Das Viereck braucht eine neue Lösung
Seit rund drei Jahren plant Andreas Eberle im Zürcher Stadtkreis 4 eine stark umstrittene Neuüberbauung. Eberle kaufte das Häusergeviert an der Badenerstrasse von der Zürcher Kantonalbank zu einem günstigen Preis. Ein fragwürdiger Verkauf, boten doch Leute aus dem Quartier die gleiche Summe und war Eberle schon damals eine umstrittene Figur. In der Zwischenzeit sind verschiedene Fälle von Betrügereien öffentlich geworden, in die Eberle verwickelt ist. Damit gerät der Fall in ein neues Licht.
Bald nachdem Eberles Pläne bekannt wurden, formierte sich Widerstand gegen den Totalabriss der drei gut erhaltenen Häuser. An Ostern 2001 wurde das Eckhaus besetzt, das seither unter dem Namen «Egocity» zu einem wichtigen kulturellen und politischen Freiraum wurde. Im Herbst 2001 organisierten sich AnwohnerInnen im Verein Viereck, um sich für den Erhalt des preiswerten Wohn- und Gewerberaums einzusetzen. Aber auch bei den Baubehörden stiessen Überbauungspläne Eberles zunächst auf wenig Freude. Eine erste Baueingabe wurde mit der Begründung abgelehnt, das Projekt sei «architektonisch von sehr geringer Qualität» und werde «der Bedeutung des Ortes und den neuen Massstäben, die es setzt, nicht gerecht». Erst im zweiten Anlauf wurde das Bauporjekt im August 2002 bewilligt. Ein Rekurs, den die Zürcher Heimatschutzvereinigung zusammen mit dem Verein Viereck gegen diesen Entscheid erhoben hatte, wurde vor einem knappen Monat in erster Instanz abgelehnt; die Rekurrentinnen ziehen ihr Begehren nun weiter.
Neben den Rechtsmitteln sucht der Verein Viereck aber auch nach einem anderen Ausweg aus dem Konflikt. Er ruft die Stadt auf, im Rahmen ihrer Quartierpolitik aktiv zu werden und mit Eberle Verkaufsverhandlungen aufzunehmen. Und auch die Zürcher Kantonalbank ist gefordert, ihre Fehler wettzumachen und bei einer konstruktiven Lösung mitzuarbeiten.
1. DIE MACHENSCHAFTEN VON ANDREAS EBERLE
Andreas Eberle wohnt in Untereggen (SG) im Schloss Sulzberg und ist schon seit mindestens Ende der 80er Jahre in Zürich als Architekt und Bauherr aktiv. Eberle pflegte damals Beziehungen zu Spekulanten und Milieufiguren. Negative Schlagzeilen erhielt Eberle erstmals mit einem fantasielosen Neubau des Efeuhauses mit vielen Kleinstwohnungen an der Brauerstrasse, das heute zu einem Grossteil vom Milieu genutzt wird. In den 90er Jahren war Eberle etwa in einem gutes Duzend weiterer Projekte im Raum St. Gallen und in der Stadt Zürich verwirklicht.
Bei allen Bauvorhaben von Andreas Eberle lässt sich ein einfaches Prinzip erkennen: Eberle will bauen und damit möglichst den Gewinn optimieren. Dazu nimmt er alle Mittel in Kauf, ganz egal, ob diese legal oder illegal sind; Eberle kann insofern ohne schlechtes Gewissen als ein Spekulant bezeichnet werden. Durch die angestrebte Gewinnoptimierung leidet natürlich die architektonische wie bauliche Qualität von Eberles Neubauten. Das erste Baugesuch im Viereck wurde beispielsweise von der Bausektion als «architektonisch von sehr geringer Qualität» bezeichnet. Gleichzeitig finden sich bei Eberles Bauten oft bauliche Mängel. Bei meiner Recherche bin ich praktisch bei allen Bauvorhaben auf verärgerte Personen getroffen: die BewohnerInnen beklagten sich über die schlechte Bauqualität, die Handwerker über die tiefen Löhne. Ich lasse die geäusserten Beschimpfungen von Eberle, welche ich zu Ohr bekam, aus und spreche stattdessen kurz zwei konkrete Beispiele an, um Eberles Vorgehensweise zu verdeutlichen.
Beispiel 1:
Am weitesten hat Andreas Eberle den Bogen wohl in Kirchberg (SG) überspannt, wo er zusammen mit seinem Treuhänder Willy Leuzinger mit legalen und illegalen Mitteln mehr als 2 Millionen Franken auf Kosten von Handwerkern und dem Bundesamt für Wohnungswesen (BWO) abkassierte.
Details zum Subventionsbetrug finden sich im Artikel aus der WoZ vom 27.3.2003 (siehe Dossier Viereck). Am 27. August findet in St. Gallen die Gerichtsverhandlung statt, in welcher sich Eberle und Leuzinger wegen gewerbsmässigem Betrug zu verantworten haben.
Beispiel 2:
Um die Jahrtausendwende errichtete Eberle an der Fellenbergstrasse in Zürich-Albisrieden mehrere Eigentumswohnungen. Nach der Fertigstellung traten schon bald unzählige Mängel auf: Dachplatten senkten sich, es gab diverse Wasserschäden in Kellern und Garagen, weiter beklagten die BewohnerInnen unvollständig ausgeführte Bauarbeiten und Mängel durch falsch oder billigere Materialien. Den vielfältigen Reklamationen entgegnete Eberle, die Mängel seien innerhalb der Toleranz und zeigte sich erst kooperativer als die EigentümerInnen eine Baujuristin einschalteten. Laut einem Bewohner bewegt sich Eberle «immer in einer Grauzone». So kam es auch im Falle Fellenbergstrasse zu kleineren Hintergehungen, etwa falschen Abrechnungen: im Vertrag verrechnete Eberle den EigentümerInnen pro Quadratmeter Teppich 35 Franken. Da aber praktisch niemand einen Teppich wollte, schrieb er den Teppich in der Abrechung gut. Dies aber nicht zu den 35 Franken wie im Vertrag vereinbart, sondern lediglich zu 17 Franken.
Zusammenfassend lässt sich der Eindruck, welchen die EigentümerInnen vom Architekten Eberle erhielten, anhand einer Zeichnung eines Bewohners verdeutlichen: Ein Kind steht vor dem «Schiefen Turm von Pisa» und fragt seine Mutter: «Du Mami, het de Eberle de Turm baut?»
2. GROSSER GEWINN MIT KLEINEM EINSATZ
Perspektiven für das Viereck
Wer erwartet hat, dass der Verein Viereck nun sein Alternativprojekt vorstellt, wird enttäuscht: wir haben kein Projekt in der Schublade. Es fehlt uns zwar nicht an Ideen für eine Sanierung und Neunutzung, wir betrachten es aber nicht als unsere Aufgabe, über ein fremdes Grundstück Pläne auszuarbeiten. Es geht heute darum, eine grundlegend neue Ausgangslage zu schaffen, die einen konstruktiven und kreativen Planungsprozess erst ermöglicht: den aktuellen Bauherrn Andreas Eberle zum Rückzug zu bewegen und eine neue Trägerschaft für das Viereck zu etablieren.
Eberle, Eigentümer und Projektverfasser in Personalunion, hat bei vielfältigen Gelegenheiten gezeigt, dass er weder willens noch fähig ist, im Viereck eine städtebaulich und sozial verträgliche Überbauung zu erstellen. Dass er die Baubewilligung im zweiten Anlauf erhielt, beweist nur den Wankelmut der zuständigen Behörde. Das überarbeitete Projekt wurde in keinem wesentlichen Punkt den im ersten, ablehnenden Entscheid angebrachten Kritiken und Auflagen gerecht. Überdies sind in letzter Zeit verschiedene Betrügereien bekannt geworden, mit denen Eberle offenbar seine Geschäfte zu tätigen pflegt. Es stellt sich deshalb die Frage, ob die Stadt Zürich tatsächlich bereit ist, dieses prominente Areal einem schlechten Architekten und zwielichtigen Investor zu überlassen, und ob die Zürcher Kantonalbank, die als Verkäuferin des Grundstücks und Kreditgeberin den Auftakt zum Trauerspiel gemacht hat, weiterhin bereit ist, Herrn Eberles Geschäfte zu finanzieren.
Wir fordern die Stadt und die ZKB auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und sich für einen Rückkauf des Grundstücks einzusetzen. Wenn die Stadt «Lebensqualität in allen Quartieren» propagiert und rund um die Langstrasse mit grossem finanziellem Aufwand versucht, eine minimale Sozialstruktur am Leben zu erhalten, kann sie im Viereck, das ebenfalls dem Langstrassenquartier zuzurechnen ist, nicht abseits stehen. Die geplante Neuüberbauung mit anonymen Wohneinheiten und Geschäftslokalen kann sich auf das labile Gleichgewicht im Quartier verheerend auswirken. Lebensqualität lässt sich weder planen noch wird sie durch hohe Wohnungspreise und grossflächige Tiefgaragen geschaffen - sie ist eine zarte Pflanze, die nur dort gedeiht, wo Mieterinnen und Mieter sich zuhause fühlen und nachbarschaftliche Beziehungen knüpfen können. Wo hingegen die Immobilienspekulation den Ton angibt, hat sie keine Chancen: durch teure Mieten, überzogene Ausnützung und Vermietungen an die Meistbietenden - z.B. das Sexgewerbe - wird die ansässige Bevölkerung verunsichert und vertrieben, häufige Wohnungswechsel und Destabilisierung der Mieterschaft sind die Folge. Solche Entwicklungen zerstören die Chancen, soziale Probleme in den Griff zu bekommen. Jedes Bauvorhaben, das die Auswechslung der BewohnerInnen im grösseren Stil in Kauf nimmt oder beabsichtigt, ist problematisch und müsste von den Behörden besonders sorgfältig auf seine Sozialverträglichkeit hin geprüft werden.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Viereck hat die Genossenschaft Dreieck gezeigt, wie sich trotz bescheidenen Mitteln ein vorbildliches Quartierleben herausbilden kann: durch Planung im Interesse und unter Einbezug der Betroffenen, günstige Mieten, einen ausgeglichenen Gewerbemix, gemeinschaftliche Einrichtungen und sorgfältige Hofgestaltung wurde Raum geschaffen für eine stabile und engagierte Mieterschaft. Grundlage des Erfolgsrezepts im Dreieck ist ein Baurechtsvertrag der genossenschaftlich organisierten Mieterinnen und Mieter mit der Stadt Zürich.
Wir schlagen vor, im Viereck auf das bewährte Modell zurückzugreifen. Die beiden gut erhaltenen Wohnhäuser an Ankerstrasse und Grüngasse und die Werkstattgebäude im Hof eignen sich hervorragend für die Verpachtung an eine Mietergenossenschaft: die Häuser lassen sich zurückhaltend und kostengünstig, teilweise auch in Eigenregie, sanieren, und für die Hofräume mit dem schönen Baumbestand liegt eine lebendige, gemeinschaftliche und quartieroffene Nutzung auf der Hand. Aufgrund unserer Berechnungen können hier günstige Mieten durchaus die Kosten decken. Ganz anders beim Egocity-Haus an der Badenerstrasse: diese Ecke braucht eine neue Nutzung, die ihrer besonderen Lage gerecht wird und einen dem hohen Grundstückspreis entsprechenden Ertrag erwirtschaften lässt. Wird die Diskussion erst einmal eröffnet, klaffen die Meinungen weit auseinander: vom gemütlichen, durch Sponsoring finanzierten Quartiermuseum im Altbau bis zum frechen, kantigen Hochhaus als Marktplatz für innovative Firmen ist hier alles drin. Wir wollen nichts vorwegnehmen und vertrauen auf eine Baurechtsgeberin, die einen breiten und zielgerichteten Planungsprozess initiiert. Wichtig ist nur, dass hier eine sehr gute, die beste aller möglichen Lösungen gefunden wird. Dazu braucht es viele Köpfe, aber kaum solche vom Format Eberle.
Eine Wohnbaustiftung, die mit Unterstützung der Stadt und der ZKB das Areal übernimmt, riskiert wenig, denn der Preis dürfte sich dank dem von Eberle vor vier Jahren bezahlten tiefen Kaufpreis von 2,7 Mio. Franken in einem realistischen Rahmen bewegen, auch wenn die aufgelaufenen Finanzierungs- und Projektierungskosten zusätzlich entschädigt werden müssten. Und an InteressentInnen, die der neuen Trägerschaft gute Angebote machen und spannende Projekte präsentieren werden, wird es kaum fehlen. Mit vergleichsweise kleinem Einsatz lässt sich hier ein grosser Gewinn erzielen, ein Gewinn für das Quartier und die Entwicklung unserer Stadt. Der Verlust hingegen, den das eberlesche Projekt bedeuten würde, lässt sich kaum mehr wieder wettmachen. Eben: heute richtig investieren statt später reparieren!
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