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STADT-WOHNEN
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Zürcher gehen oft auf Einkaufstour

Zürich kauft noch traditionell ein: Am liebsten während des Tages und im Quartier. Internetshopping ist bis heute nur eine Randerscheinung

Von Janine Hosp
Die Zürcherinnen und Zürcher geben sich gerne urban und fortschrittlich. Für ihre Einkaufsgewohnheiten gilt das aber nicht: Die meisten kaufen noch ganz traditionell während des Tages ein, und dies am liebsten in den Läden im Quartier. Sie gelangen zu Fuss oder mit Tram und Bus dorthin, und zwar fast jeden Tag.
Weniger traditionell sind indessen ihre bevorzugten Geschäfte: Nur noch die wenigsten machen die klassische Tour vom Bäcker über den Metzger und Käser zum Gemüsler: 94 Prozent der Befragten kaufen mindestens einmal pro Woche bei den Grossverteilern ein. Dies geht aus der Studie «Einkaufen in der Stadt Zürich» der Fachstelle Stadtentwicklung Stadt Zürich hervor, wobei sie sich auf die Besorgungen für den täglichen Bedarf beschränkt. Der Studie liegen die Ergebnisse der Bevölkerungsbefragungen 2005 und 2003 zu Grunde.

Männer, die nie einkaufen
Trotz dieses deutlichen Trends sind die Einkaufsgewohnheiten der Einzelnen sehr unterschiedlich. So zeigt sich, dass Frauen deutlich häufiger einkaufen gehen als Männer: 80 Prozent der Frauen machen mehr als einmal pro Woche Besorgungen, bei den Männern sind es nur 69 Prozent. 5 Prozent von ihnen können sich gar den Luxus leisten, gar nie einkaufen zu gehen.
Der Zeitpunkt des Einkaufs teilt die Kundschaft in zwei Gruppen: in eine mit und eine ohne Kinder. Tagsüber gehören die Geschäfte ganz der ersten Gruppe - Hausfrauen oder -männern, (Teilzeit-)Erwerbstätigen mit Kindern, aber auch Rentnerinnen und Rentnern. Am Abend und am Sonntag machen sich Berufstätige ohne Kinder und Personen in Ausbildung breit. Nur am Samstag trifft sich die ganze Einkaufsgemeinde bei der Migros oder bei Coop. Der Abendverkauf hat sich in den Aussenquartieren bis heute nicht durchgesetzt: Nur unter den Befragten aus den Kreisen 1, 4 und 5 sowie Seefeld und Enge kauft ein grosser Teil - gegen 50 Prozent - mehrmals pro Woche am Abend ein.
Bäckereien, Metzgereien und andere Detailhandelsgeschäfte haben gegenüber den Grossverteilern einen schweren Stand: Während bei Letzteren 94 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Woche einkaufen, sind es bei den Detaillisten nur 49 Prozent. Viele ihrer Kunden verdienen gut (Haushaltseinkommen über 120 000 Franken), sind berufstätig und kinderlos. Überraschend gut konnte sich hingegen die Urform des Einkaufens halten, der Markt: Jeder Fünfte besucht mindestens einmal pro Woche einen. Nur gerade 7 Prozent der Befragten kaufen regelmässig - mindestens einmal pro Woche - in den grossen Einkaufszentren ausserhalb der Stadt ein, am ehesten Bewohnerinnen und Bewohner aus Zürich-Nord, die rasch in den Einkaufszentren Glatt oder Regensdorf sind, sowie jene aus Witikon und Fluntern. Sihlcity in Zürich-Süd wird diese Landkarte aber wohl neu gestalten. Gemäss Studie bevorzugen vor allem Personen mit tiefem Bildungsniveau die Einkaufszentren. Auch das Internetshopping spielt (noch) keine grosse Rolle: 87% der Befragten kaufen nie auf diese Weise ein. Weitaus am meisten Personen gehen zu Fuss oder mit Tram und Bus einkaufen (68 Prozent), vor allem Frauen. Nur 24 Prozent sitzen ins Auto, darunter überdurchschnittlich viele Männer, Berufstätige und Personen mit höherem Einkommen. Grosse Unterschiede zeigen sich aber auch zwischen den Quartieren: Zu Fuss gehen besonders viele Befragte aus den zentralen Stadtteilen, mit dem Auto solche in den Randquartieren in Zürichs Westen, Norden und Süden und in Fluntern.

Unzufriedene Höngger
Viele Befragte finden das gesamtstädtische Einkaufsangebot attraktiver als jenes im Quartier. Dennoch kauft eine Mehrheit in der nächsten Umgebung ein, je nach Quartier mit grösserer oder kleinerer Freude. Sehr zufrieden sind die Befragten in Oerlikon, Schwamendingen, Albisrieden, im Kreis 8, in Witikon und Sihlfeld. Unzufrieden sind sie hingegen in Fluntern, Höngg, Seebach und Oberstrass. Weshalb, lässt sich nicht in jedem Fall erklären. Die Studie «Quartierversorgung in der Stadt Zürich» etwa kommt zu einem anderen Schluss; sie erachtet das Angebot in Witikon, Seefeld (Höschgasse), Oberstrass (Rigiblick) und Seebach als gleich gut; alle Einrichtungen des kurzfristigen Bedarfs liegen dort innerhalb einer Distanz von maximal 600 Metern, und es gibt mindestens ein mittelgrosses Lebensmittelgeschäft.
«Dass 68 Prozent der Befragten ihre Einkäufe für den täglichen Bedarf im Quartier erledigen, lässt den Schluss zu, dass dort die Versorgung gewährleistet und das Angebot durchaus gut ist», sagt Daniela Wendland. Sie ist Projektleiterin für Wirtschaftsfragen bei der Stadtentwicklung. Aus Sicht der Stadtentwicklung ist es wichtig, dass die Dinge des täglichen Bedarfs im Quartier erhältlich sind. Dass viele Befragte die städtischen Einkaufsmöglichkeiten für besser halten als jene im Quartier, ist laut Daniela Wendland nicht nur in Zürich so, wo das Angebot in der Innenstadt besonders gross ist. Zwischen diesen Angeboten bestehe eine durchaus sinnvolle Arbeitsteilung: In der Stadt kauft die Kundschaft Waren wie Kleider oder Haushaltsgeräte, im Quartier Dinge des täglichen Bedarfs.



LANGSTRASSE: DIE EINKAUFSSTRASSE
Wohnt man im Kreis 4 in der Nähe der Langstrasse, ist man einkaufstechnisch privilegiert. Sowohl am Anfang als auch am Ende der Langstrasse markieren zwei grosse Migros-Filialen ihre Vorherrschaft. Dazwischen, kurz nach dem Helvetiaplatz, deckt ein kleiner Coop (inklusive Securitas zur Überwachung u n d Sicherheit der Kundschaft) die Bedürfnisse des täglichen Bedarfs. Ein paar Schritte weiter ist der indische Supermarkt Agarwal mit frischen Gewürzen, die man selbst bei Globus nicht findet. Weiter vorne, in der Nähe der Busstation Militär-/Langstrasse, bedient eine von netten Menschen geführte Denner-Filiale Leute, die es vor allem nach Alkohol, Tabak und Tiefkühlpizza gelüstet. Auch an dieser Kreuzung liegt der 24-Stunden-Express-Shop. Und wem nach einem schönen Agnello, einem Lamm, oder einer «Kreis-4-Wurst» ist, der geht zur Metzgerei Fulvi, die unweit der Langstrasse an der Schöneggstrasse liegt. Und natürlich der Markt: immer dienstags und freitags. (th)



SCHAFFHAUSERPLATZ: DA FINDET SICH FAST ALLES
Auf Versorgungsstufe D, die zweittiefste, sei der Schaffhauserplatz abgerutscht, sagt die Quartierversorgungsstudie und das klingt nach hart an der Sahelzone. Dabei findet man rund um den Schaffhauserplatz fast alles: Brot beim Gnädiger, Spezialschrauben beim Baumgartner, Glühbirnen beim Elektriker, Gemüse in der Migros, Nuggis beim Wehrli, Blümchen vom Blumengeschäft oder vom Trottoirrand, Töggeli für die Töggelischuhe beim Oechslin, Lottozettel bei zwei Kiosken. Was vergessen? Ach ja, die Post und apropos Versorgungsstufe D: In der Wertung sind die Veränderungen ab 2003 nicht berücksichtigt. Das Starbucks nicht, das Kafi Schnaps nicht, das sich zum Treff entwickelt hat. Ist man nach Ladenschluss unterwegs, gibts den Coop Pronto. Ist man zu faul zu kochen, den Asiaten. Auswärts essen, könnte man jetzt kritteln. Aber auswärts essen heisst so, weil es eben auswärts gehen soll, und was das angeht, ist man am Schaffhauserplatz sowieso bestens bedient. (reu)



LEIMBACH: GRÜNE ÖDNIS MIT BAUERNHOF
Wohnt man in Leimbach, genauer im hintersten Zipfel, im grünen Oberleimbach, muss man eine Einkaufs-Öde hinnehmen. Nebst einem Coop-Supermarkt an der Leimbachstrasse gleich neben der Bushaltestelle Sihlweidstrasse gibt es weiter unten in Richtung Bahnhof Leimbach eine kleine Migros-Filiale. «Die Einkaufsmöglichkeiten sind nicht optimal», sagt eine Quartierbewohnerin. Deshalb kauft sie oft in der Stadt ein. Dafür haben die Leimbacher ihren Bio-Bauernhof. Der «Leimbihof» der Familie Lusti am Fusse des Üetlibergs ist Bio-Suisse zertifiziert und verkauft von der Rohmilch über Früchte und Gemüse bis zum Trockenfleisch fast alles, was den Bauch und die Seele glücklich macht. Wer die Kaninchen einmal beobachtet hat, möchte entweder aus Verzückung über die Tierchen sofort auf das Fleischessen verzichten, oder aber er überlegt sich den Griff nach den Kaninchen aus Ungarn im Kühlregal des Grossverteilers beim nächsten Einkauf zweimal. (th)


Tages-Anzeiger, 29.5.2007


 

 

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