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Der Bogen ist überspannt
Lange wurden die MieterInnen des Wipkinger Viadukts von der SBB mit leeren Worten hingehalten. Über die Presse erfuhren sie dagegen vom Potential der SBB-Immobilien und einer «erweiterten Nutzungen». Langsam aber sicher haben sie die Nase voll.
Seit bald einem Jahr fordert die Mieterschaft der Wipkinger Viaduktbogen von der SBB Klarheit über die Zukunft ihrer Lokale. Wie wird die technischen Sanierung durchgeführt, gibt es ein Rückzugsrecht oder wirft man die Bogen den Löwen des trendigen Zürich zum Frass, sind nur einige der dringlichsten Fragen. Doch Antworten blieben bis vor kurzem aus. Lange vertröstete die SBB die MieterInnen mit widersprüchlichen Informationen. Ungeklärte Kompetenzen zwischen Abteilungen der SBB und der Stadtverwaltung machten die Situation auch nicht einfacher. Das einzige Verbindliche war bis anhin die Kündigung aller Mietverträge per Ende März 2003. So stellten sich die MieterInnen auf die Hinterbeine, organisierten sich Ende letzten Jahres im Verein IG Viadukt und suchten erfolgreich Unterstützung bei Quartierorganisationen, Parteien und beim MieterInnenverband. In einer Rekordzeit von drei Wochen unterzeichneten 1700 Personen eine Petition, die Ende Dezember der SBB überreicht wurde. Darin wurden drei Hauptforderungen geäussert: ein Zwischen-Nutzungskonzept, das die bestehende Mieterschaft berücksichtigt, ein nachhaltiges Endnutzungskonzept, welches weiterhin preisgünstige Gewerbeflächen gewährleistet und die Möglichkeit die Viaduktbogen mittels Baurecht zu übernehmen. Dies alles wurde von der SBB aber mir nichts dir nichts überlesen. Stattdessen stellte die SBB Anfang 2003 ein Konzept vor, wie das Potenzial der SBB-Immobilien landesweit besser auszuschöpfen ist (NZZ, 15.1.2003). Die Gewinnmarche ist oberste Priorität, so das Fazit. Aus den 5200 SBB-Liegenschaften soll in diesem Jahr einen Gewinn von 107 Mio Fr. erwirtschaftet werden. Da bleiben die Bedürfnisse der Quartierbevölkerung und der Gewerbetreibenden der Viaduktbogen wohl auf der Strecke.
Mitte Februar wurde der Presse nachgeschoben, dass die technische Sanierung wie geplant im Frühling beginne. Danach werde das Viadukt «einer erweiterten Nutzung» zugeführt. Eine bestehende Projektgruppe unter Beteiligung verschiedener städtischen Ämter und der SBB-Immobilienabteilung bearbeitete das Viaduktprojekt. Zwischen März und September sollen zudem Workshops unter Mitwirkung der Quartierbevölkerung und der IG Viadukt stattfinden. Erhofftes Ziel dieser Arbeitssessionen ist ein Kriterienkatalog für quartierverträgliche Nutzungen. Dieser soll als Grundlage für das Programm des geplanten Architekturwettbewerbs dienen, der im Herbst 2004 vom Stapel laufen wird. Die Einreichung des Baugesuchs ist auf den Frühling 2005 festgesetzt. Im selben Jahr soll gebaut werden. Die SBB-Immobilienabteilung von Zürich schlägt jedoch quer. Sie hat in Bern ein Antrag gestellt auf einen Wettbewerb zu verzichten und ab 2004 die Viaduktbogen ausbauen zu können.
Zurecht sagen sich die IG Viaduktler, was sollen wir mit dieser Scheisse. Die faktische Zurückweisung der Petitionsforderungen hinnehmen und mittels Beteiligung an den Workshops in der Rolle der Hofnarren die in Jahren aufgebauten sozialen Quartierstrukturen den Bach runter spülen? Das kanns wohl nicht sein! Das Mittel des Architekturwettbewerbs ist an diesem Ort fehl am Platz. Hier geht es nicht um Architektur, sondern um das Fortbestehen gewachsener sozialer und urbaner Qualitäten, die dem heutigen und dem künftigen Kreis 5 eher ein lebendiges Gesicht garantieren als die Projekte des «hippen» Zürich, die nach Mehrwertabschöpfung geifern.
Hartnäckig wollen sie bleiben. Die IG Viadukt hat mit Hilfe des MieterInnenverbandes bereits ein Mieterstreckungsbegehren bei der Schlichtungsbehörde des Bezirks Zürich eingereicht. Weiter will sie die Möglichkeiten der Forderung nach einem Baurechts prüfen. Die Tage, als sich IG Viadukt an der Nase rumführen liess, sind definitiv gezählt.
.RF Nr. 11, März 2003
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