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STADT-WOHNEN
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«Die Leute sollen sehen, dass es uns gibt»

Seit 1998 werden in der Berner Innenstadt, besonders um den Bahnhof, Personen weggewiesen. Manu und Mario sind zwei Betroffene.

Von Corinne Buchser
«Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort», sagt die 38-jährige Manu*, die trotz Kälte auf der Steinmauer der Kleinen Schanze (der Park neben dem Bundeshaus) sitzt. Sie ist gepflegt gekleidet, ihre dunkelroten Haare sind sorgfältig hochgesteckt. Vor rund einem Monat hat sie am eigenen Leib erfahren, was sie bisher nur aus den Zeitungen und vom Hörensagen kannte: eine Wegweisung. «Es heisst immer, die Wegweisungen seien Ultima Ratio - das war gar nicht mein Eindruck.»
Es war an einem sonnigen Oktobertag, sie wollte im Bahnhof-Migros Proviant kaufen für einen Aarespaziergang mit Niña, ihrer Labrador-Hündin, als sie bei den «Steinen» in der Christoffel-Unterführung einen Kollegen sah, der ihr noch Geld schuldete. Sie habe keine fünf Minuten dort gestanden, da seien plötzlich von allen Seiten Polizisten angerückt. «Alle mitkommen», habe es geheissen. Auf ihre Frage, um was es denn gehe, wollte man ihr nicht antworten. Manu war nervös, zündete sich eine Zigarette an. «Es werde nun nicht geraucht», belehrte man sie. Einer riss ihr die Zigi aus dem Mund. Sie fühlte sich provoziert. Als sie kurz darauf nochmals eine Zigarette aus der Tasche hervorholte, wurde sofort Verstärkung angefordert. «Umringt von vier Bullen wurde ich in Handschellen gelegt und wie eine Schwerverbrecherin auf den Polizeiposten geführt.» Dort kauerte sie rund eine halbe Stunde im Gang am Boden, um Niña, «ihre kleine Meite», zu beruhigen, bis ihr die Handschellen abgenommen wurden. Und obwohl Manu ihren Hund angeleint, weder Bier noch sonst irgendetwas getrunken und im Bahnhof keinerlei Abfall hinterlassen hatte, ist auf ihrer Wegweisungsverfügung von einer Ansammlung von AlkoholikerInnen, freien Hunden und herumliegendem Unrat die Rede. «Das Beängstigende ist, dass einem einfach willkürlich, ohne ersichtlichen Grund, ein Menschenrecht genommen werden kann.»
Kurz nach der Wegweisungsverfügung hat sie mit Unterstützung des Vereins für kirchliche Gassenarbeit und dem Berner Stadtpräsidentenkandidaten und Anwalt Daniele Jenni Beschwerde eingereicht. Vor einigen Tagen erhielt sie nun Post von der Stadtpolizei Bern. In einem eingeschriebenen Brief wurde ihr mitgeteilt, ihr sei «irrtümlich eine Wegweisungsverfügung für drogenabhängige Personen ausgehändigt worden. Aufgrund dieses Formfehlers hat der Sachbearbeiter die Wegweisungsverfügung umgehend vernichtet und wollte Sie darüber mündlich informieren. In Unkenntnis der Sache hat er die Leitung seines Polizeistützpunktes nicht informiert, so dass wir Sie erst heute schriftlich über die Aufhebung der angefochtenen Verfügung orientieren können». Keine Entschuldigung, nichts. Trotz allem ist Manu erleichtert, dass sie nun am Bahnhof wieder das Tram nehmen kann, ohne Angst zu haben, von jemandem angesprochen zu werden - es könnte ja als Personenansammlung angesehen werden.
Auf der Kleinen Schanze fährt ein blauer Polizeiwagen über den Kiesweg und hält wenige Meter von einer Parkbank entfernt, wo ein paar Leute Bier trinken. Zwei junge, braun gebrannte Polizisten steigen aus. «Die sind noch nett», sagt Manu. Man kennt sich hier oben. Die Hände auf den schwarzen Gürtel gestützt, machen sie ihren Kontrollgang, suchen Wurzelstöcke, Abfalleimer und Robydog-Kasten nach «Piece-Bunkern» ab. Unten auf dem Platz spielen zwei alte Männer Schach.

Vom «Rand» hin zur Mitte
Was bedeutet Manu dieser Ort? «Etwas vom Schwierigsten, wenn man den Schritt aus den harten Drogen geschafft hat, ist es, wieder neue Sozialkontakte zu knüpfen», sagt sie, die früher in der Drogenszene verkehrte. Hier auf der Kleinen Schanze trifft sie Leute, «die nicht geschockt auf meine Vergangenheit reagieren». Manu weiter: «Mit diesem Szenewechsel bin ich wieder etwas vom «Rand» hin zur Mitte gerückt.»
Sie hat jedoch Mühe mit dem Begriff «Randständige». «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich viel anders bin als andere Leute.» Manu lacht, um ihre leuchtend blauen Augen und auf ihrer Nase bilden sich kleine Falten. Fühlt sie sich von der Gesellschaft ausgeschlossen? «Es frustet manchmal schon, mit den ganzen Vorurteilen zu leben.» Sie möchte auch gerne wieder arbeiten. «Doch es ist schwierig, die Vergangenheit holt einen ständig wieder ein.»

Die zwölfte Wegweisung
«Ich dürfte nicht hier sein», sagt Mario, der sich an kalten Tagen wie diesem gerne bei den «Steinen», der alten Stadtmauer in der Berner Bahnhofshalle, aufhält. Der junge Punk befindet sich auf verbotenem Terrain: Er ist im Besitz einer Wegweisungsverfügung für den Perimeter A, das heisst, das Betreten des Gebiets im und um den Bahnhof ist ihm strengstens verboten. Doch Wegweisungen sind für Mario nichts Neues, es ist bereits seine zwölfte. Er will sich diesen Platz nicht einfach so nehmen lassen. «Wenn sie mich nicht im Knast behalten, bin ich fünf Minuten nach der Wegweisung wieder da», sagt Mario, der mit seinen 23 Jahren insgesamt schon rund ein halbes Jahr Gefängnis hinter sich hat. Er hat nichts zu verlieren. «Ich bin auf der Gasse gross geworden - die Gasse ist mein zweites Zuhause.» Bis sechs lebte er den Alltag seiner drogensüchtigen Mutter: Platzspitz, Drogenstrich, Suchttherapie in Wimmis. Danach kam er zu Pflegeeltern.
Wie eine Insel ragen die Überreste der Stadtmauer aus dem Plastikboden - eine Insel für Punks und AlkoholikerInnen, an der der Strom der Passanten vorbeirauscht. Hat er manchmal eine Wut auf diese Gesellschaft? Negative Gefühle seien eigentlich nicht in seinem Blut. «Doch wenn mich die Leute als Menschen nicht akzeptieren, mich anfiggen, dann werde ich hässig.» Er reibt sich das rechte Auge, über den langen Wimpern sitzt eine Narbe: «Wenn der erste Hass verflogen ist, macht er dem Mitleid Platz.» Er hinterfrage wenigstens, doch die meisten Leute hätten Angst davor. Angst, dass ihr sauberes Weltbild ins Wanken geraten könnte, Angst vor einer Lebensweise, die sie nicht kennen, die sie nicht verstehen. «Es gibt jedoch Situationen, wo ich sagen muss: Wenn es mit der Schnurre nicht geht, dann halt mit den Fäusten.» Vor allem die jungen Polizisten hätten immer das Gefühl, sie müssten grosskotzig einfahren.
Der 42-jährige Hanspeter unterbricht seine Diskussion mit seinem Kollegen über die neueste Ausgabe von «20 Minuten», umarmt Mario und gibt ihm einen herzlichen Kuss. «Das ist ein guter Siech», sagt er und zählt eine ganze Liste von Marios Vorzügen auf. Leichtes Erröten auf dem Gesicht unter den kahl rasierten Schläfen und den braunen Haaren, die widerspenstig in alle Richtungen stehen. Seine Jeansjacke mit dem Schafpelzkragen ist trotz Kälte geöffnet.

Mit Mischeln überleben
Mario lebt seit sechs Jahren auf der Gasse. Seine Lehre als Metallbauschlosser und die BMS hat er wegen Zoff mit dem Lehrmeister abgebrochen. «Die meisten stören sich an meinem Erscheinungsbild.» Bei einem Transportunternehmen zum Beispiel, wo er mal als Lagerist arbeitete, habe die Belegschaft Unterschriften gesammelt, weil sie keinen Punk in der Firma wollten. Er habe sich auch schon als Kanalisationsarbeiter beworben, aber auch dort hätten sie ihn nicht genommen. Auch in der Fabrik war er schon, aber verblöden könne er auch mit Saufen.
Mario, der im Moment in einem besetzten Haus in Bern wohnt, verdient das Geld für Essen, Bier und Tabak mit Mischeln (Betteln). «Ich bin Anarchist, ich gehe prinzipiell nicht aufs Sozialamt. Lieber frage ich die Leute für ein wenig Münz, als dass ich sie dazu zwinge, mir Steuergeld in den Arsch zu schieben.»
Was bedeutet es, im Stadtbild zu «stören»? «Ich persönlich bin stolz darauf. Es ist für mich eine Bestätigung, dass ich nicht dem gängigen Bild entspreche.» Würde ihnen die Stadt dieses Räumli dort hinter den Mauern schenken (als geplantes Alki-Stübli) - er zeigt auf die Wand gegenüber -, würde er nicht dorthin gehen. «Die Leute sollen sehen, dass es uns gibt.»

*Name von der Redaktion geändert


Wochenzeitung, 25.11.2004


 

 

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