Die Kritiker fanden wenig Gehör
Weniger Verkehr, kleineres Hochhaus - die Stadt Zürich ist den Stadionkritikern etwas entgegengekommen. Die meisten Einwände wurden aber nicht berücksichtigt.
Von Marc Zollinger
Aus ihren Reihen kam am meisten Widerstand: Die Grünen der Stadt Zürich tun sich schwer mit dem Projekt für das neue Fussballstadion in Zürich-West. Auch heute noch, wie ein Podium an ihrer Generalversammlung von gestern Abend zeigte. Viele halten das Vorhaben für überdimensioniert, es sei absolut nicht verträglich für das Quartier. «Wenn das so kommen sollte, bleibt uns nichts anderes übrig, als einen Rekurs einzureichen», sagte Kantonsrätin und Stadion-Anwohnerin Katharina Prelicz-Huber.
Es gibt aber auch Befürworter unter den Grünen. Gemeinderat Christoph Hug setzte sich vehement für das Projekt ein: «Wenn uns private Investoren ein pfannenfertiges Stadion hinstellen, ist das ein Glücksfall.» Es sei für ihn klar, dass die Bauherrin Credit Suisse mit dem Einkaufszentrum und anderen Mantelnutzungen für Rendite sorgen müsse. Mit dem Widerstand erreiche man nichts, nur das Projekt werde «torpediert», denn ohne Stadion wäre es möglich, das Gebiet doppelt so stark zu nutzen. Ähnlich argumentierte Kantonsrat Daniel Vischer: Zürich-West ist für ihn das Zentrum der Zukunft: «Diese Entwicklung hat längst eingesetzt, machen wir uns nichts vor, das ist gelaufen.» Zudem könne er nicht einsehen, weshalb Städte wie Basel, Genf und Bern eine Arena haben sollen, nur Zürich nicht.
«Wir hätten einpacken können»
Ein erster Pulsmesser für die Akzeptanz des Stadions waren die Einwände gegen den Gestaltungsplan. Insgesamt 333 Kritiker meldeten sich zu Wort. Inzwischen haben die Stadtzürcher Behörden das Projekt nochmals überarbeiten lassen. Von den Einwendungen wurden allerdings weniger als 10 Prozent berücksichtigt. «Wären wir auf sie eingegangen», sagt Hochbaudepartementssprecher Urs Spinner, «hätten wir einpacken können.»
Die meisten Kritiker zielten direkt aufs Herz des Projekts: Sie wollen kein Einkaufszentrum im Fussballstadion oder überhaupt keine Mantelnutzung, da sie befürchten, das Quartier werde mit Verkehr überschwemmt. Doch ohne Shopping, Hotel oder Restaurants lässt sich das gewählte Stadionmodell nicht verwirklichen, weil damit der Bau und der Betrieb querfinanziert werden.
Unrealistisch war auch der Vorschlag vieler Kritiker, die öffentliche Hand solle das Stadion selber bauen und nicht die Credit Suisse. Das hiesse: zurück zum Start. Und dafür fehlt die Zeit. Denn spätestens 2008, zur Eröffnung der Fussball-Europameisterschaften, muss das Stadion gebaut sein. «Das wäre unmöglich zu schaffen», sagt Markus Peter vom Zürcher Architekturbüro Meili & Peter, das den Wettbewerb gewonnen hat.
Kathrin Martelli ist «Miss Stadion»
Von den 25 Einwendungen, die nun in das Projekt eingeflossen sind, betreffen viele den Verkehr und die Bewirtschaftung der Parkplätze mit dem neuartigen Fahrtenmodell. Viele wollten verbindlicher festgehalten haben, dass das Stadion bereits zum Zeitpunkt der Eröffnung mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen ist. Neu steht deshalb eine «Muss-Formulierung» im Vertragswerk, wie Pressesprecher Spinner sagt. Diese betrifft allerdings lediglich die neue Buslinie 54. Das Tram 18, das die Stadt ebenfalls so schnell wie möglich einführen will, konnte aus terminlichen Gründen nicht aufgenommen werden. Einige Kritiker verlangen zudem, dass Stadtpräsident Elmar Ledergerber, der sich in seiner Zeit als Hochbauchef für das Projekt stark gemacht hatte und auch nach seiner Wahl ins Präsidium Wortführer blieb, das Dossier entzogen wird. Das ist jetzt schriftlich fixiert: Kathrin Martelli, Vorsteherin des Hochbaudepartements, ist nun auf Seiten der Behörden die «Miss Stadion». Die wichtigsten Änderungen:
Die Höhe des Bürohochhauses, das an die Stelle des heutigen Parkhauses zu stehen kommt, wird um 12 Meter reduziert. Von 80 auf 68 Meter.
Die Limite für das Fahrtenmodell, womit der Verkehr unter Kontrolle gehalten werden soll, wird in der ersten Phase der Inbetriebnahme von jährlich 3,9 auf 3,4 Millionen Fahrten gesenkt.
Die rechts abbiegende Ausfahrt aus dem Parkhaus in Richtung City wird gestrichen, um die Hardturmstrasse nicht mit zusätzlichem Verkehr zu belasten. Stadtzürcher müssen also nach dem Einkauf mit dem Auto zuerst Richtung Limmattal fahren. Diese Massnahme muss allerdings noch der Kanton bewilligen. Laut Spinner hat er angekündigt, das Anliegen zu unterstützen.
Keine Nutzungen gestrichen
Gemäss Architekt Markus Peter haben die Änderungen keine nennenswerten Auswirkungen. Weder das reduzierte Hochhaus noch die niedrigere Fahrtenzahl zum Stadion - in seinen Augen die wichtigste Veränderung - hätten zur Folge, dass Nutzungen gestrichen werden müssten. Er sei für die Zukunft des Stadions zuversichtlich, wenn auch noch einige Hürden zu nehmen seien. Peter denkt nicht so sehr an die Volksabstimmung als an die möglichen Rekurse, die den Zeitplan arg in Bedrängnis bringen können. Ob dem so ist, wird sich noch dieses Jahr zeigen - in einigen Wochen wird der Zürcher Gemeinderat über den Gestaltungsplan befinden, danach sind Einsprachen möglich.
Tages-Anzeiger, 16.4.2003
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