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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Unterschicht droht Verdrängung aus Kreis 4


Steigende Mietzinse führen zu einer sozialen Entflechtung von Zürcher Quartieren. Die Unterschicht und mittelständische Familien müssen zunehmend an den Stadtrand ziehen.

Dario Venutti
In London lässt sich der soziale Status einer Person an der Dauer ihrer Fahrzeit ins Stadtzentrum ablesen. Hunderttausende pendeln täglich bis zu zwei Stunden vom Wohnort an der Peripherie zur Arbeit in die Innenstadt. Weil Wohnungsvermieter im Zentrum exorbitante Preise verlangen, können sich selbst qualifizierte Arbeitnehmer des unteren Mittelstandes, beispielsweise Verkäufer oder einfache Beamte, keine Wohnung leisten und werden an den Stadtrand abgedrängt.
In Zürich präsentiert sich die Situation wegen der Überschaubarkeit und Kleinheit der Stadt nicht so prekär. Dennochist Zentrumsnähe beziehungsweise -ferne auch in Zürich Indikator für den Wohlstand einer Person: Wer im Kreis 1 oder im Seefeld wohnt, gehört in der Regel zur Oberschicht und kann es sich leisten 3500 Franken und mehr für die Miete zu bezahlen. In Schwamendingen oder Seebach hingegen leben vor allem Menschen mit tiefem Einkommen und wenig Bildung, oft Ausländer.
Seit dem Jahr 2000 ist der Mietzins in Zürich, bereinigt um die Teuerung, um4 Prozent gestiegen - mit der Folge, dass besonders Familien aus der Unterschicht vermehrt nach Seebach, Oerlikon oder Schwamendingen gezogen sind. «In diesen Stadtteilen ist der Zuzug von einkommensschwächeren Gruppen markant», sagt der Sozialgeograf Heiri Leuthold, Ko-Autor der Studie «Segregation und Umzüge in der Stadt und Agglomeration Zürich» aus dem Jahr 2004.

Mittelstand wohnt im Arbeiterviertel
Wie gut sich die Veränderung der sozialen Zusammensetzung an den Miet- und Liegenschaftspreisen ablesen lässt, ist in Zürich-West und in Teilen der Kreise 3 und 4 augenfällig. Gemäss Leuthold haben sich diese Stadtgebiete seit Mitte der 90er- Jahre zu Quartieren des neuen urbanen Mittelstandes entwickelt, wogegen die Unterschicht verdrängt wurde. Dort leben heute Grafiker, Designer, Wissenschaftler oder Medienleute, meistens als Doppelverdiener ohne Kinder.
Hingegen bekunden mittelständische Familien Mühe, eine bezahlbare Wohnung zu finden, wollen sie genügend Raum haben und nicht Lärm und Verkehr ausgesetzt sein. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den meterlangen Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen, die fast schon zum Stadtbild von Zürich gehören. Angesichts des angespannten Wohnungsmarktes suchen mittelständische Familien vermehrt bei Genossenschaften oder Stiftungen nach Wohnungen. Laut Adrian Rehmann, Geschäftsleiter der PWG (Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigem Wohn- und Gewerberaum), sind die Anfragen aus dieser Schicht in den letzten fünf Jahren stark gestiegen. Obwohl die Stiftung mit dem Ziel gegründet wurde, einkommensschwachen Personen günstigen Wohnraum anzubieten, ist sie heute hauptsächlich mit gut vernetzten Leuten mit hohem Bildungsgrad konfrontiert. Bei jeder zweiten freien Wohnung, so Adrian Rehmann, würden die Bewerber gleich noch eine Referenz ihrer Chefs mitschicken.

Langstrasse - nächstes Trendquartier?
Der Verdrängungswettbewerb spielt nicht nur bei den mittleren und tiefen Einkommen, sondern auch in der Oberschicht. Der Soziologe Heiri Leuthold beobachtet, dass reiche Ausländer aus der Banken- und Versicherungsbranche vermehrt einheimische Ärzte und Anwälte überbieten. «Im Quartier Oberstrasse am Zürichberg geht jede zweite gehandelte Liegenschaft an einen reichen Ausländer», sagt Leuthold. Für sie seien Liegenschaften gute Kapitalanlagen. Mitunter gehöre es schlichtweg zum guten Ton, eine Wohnung oder ein Haus in Zürich zu besitzen - auch wenn die Liegenschaft mehrere Monate im Jahr ungenutzt bleibt.
Adrian Rehmann weiss von reichen Ausländern, die sich sogar im Kreis 4 ein luxuriöses Appartement leisten, obwohl sie nur selten dort wohnen. Dieses Beispiel könnte zum Fanal werden für die Entwicklung im Langstrassen-Quartier. Laut Rolf Vieli, Leiter des Projekts «Langstrasse Plus», boten Liegenschaftbesitzer noch vor wenigen Jahren moderate Preise. Heute würden viele zuwarten - wohl in der Hoffnung, dass die Preise weiter steigen. Viele Menschen im Kreis 4 befürchteten deshalb, dass sich die Liegenschaftspreise und Mietzinse in die Richtung von Zürich-West entwickelten. «Weil Ängste Trends einleiten können, muss man sie ernst nehmen», sagt Rolf Vieli.
Laut Bruno Crestani, Leiter des Betreibungsamtes im Kreis 4, ist die Luft für viele Einwohner jetzt schon dünn. Eine Mietzinserhöhung von 200 oder 300 Franken könnte sie in die Armutsfalle treiben - oder zum Umzug an die Peripherie und in die Agglomeration zwingen, wo der Wohnungsmarkt jedoch auch ausgetrocknet ist. Will die Stadt die soziale Durchmischung erhalten, sollte sie laut Vieli Liegenschaften aufkaufen und als günstige Wohnungen anbieten.
Adrian Rehmann glaubt, dass sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt weiter verschärfen und die soziale Entflechtung der Quartiere voranschreiten wird. Verhältnisse wie in London, wo sich nur noch sehr Wohlhabende eine Wohnung in der Innenstadt leisten können, wird man in Zürich aber kaum antreffen. Fast 30 Prozent der Liegenschaften sind im Besitz von Genossenschaften, Stiftungen und der Stadt, die das Wohnen nicht als Kapitalanlage ausnutzen.


Tages-Anzeiger, 21.6.2008


 

 

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