Kritik am neuen St. Galler Fussballstadion
Einsprachen gegen den Überbauungsplan zum St. Galler Stadion verzögern den Bau. Platzt nun das Grossprojekt?
Maria Lorenzetti
Es kommt in St. Gallen nicht gut an, Einwände gegen das geplante neue Fussballstadion für den angeschlagenen FC St. Gallen vorzubringen. So versichert der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) denn auch umgehend, das Stadion an sich zu akzeptieren. Die Einsprachen des VCS gegen den Überbauungsplan beziehen sich auf das «mitgelieferte Einkaufszentrum» am westlichen St. Galler Stadtrand.
Tatsächlich ist das Einkaufszentrum, mit Kosten von rund 220 Millionen Franken und 37 000 Quadratmeter Verkaufsfläche das grösste in der Region, mehr als nur eine Beilage. Stadt und Kanton St. Gallen sind bereit, der Stadion AG das Bauland weit unter seinem Wert zu überlassen. Diese will den Boden wiederum den Investoren Jelmoli und Ikea zum höheren Preis weiterverkaufen und mit dieser Differenz das geplante Stadion zu mindestens zwei Dritteln finanzieren. Geht es nach den Wünschen der Stadion AG, wären die Subventionen noch höher; lieber hätte man den Boden nämlich zum Preis von einem symbolischen Franken erhalten. In jedem Fall gilt aber: ohne Einkaufszentrum kein neues Stadion.
VCS nicht zufrieden
Der VCS kritisiert die Erschliessung der geplanten Einkaufs- und Stadionüberbauung mit dem öffentlichen Verkehr als ungenügend. Zwar sind im stark verkehrsbelasteten Quartier Winkeln neue Buslinien vorgesehen; die Promotoren haben kürzlich alle dereinst an- und abfahrenden Busse zu einer Frequenz von 30 Bussen pro Stunde zusammengezählt.
Das Angebot sei aber derart unübersichtlich und unbequem angelegt, dass es für die zukünftigen Benutzerinnen und Benutzer nicht attraktiv sei, kontert der VCS. Und rechnet seinerseits vor, dass ein mit Einkaufstaschen voll bepackter Mensch sich unter Umständen mindestens «1,5 bis 2,5 Minuten» bis zur nächsten Haltestelle schleppen müsse - die Wartezeiten für die Überquerung einer sechsspurigen Strasse nicht eingerechnet. Der VCS fordert darum einen zentralen Bushof. Er bemängelt auch die aufgelegten Unterlagen als lückenhaft. Den Argwohn der Einsprecher erweckt zum Beispiel, dass eine zugesicherte Redimensionierung der Verkaufsflächen nicht in den Plänen aufgeführt worden sei.
Die Einsprache des VCS ist nicht die einzige. Der Quartierverein Winkeln fordert Massnahmen zur Verkehrsberuhigung im Quartier, zudem sind mehrere private Einsprecher aktiv geworden.
Schmerzgrenze erreicht?
Kritik kommt auch vom Bund Schweizer Architekten. Dessen Ostschweizer Sektion hegt Ressentiments, weil seinerzeit für das Grossprojekt kein Architekturwettbewerb durchgeführt wurde. In einem Wettbewerb hätte sich frühzeitig herausgestellt, dass das Grundstück für die intensive Nutzung eigentlich zu klein sei, meint Obmann Paul Knill. In der heutigen Gestalt der Anlage sehe er eher eine Konzession an die engen Platzverhältnisse als eine architektonische Idee. «Immerhin ist es eine gut gemachte Konzession.»
Inzwischen geraten Stadion AG und Investoren unter Zeitdruck. Wenn das Einkaufszentrum, wie von den Investoren geplant, im Frühling 2005 eröffnet werden soll, müssten im nächsten Frühsommer die Bagger auffahren. «Den Termin haben wir schon mehrfach verschoben, irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht», sagt Gerd Laube, Verantwortlicher beim Hauptinvestor Jelmoli. Bei einer weiteren Verzögerung sei der Rückzug aus dem Geschäft immer noch eine Option, meint Laube, ohne sich auf einen für ihn gerade noch akzeptablen späteren Baubeginn festlegen zu wollen.
Beim VCS zeigt man sich «auf der Grundlage der Einsprachen gesprächsbereit». Allerdings muss das Projekt in jedem Fall noch mehrere politische Instanzen durchlaufen, inklusive einer allfälligen Abstimmung über die Zonenplanänderung. Ein Baubeginn im nächsten Sommer ist also aussichtslos. Der Bausekretär der Stadt St. Gallen, Alfred Kömme, will das freilich nicht so drastisch ausdrücken: Der Zeitplan der Investoren sei einfach «sehr, sehr optimistisch».
Tages-Anzeiger, 9.1.2003
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