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Wo Bürger zu Konsumenten regredieren

Shoppingmalls belasten die Innenstädte. Obwohl beim Sihlcity-Projekt behutsamer geplant wurde als anderswo, wirft die Privatisierung des Öffentlichen Fragen auf.

Von Jean-Martin Büttner
«Willkommen in der kleinsten Grossstadt» strahlt das Zeitungsinserat zu Sihlcity, dem neuen Einkaufszentrum von Zürich, das morgen nach knapp vier Jahren Bauzeit eröffnet wird. Trotz des verkleinernden Adjektivs klingt die Grussbotschaft nicht eben bescheiden. Aber Bescheidenheit ist das Letzte, wonach den Betreibern solcher Grossprojekte zu Mute ist, in diesem Fall der Credit Suisse und der Swiss Prime Site. Vielmehr streben die Besitzer nach dem Gegenteil. Sihlcity ist die grösste private Überbauung der Schweiz. «Mehr braucht es nicht», heisst es in den Inseraten.
Das lässt sich auch als Drohung lesen: Wer Sihlcity aufsucht, braucht offenbar keine Quartierläden mehr, kein auswärtiges Restaurant, kein Innenstadt-Kino, kein Hotel und keinen Fitnessraum. Auf dem ehemaligen Gelände einer Papierfabrik ist alles schon da - in einer kompakten Grossstadt, die sich selber genügt. Das zwingt zur Frage, was für Bürger diese Stadt bevölkern sollen. Die jahrzehntelangen Erfahrungen mit Shoppingmalls in den amerikanischen Agglomerationen, aber auch in Europa und auf anderen Kontinenten legen die Vermutung nahe, dass in diesen Zentren keine Bürger erwünscht sind, sondern Konsumenten.

Ein Hang zur Segregation
Die temporären Bewohnerinnen und Bewohner solcher Einkaufszentren müssen Geld haben und sollen Geld ausgeben. Die Malls sind weder für Flaneure noch als urbane Treffpunkte gedacht. Die Kundschaft steht unter ständiger Bewachung und hat sich unauffällig zu verhalten. Weder Penner noch Skateboardfahrer oder herumlungernde Jugendliche sind erwünscht, Unterschriftensammlungen und andere Bürgeraktionen bleiben verboten. Auch wenn Shoppingmalls einen öffentlichen Eindruck machen, bleiben die Besitzverhältnisse privat und der Zugang zu ihnen reguliert. «Erlaubt ist, was nicht stört», sagt Conradin Stiffler lakonisch, der als Projektleiter von Sihlcity dynamisch über das Gelände führt. Erst auf mehrmaliges Nachfragen hin räumt er ein, dass seine Arbeitgeber zwar Besucherinnen und Besucher dulden werden, die nicht bloss konsumieren wollen; dass aber auch ihnen verboten bleibt, auf dem privaten Gelände eigene Aktionen durchzuführen.
Relativierend bleibt anzumerken, dass das Zürcher Projekt die Besitzansprüche seiner Betreiber subtiler durchsetzt, als man sich das von der klassischen amerikanischen Shoppingmall gewohnt ist. Sihlcity sei eines der besseren Beispiele für ein Einkaufszentrum, sagt der Architekt und ETH-Professor Marc Angélil, der in Zürich und Los Angeles wohnt und an vielen Orten baut. Im Gegensatz zum Innerschweizer Grossprojekt Ebisquare in Ebikon, das als geschlossenes System geplant sei, werde in Zürich trotz privaten Ansprüchen der Betreiber «die Stadt erweitert und der öffentliche Raum weitergeführt».
So hat Theo Hotz, Architekt von Sihlcity, ein ästhetisch ansprechendes Projekt realisiert und die denkmalgeschützten Industriebauten elegant mit den Neukonstruktionen kombiniert. Die Parkplatzzahl wurde beschränkt, das Gelände lässt sich mit Tram, Zug und Bus erreichen. Die Gebäudenutzung bleibt vielfältig und nicht ausschliesslich auf den Konsum ausgerichtet. Zudem lässt der offene Platz im Inneren der Überbauung so etwas wie Öffentlichkeit im Privaten zu.
Auch Benedikt Loderer, Chefredaktor der Fachzeitschrift «Hochparterre», hält Sihlcity für vergleichsweise geglückt. Im Gegensatz zu so abschreckenden Grossbauten wie dem Einkaufszentrum Tivoli in Spreitenbach und anderen habe man die amerikanischen Fehler nicht wiederholt. Loderer verwahrt sich auch gegen die reflexartige Kritik solchen Projekten gegenüber, die er als «linkes Geflenne» bezeichnet. Der Mythos vom bedrohten Quartierladen, sagt er, halte der Wirklichkeit schon lange nicht mehr stand.

Abschreckendes aus Amerika
Natürlich ist auch Loderer klar, dass die Vorzüge von Sihlcity dem politischen Druck der Stadt und vor allem der Umweltverbände mit zu verdanken sind. Ihre Auflagen könnten dem Projekt längerfristig nützen; sie verhindern nämlich, dass das Zentrum nach Ladenschluss verwaist und abends nur mehr ein totes Gelände zurückbleibt. «Die vergleichsweise strengen Rahmenbedingungen haben verhindert», sagt auch Marc Angélil, «dass allzu viel falsch gemacht wurde.»
Was städtebaulich geschieht, wenn sich niemand um Nachhaltigkeit bemüht, hat der ETH-Professor in den USA erlebt. In den amerikanischen Agglomerationen werden Einkaufszentren ohne Rücksicht auf die Umgebung hochgezogen. Vor allem der Grosskonzern Wal-Mart überzieht das Land mit seinen Filialen. In einer ersten Phase werde eine ganze Region mit Wal-Mart-Zentren bestückt, sagt Angélil, um die lokalen Läden auszuschalten. Dann begännen sich die Malls des Konzerns gegenseitig zu konkurrieren, worauf die unrentabel gewordenen Zentren aufgegeben würden und als Baubrache ungenutzt zurückblieben. Die Umgebung der verbliebenen Einkaufszentren verkomme unweigerlich zum «ungepflegten und städtebaulich aufgegebenem Vakuum», das von Armen bewohnt werde und verwahrlose.
Von solchen Versehrungen ist die Schweiz weit entfernt, schon auf Grund ihrer demokratischen Struktur, aber auch wegen ihrer engen Räume und ihrer höher entwickelten architektonischen Tradition. Anders als in Deutschland oder in Frankreich stösst die Amerikanisierung des Städtebaus in der Schweiz auf grössere Widerstände. In Deutschland zum Beispiel hat wo der auf Grossimmobilien spezialisierte ECE-Konzern schon Aberdutzende von Einkaufszentren realisiert.
Auch in Zürich wird Grundsatzkritik formuliert. So mag Richard Wolff vom Stadtforschungsinstitut Inura dem Sihlcity-Grossbau nicht einfach zustimmen, «nur weil man für alles schlimmere Beispiele findet». Es sei zum Beispiel nicht absehbar, wie sich das Fahrtenmodell von Sihlcity auswirken werde, trotz aller Parkbeschränkungen. Das Grosszentrum stehe direkt neben der Autobahn, also werde es auch Kunden vom linken Seeufer und aus der Innerschweiz anlocken, viele von ihnen mit dem Auto. Ohnehin hält Wolff das Projekt für viel zu gross. «Sihlcity wird mit Sicherheit Kaufkraft aus dem Zentrum abziehen», befürchtet er. Diese Verlagerung an den Stadtrand werde die Innenstadt bedrohen.
Den auffälligsten Widerspruch der neuen Überbauung zeigt ausgerechnet eine öffentliche Institution auf. So will die Pestalozzi-Bibliothek auf dem Sihlcity-Gelände eine neue, geräumige Filiale eröffnen. Zugleich werden ihre Ableger in den Quartieren Heuried und Enge geschlossen. Selbst wo auf privatem Gelände Öffentlichkeit hergestellt wird, wirkt sich das zum Nachteil der Quartiere aus.

Marc Angélil: Indizien. Zur politischen Ökonomie urbaner Territorien. Niggli, Zürich 2006.

Walter Brune und andere (Hrsg.): Angriff auf die City. Kritische Texte zur Konzeption, Planung und Wirkung von integrierten und nicht integrierten Shoppingcentern in zentralen Lagen. Droste, Düsseldorf 2006.


Tages-Anzeiger, 21.3.2007


 

 

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