 |
Schindelhäuser: Kritik an Renovationsplänen
Die Stadt will die Wipkinger Arbeiterhäuser modernisieren. Kosmetik, die nur die Mieten nach oben treibe, bemängeln Bewohner. Wird die Siedlung zum zweiten Riedtli?
Von Marcel Reuss
Christof Litz will es nicht in den Kopf. Wieso einen Gasherd rausreissen und ihn durch einen Elektroherd ersetzen? Einen Gasherd, der gerade mal zwei Jahre alt ist und bestens funktioniert. Seit 20 Jahren wohnt Litz in den Wipkinger Schindelhäusern. Seine 2-Zimmer-Wohnung an der Waidstrasse ist klein, die Miete mit 530 Franken bescheiden, der Komfort niedrig - wie in allen 150 Wohnungen der Siedlung. Geheizt wird mit Holz. Die einen, wie Litz, duschen in der Küche, die anderen in der Gemeinschaftsdusche im Keller und die dritten in der Dusche im WC.
Billige Wohnungen wegrenovieren
Und dort sollen künftig alle duschen. Die Liegenschaftsverwaltung plant, die Arbeitersiedlung von 1918 zu renovieren. Anlass dazu: Die defekte Kanalisation. Fast 90 Jahre alt, muss sie ersetzt werden - mitsamt den Abflussrohren für WCs, Schüttsteinen und Brünneli. Arbeiten, die auch Christof Litz als absolut notwendig ansieht. Anderer Meinung ist der 52-Jährige aber, was die gleichzeitige Hausrenovation angeht. Die Stadt erachte die als zwingend; Architekten, mit denen er gesprochen hat, widersprächen dem jedoch.
«Indem sie billige Wohnungen wegrenoviert, plant die Liegenschaftsverwaltung an den Bedürfnissen der Mieter vorbei», sagt Litz. Es sei mit Mietaufschlägen von gegen 300 Franken und mehr zu rechnen, wie andere Beispiele zeigten. Dabei gebe es Mieter, die auf sehr günstigen Wohnraum angewiesen sind. Wie er Äusserungen entnimmt, zielt die Stadt auf angebliche Bedürfnisse in zehn Jahren. Litz ist aber überzeugt, dass die Wohnungen mit ihrem heutigen Komfort auch in zehn Jahren noch gefragt sind. Zudem käme eine Umsetzung der Pläne letztlich einer Zweckentfremdung der Siedlung gleich.
Duschen in allen 150 Wohnungen
Mitentscheidend ist für Litz dabei, dass «die Renovation im Grund Kosmetik ist». Denn an den kleinen Räumen und der «extremen Ringhörigkeit» änderten die Massnahmen nichts. Litz befürchtet, dass allfällige Neumieter gerade wegen der Ringhörigkeit schnell unzufrieden sein könnten und das fragile Zusammenleben in den Häusern über den Haufen geworfen würde. Man höre jeden Furz, sagt Litz, und gerade deshalb seien klare Absprachen, wie sie heute bestünden, unumgänglich.
Wenn Litz erzählt, kommt er in Fahrt - und unterwegs schnell zu offenen Fragen. Fragen zur erwähnten neuen Küchenkombination. Fragen zur Gaszentralheizung mit Radiatoren unter den Fenstern, die die Holzöfen ersetzen sollen. Einer Lösung, die Litz - ebenfalls nach Rücksprache - als nicht seriös abgeklärt einstuft und die das Anliegen vieler Mieter übergehe. Und Fragen zu den Duschen. Dass in allen 150 Wohnungen Duschen installiert werden, damit ist der selbstständige Klavierstimmer einverstanden. Wieso aber in 2-Zimmer-Wohnungen wie seiner die Dusche von der Küche ins WC verschoben werden soll und dafür Wände verschoben werden müssten, das leuchtet ihm nicht ein. Was Litz und einem harten Kern von gut 20 anderen Mietern vorschwebt, ist eine «sanfte, begründete Renovation». Eine, die die verschiedenen Anliegen berücksichtige.
Harter Kern, Widerstand gegen Renovationspläne? Das erinnert an die Riedtli-Siedlung im Kreis 6. Dort hatte ein ähnlicher Zwist zwischen Mietern und Stadt um eine Renovierung und höhere Mietzinse den Baubeginn um ein Jahr auf 2003 verzögert. Doch der Vergleich hinkt: von geschlossenem Widerstand kann in Wipkingen keine Rede sein.
Im Gegenteil. Zwar existiert seit gut 30 Jahren der Schindelhäuserverein, der sich erfolgreich gegen den Abriss der Siedlung gewehrt hat. Heute aber präsentiert sich der Verein gespalten. Vom dreiköpfigen Vorstand sitzen zwar zwei als Delegierte in der Baukommission, die das Renovationsprojekt behandelt. Doch sind sie Befürworter der meisten städtischen Pläne. Litz spricht deshalb von einem «unfriendly takeover» des Vereins. Von einer «unfreundlichen Übernahme» deshalb, weil die Vertreter ihren Standpunkt nie dargelegt hätten, von den Mitgliedern trotzdem aber gewählt worden sind.
Überhaupt scheint die Situation an der Vereinsbasis verworren zu sein. Nachdem die Stadt im Herbst erstmals den Austausch der Küche signalisiert hatte, muss es zwar einen Run auf den Verein gegeben haben - zwei Drittel der Mieter seien nun auch Vereinsmitglieder, wie Litz sagt. Und auch bei einer Umfrage hätten sich von einem Drittel der Mieter rund 90 Prozent für die alte Küche und die Holzöfen ausgesprochen. Trotzdem herrscht inzwischen Funkstille, und bei der letzten Vereinsversammlung im April sind gemäss Litz nur noch einige wenige Mieter aufgetaucht.
Umfrage soll Klarheit bringen
Mit einer zweiten Umfrage will der Verein nun Licht ins Dunkel bringen. Demnächst will er sie starten, und Litz hofft, dabei zumindest eine respektable Minderheit auf seiner Seite zu wissen. Das würde die Chance erhöhen, das Anliegen auf die politische Ebene zu bringen oder gegenüber der Stadt zu vertreten. Und falls keine respektable Minderheit zu Stande kommt? Litz zögert und sagt: «Es gibt schon Momente, wo ich mir überlege, wo ich sonst wohnen möchte.» Vorderhand ist die Antwort für ihn aber eindeutig: In den Schindelhäusern.
«SINNVOLL UND KOSTENGÜNSTIG»
Die Liegenschaftenverwaltung der Stadt wehrt sich gegen die Kritik an den Renovationsplänen. Anlass für die Renovation der Schindelhäuser sei tatsächlich das veraltete Installationssystem, schreibt Lydia Trüb, Sprecherin der Liegenschaftsverwaltung, in ihrer Stellungnahme dem TA. Die 90 Jahre alten Leitungen für Kanalisation, Gas und Wasser müssten zwingend erneuert werden. Und um an diese zu gelangen, müssten die Sanitär- und Küchenapparate demontiert werden. «Es ist sinnvoll und kostengünstig, dabei die gesamte Sanitär- und Kücheneinrichtung zu modernisieren», so Trüb. Dies ermögliche es gleichzeitig, die räumliche Situation in den Wohnungen deutlich zu verbessern. Die Küchen würden wieder als Wohnküchen nutzbar.
«Moderate Mietzinserhöhungen»
Als «zu hoch» bezeichnet Trüb auch die von den Kritikern geschätzten Auswirkungen auf die Mietzinse. Die Liegenschaftenverwaltung habe als übergeordnetes Ziel der Sanierung definiert, dass die Erhöhungen moderat ausfallen müssten. Und dieses Ziel sei von den Fachplanern mit dem vorliegenden Projekt erreicht worden.
Anlässlich der ersten Info-Veranstaltung vom 17. April sei den Mietern das Projekt vorgestellt worden. Dabei seien auch die Mietzinserhöhungen beziffert worden. In Zahlen: Es ist mit einem durchschnittlichen Mietzinsaufschlag von 190 Franken für eine 2-Zimmer-Wohnung und 240 Franken für eine 3 Zimmer-Wohnung zu rechnen. «Auch mit diesen Aufschlägen bleiben die Wohnungen immer noch ausgesprochen günstig», schreibt Trüb weiter.
Auch die Frage der Zentralheizung sei von Experten sehr detailliert abgeklärt worden. Die bestehenden Einzelfeuerungen würden bauphysikalische Probleme der Gebäude verstärken, die heute schon als Schimmelpilz sichtbar sind. Zudem belasteten die Holzöfen die Umwelt übermässig stark. (gg/reu)
Tages-Anzeiger, 19.5.2007
|
|
|
|
Webmaster: alles@stadtlabor.ch
|