Urbane Grossprojekte als Events
Von Karl Richter
Auf der Suche nach der Identität einer Stadt spielen städtebauliche Grossprojekte und die Festivalisierung der Stadtpolitik durch Grossereignisse eine herausragende Rolle. Grossprojekte lassen sich nicht nur damit begründen, dass weite Flächen verfügbar sind, sondern auch durch Absicht, durch grossflächige Umstrukturierungen die Aussenwirkung der Stadt als Standort für weitere Investitionen zu verbessern.
Kaum eine Grossstadt in Deutschland, die nicht die Umnutzung frei werdender Bahnflächen, devastierter Kasernenareale oder aufgelassener Hafengelände plant. Die Projekte des grossflächigen Stadtumbaus entspringen dabei der Wachstumslogik, die unserem Wirtschaftssystem zugrunde liegt: Wirtschaftswachstum bedeutet Büroflächenwachstum, Ansiedlung von Firmen und steigenden Wohlstand, der sich in höheren Wohnflächenansprüchen niederschlägt. Bleibt das Wirtschaftswachstum wie zur Zeit auf längere Sicht aus, wird der Kampf um die Neuansiedlung von Firmen härter, und das Buhlen um Fördermittel, die zu konjunkturfördernden Ereignissen gewährt werden, nimmt groteske Formen an.
Zur Profilierung im nationalen und internationalen Wettbewerb bemühen sich deswegen die grossen Städte um die Ausrichtung sportlicher und kultureller Grossveranstaltungen wie Olympische Spiele, Fussballmeisterschaften, Kulturhauptstadtstatus, Weltausstellungen, Gartenschauen, periodisch wiederkehrende Kunstausstellungen und Grossmessen. Durch solche Events kann man sich temporär von der besten Seite zeigen, vor allem dann, wenn man sich durch eine fragile Identität zwischen Weltläufigkeit und Provinzialität auszeichnet, wie es zuletzt bei den meisten Bewerberstädten für die Olympischen Spiele 2012 der Fall gewesen ist.
Von Grossereignissen erhofft man sich ebenso eine mobilisierende Wirkung nach innen. Das Aufblühen des bürgerschaftlichen Engagements für die Olympiabewerbung war ein erster Beleg dafür. Aufträge für die lokale Wirtschaft, Innovationen bei der kommunalen Verwaltung und ein Vorteil bei der Vergabe von Subventionen gehören zu den erwünschten Folgen dieser selbstreferentiellen Politik. Das Fest um des Festes willen, zur Ehre der Stadt oder der Nation reicht jedoch nicht aus, um den Aufwand auch nur plausibel zu machen. Politisch durchsetzbar ist das Grossereignis nur dann, wenn mit ihm bleibende positive Effekte verbunden sind. So gehörten zur Olympia-Bewerbung aller Städte die sinnvolle Nachnutzung der Bauten und Flächen, die Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur, die Modernisierung der städtischen Verwaltung und neue Attraktionen, die über die Dauer des Ereignisses erhalten bleiben.
Wie bei jedem Grossprojekt verleitet die dazugehörige Grundsatzdiskussion dazu, die finanziellen Risiken klein und die erwarteten Gewinne gross zu rechnen. Die latente Renommiersucht von Politik und Wirtschaft und die grosszügige Verwendung von Steuergeldern mindern diese Vorhaben im Ansehen der Bürger. Die Frage der Nachnutzung wird nie mit der gleichen Intensität geklärt wie die Organisation des Events selbst. Eine nachhaltige positive Wirkung von städtebaulichen Grossereignissen ist selten eingetreten. Der Olympiapark in München, die Erneuerung der öffentlichen Infrastruktur in Barcelona, die Grands Projets in Paris und der Guggenheim-Effekt in Bilbao sind Ausnahmen geblieben.
Deswegen weicht die Freude über die Auswahl Leipzigs der Skepsis über den Ausbau der Infrastruktur und deren Nachnutzung. In der kleinsten aller deutschen Bewerberstädte für die Olympischen Spiele 2012, die darüber hinaus in einer bevölkerungssschwachen Region liegt, werden sich die neuen Sportstätten trotz des geplanten Teilrückbaus nicht dauerhaft wirtschaftlich betreiben lassen.
Der Neubau eines Olympischen Dorfs an der Peripherie ist nicht nur angesichts eines Leerstands von 60'000 Wohnungen grotesk, sondern spricht auch dem stadtökologischen Primat der Innenentwicklung Hohn, die sich angesichts der perforierten Stadtstruktur in Leipzig besser als in jeder anderen deutschen Stadt umsetzen liesse. Mit den Investitionen in eine olympische Infrastruktur würde sich die Politik des Selbst-Dopings und die Abhängigkeit von Fördermitteln fortsetzen, die der Stadt in der jüngsten Vergangenheit ein überdimensioniertes Messegelände und den Ausbau eines internationalen Grossflughafens beschert hat.
Wie sich am Beispiel Leipzigs zeigt, erwachsen die Chancen und Gefahren grosser städtebaulicher Projekte aus ihrer Konzentrationswirkung. Ein Grossprojekt kann Motor der Stadtentwicklung sein, vorausgesetzt, es passt sich in eine Gesamtentwicklungsstrategie der Stadt ein. Die Frage, wie sich unabsehbare wirtschaftliche Entwicklungen etwa in eine Olympia-Planung integrieren lassen, würde eine Planung nötig machen, die sich kurzfristig an verändernde Bedingungen anpassen kann. Teilrealisierungen müssten über Jahre für sich bestehen können, wenn sich darauf folgende Etappen verzögern.
Grossprojekte folgen aber der entgegengesetzten Logik: ein grosser Wurf, der keinen Richtungswechsel zulässt und deswegen weder flexibel, noch torsofähig oder fehlerfreundlich sein kann. Jedes Grossprojekt bündelt Ressourcen und bedeutet Festlegungen von Prioritäten auf lange Zeit. Die weitere schrittweise Sanierung der Leipziger Gründerzeit- und Plattenbauquartiere etwa würde den vorrangigen Zielen der Olympia-Planung hinten angestellt. Folgeeffekte, die von den Investitionen für Olympia für quartiers- und bewohnerbezogene Investitionen erhofft werden, sind rein spekulativ, weil es keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen beiden Investitionszielen gibt.
Ob das Grossereignis ein Erfolg oder eine Niederlage sein wird, wird kaum zu beurteilen sein: Das offizielle Interesse an nüchternen Bilanzen wird sich in Grenzen halten. Es würde auch ein schwieriges Abwägen zwischen kaum vergleichbaren Gütern wie finanzielle Lasten, Prestigegewinn und Standortprofilierung erfordern.
Auf der Suche nach städtebaulicher Identität muss also je nach Interessenslage differenziert werden. Städtebauliche Grosskomplexe sind für die corporate identity von Kapital- oder Immobiliengesellschaften interessant, wenngleich auch diese in der Regel integrierte Lagen bevorzugen. Die Stadtbewohner identifizieren sich stärker mit vertrauten Raumbildern, deren Bauten und Nutzungen sich nur behutsam wandeln. Auch wenn sie sich daran gewöhnen, Bedienstete des internationalen Kapitals zu sein, der Regierungsfunktionen, der internationalen Organisationen, von Olympia, Weltausstellungen und Kongressen, wäre eine Stadt wünschenswert, die für ihre Bewohner hin durchsichtig ist, anstatt in ihrer Bauart von vornherein ihre angeblich lebensnotwendigen Funktionen über ihre Bewohner zu stellen.
Die Besinnung auf die endogenen Kräfte, die das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben einer Stadt ebenso formen und sich in einem behutsamen, kleinteiligen Stadtumbau materialisieren, ist nun die Herausforderung der vier deutschen Städte, die nicht den Zuschlag für die Spiele 2012 erhalten haben. Sie ist mindestens genauso gross wie die von Leipzig und all den Städten in der Welt, die sich über die Gestaltung ihres Gemeinwesens auf ein einmaliges Ereignis hin freuen können.
Der Autor ist Partner im Büro Stefan Forster Architekten in Frankfurt und Lehrbeauftragter für Städtebau an der TU Kaiserslautern.
Frankfurter Rundschau vom 16.4.2003
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