, fast um das letzte soziale Gefüge. Zudem bieten Orte wie die Christoffelunterführung Schutz vor Kälte und Regen. Und im Bahnhof sei immer etwas los, so Drogenkoordinatorin Müller. Der Einzelne sei hier nicht allein.

«Mein Leben und fertig»
Peter Matter sitzt vor der Heiliggeistkirche, in der Hand eine Schnapsflasche, seine Kollegen trinken Bier. Vor die Kirche komme er zum Diskutieren. «Randständig? Kennst du den Begriff?» fragt er einen Freund, «also ich kann damit nichts anfangen.» Das seien doch die Rumhänger, Drogensüchtige, sagt dieser, «ja das Pack, das Alkpack, oder?» Dass Politiker und Medien ihn mitunter so bezeichnen, ist Peter Matter «so lang wie breit». «Ich habe mein Leben und fertig!»
In Bern leben rund 40 Menschen mit Alkoholproblemen auf der Gasse - im Vergleich zu andern Städten keine Besonderheit. Sie sind chronisch alkoholabhängig und trinken vorwiegend Bier oder konsumieren zusätzlich illegale Drogen oder Medikamente. Gemäss Studie ist ihr Gesundheitszustand nicht lebensbedrohend, aber bedenklich. Die meisten haben eine Wohnung, erhalten AHV, IV oder Sozialhilfe.
Chantal Magnin vom Institut für Soziologie der Universität Bern findet den Begriff «randständig» paradox. Er bezeichne Leute, die ja in städtischen Zentren der Gesellschaft stünden und die Aufmerksamkeit auf sich zögen. Zudem seien sie nicht sozial isoliert, wenn sie eine Gruppe aufsuchen könnten. Und dies sei sicher besser, «als alleine in der Wohnung wahnsinnig zu werden», sagt Magnin.

Mit der Polizei «Katz und Maus»
Moritz Baumann sitzt alleine an einem Tisch in der «Prairie», dem Mittagstisch bei der Dreifaltigkeitskirche. Er ist 25, in der «Prairie» fühle er sich wohl, hier habe es Leute, sonst könne er nirgends hin, draussen wolle man ihn ja nicht sehen. Drogenabhängig wurde er wegen seiner Freundin, nahm Heroin, war auf der Gasse, zwischenzeitlich in der «Kiste». Heute ist er in einem Methadonprogramm, lebt in einer Arbeits-WG, ab halb drei Uhr geht er jeweils ins Koda. Sonst spiele sich viel auf der Strasse ab und mit der Polizei beginne «Katz und Maus».
In Bern gibt es zwischen 20 und 30 Konsumenten harter Drogen, die auf der Gasse sind, auch dies im Vergleich zu andern Städten nicht aussergewöhnlich. Allerdings, so Drogenkoordinatorin Müller, hänge die Zahl mit der Wohnungs- und Arbeitsmarktsituation zusammen. Die meisten haben heute eine Bleibe. Zahlreiche Institutionen im niederschwelligen Bereich decken die Grundbedürfnisse Ernährung, Unterkunft, medizinische Grundversorgung und Hygiene zu einem grossen Teil ab. Zudem gibt es Methadontherapieplätze und die kontrollierte Drogenabgabe. Indes: Die Quantität sagt nichts über die Qualität der Lebensverhältnisse aus. So pendeln die Betroffenen in der Regel von einer Institution zur andern, in der Öffentlichkeit werden sie immer weniger geduldet. Und Notschlafstellen hätten, so Drogenkoordinatorin Müller, nur einen begrenzten Sinn, da jemand nicht ein Leben lang dort leben könne. Zudem: Angebote hängen teilweise von unentgeltlicher Freiwilligenarbeit ab, was eine fragile Sozialarbeit bedeutet.

«Halt nicht so integriert»
Die Angebote der «Prairie» nutzen auch Leute mit psychischen Problemen, oder ältere, einsame Menschen. Bettina Zürcher vom «Prairie»-Team nennt sie Menschen, die «halt nicht so integriert sind». Sie weiss, als randständig sehen sich die Leute nicht, sie fühlen sich damit negativ umschrieben.
Yvonne Schwarz hatte schon früh psychische Probleme, sie nennt es «Freiheitsdrang». Ihre Familie brachte sie in eine Erziehungsanstalt. Nach dem Aufenthalt stürzte sie ganz ab, war zwei Jahre auf dem Drogenstrich, lebte «Tag und Nacht» draussen. Heute wohnt sie bei der Mutter, besucht die «Prairie», ist auch auf der Gasse. Randständig? Sie wird laut: «Wenn wir Randständige sind, möchte ich wissen, was normal ist.»
Was heisst also normal? Für Soziologin Magnin ist klar, «DIE Norm gibt es nicht.» Heute existiere eine Pluralisierung von Werten, Normen und Lebensstilen, die in Konflikt geraten könnten. Möglich sei auch, dass Gruppen mit unterschiedlichen Werten gar nichts miteinander zu tun hätten, gerade in Städten. Dies treffe bei so genannten Szenen zu wie bei anderen Milieus. Letztere träfen sich vielleicht höchstens an einem Fussballmatch.
Szenenwechsel: ein besetztes Haus irgendwo in Bern. Marcel Scholl ist 22, bezeichnet sich als «randständig», besetzt mit andern ein baufälliges Gebäude. Drogensüchtige werden nicht aufgenommen, um «Ärger zu ersparen». Auch wenn er bisher kein einfaches Leben hatte, so ist seine Lebensweise doch teils freiwillig gewählt. Heute trinkt er gerne ein paar Bier, kifft, macht auf der Strasse Musik, möchte einen Traktor mit Barwagen kaufen und «unabhängig sein».

An Wegweisungen gewöhnt
Randständigkeit wird in der Soziologie mit der Frage untersucht, wie es zu Ausschlussprozessen kommt. Ein wichtiger Aspekt ist laut Soziologin Magnin der Job. Die Gesellschaft verlange, dass der Lebensunterhalt über Lohn bestritten werden müsse, und wer das nicht könne, gerate latent unter den Verdacht des Müssiggangs. Dies führe zu starkem Druck und könne mit psychischen Problemen oder Suchtverhalten zusammenhängen. Habe jemand den Anschluss verloren, sei es schwierig, wieder hineinzukommen, denn die Wirtschaft bietet kaum Platz für Leute in Problemsituationen. Ausschluss findet aber auch auf anderen Ebenen statt, etwa von der Bildung, von materiellen Gütern oder von politischer Partizipation.
Politik? Die Antwort auf der Strasse lautet oft: «Interessiert mich nicht!» Viele äussern sich resigniert oder mit einem müden Lächeln zum Thema, die Polizei wird aber kaum als Problem betrachtet. Und die Wegweisungen? «Ach ja, die kommen vor», sagt Marc Frisch vor der Heiliggeistkirche. Er habe schon drei. «Aber wir kommen trotzdem wieder, das wissen die genau.» Und so ist Wegweisen offenbar auch für jene, die es betrifft, Alltag geworden, schon fast normal.

«Bahnhof, Treffpunkt für alle»
Sonntagabend, 18 Uhr. Im Milchgässli, beim Eingang in die Christoffelunterführung, hat sich die Gassenküche eingerichtet. Wie jeden Sonntag gibt sie fürs «Gassenvolk» Essen aus. Sie ist abgeschirmt durch Transparente: «Big Brother Fuck off», «Öffentliche Räume sind nicht Wirtschaftsräume für wenige», «Bahnhof, Treffpunkt für alle». Rund 30 Leute haben sich versammelt, es herrscht aufgeräumte Stimmung. Auch rundherum ist Treiben, Leute passieren, Wanderer kehren zurück, werfen einen Blick auf die Szenerie, laufen weiter, müssen aufs Tram oder gehen noch auf ein Bier, oder zwei. Wieder ist eine ganz normale Woche vorbei.

*Alle Namen der Betroffenen geändert


Der Bund, 17.8.2004


 

 

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