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Vom Berg herunterlocken
Die Zürcher Stiftung PWG wurde gegründet, um preisgünstigen Wohn- und Gewerberaum zu erhalten. Erfüllt sie diesen Auftrag?
Von Charlotte Spindler
Abends strahlt das Haus am Park. Von weitem signalisiert es: Ambitiöse Architektur! Maximale Ausnutzung! Trendwende in Aussersihl! Das Haus ist höher als die Bäume in der Bäckeranlage, und es grenzt hart an den Nachbarbau; es nimmt keine Rücksicht auf die intakte Parkrandbebauung aus der Zeit um 1890. Im Oktober 2005 lud die Bauherrin, die Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen der Stadt Zürich (PWG), fünfzig Gäste zur Besichtigung an die Hohlstrasse 78. Fünfhundert Neugierige kamen; die Zeitungen schwärmten von Seventies-Ästhetik und verspürten gar einen Hauch von Central Park. Am Rande wurden auch die Mietpreise herumgeboten: 4300 Franken für die Attikawohnung im obersten Geschoss, die Fünfeinhalbzimmerwohnung im ersten Stock noch 2580 Franken, Nebenkosten inbegriffen. Die neun Wohnungen sind bezogen. PWG-Geschäftsführer Adrian Rehmann ist stolz: «Fünf unserer neuen Mietparteien sind vom Zürichberg und aus dem Seefeld in den Kreis 4 gezogen.» Das Erdgeschoss steht hingegen seit einem halben Jahr leer. Für 8000 bis 9000 Franken im Monat fand sich auf Anhieb niemand, der hier jenes spezielle Restaurant hätte eröffnen wollen, das der PWG vorschwebt. Auf Juni, so heissts bei der Stiftung, soll nun aber doch Eröffnung sein.
Den Kreis 4 aufwerten
Die PWG mit ihren rosa-grünen Ziehvätern (vgl. Kasten) hat eine beträchtliche Dynamik entwickelt. Geschäftsführer Adrian Rehmann macht kein Geheimnis daraus, dass es ihm gefällt, den Besitz der Stiftung zu mehren. Die Aktenablage mit Angeboten, die zur Prüfung stehen, ist immer gut gefüllt. Durch ihre finanziellen Möglichkeiten kann die PWG rasch handeln und muss mit ihren Geschäften nicht durch die parlamentarischen Mühlen. Ursprünglich hätte die Stadt die Stiftung gern enger an sich gebunden; aber der damalige Geschäftsführer und Präsident Andi Hoppler wehrte sich für die Unabhängigkeit der Stiftung von der städtischen Liegenschaftsverwaltung. Die PWG besitzt im Rotlichtviertel um die Langstrasse eine Reihe Häuser an eher exponierten Lagen. Im letztjährigen Tätigkeitsbericht liest man von «problematischem Wohnverhalten mancher Mieter», von verdreckten Hinterhöfen, die man wieder in Schuss gebracht habe. Auch dort, wo das edle Haus am Park gebaut wurde, stand früher eine Problemliegenschaft - ein ziemlich verlottertes Haus, darin die «Schönau», eine der letzten rauen Beizen in Aussersihl.
Die PWG übernahm das Haus zum Preis von zwei Millionen Franken, die Stadt verbilligte den Kauf um eine halbe Million und war damit den Störfall los. «Die PWG ist von der Stadt immer wieder zur Aufwertung im Langstrassenquartier missbraucht worden», kommentiert Thomas Stahel, der in der Plattform Stadtlabor stadtpolitische Veranstaltungen organisiert. «Das aber widerspricht dem Stiftungszweck. Preiswerte Wohnungen entstehen in den ehemaligen Milieuliegenschaften nie.» Rehmann hält dagegen: «Auf Wunsch der Stadt hat die PWG nur die «Schönau» gekauft.» Andere Liegenschaften im Kreis 4 seien der PWG angeboten oder ersteigert worden. Im Kreis 4 wechselten Häuser eben allgemein oft die BesitzerInnen.
«Wir sind nur relativ zum Markt preisgünstig», meint Rehmann und verweist auf die Studie der Immobilienbewertungsfirma Wüest & Partner, die festhalte, dass die PWG für ihre Wohnungen im Schnitt 26 Prozent höhere Mieten erzielen könnte, als sie tatsächlich verlangt. Eine durchschnittliche PWG-Wohnung sei siebzig Quadratmeter gross und koste um die 1132 Franken im Monat, rechnet Rehmann vor. Teuer seien zirka zehn Prozent der Wohnungen. Aber diese seien nach der Kostenmiete berechnet und selbsttragend. Unter Kostenmiete wird im gemeinnützigen Wohnungsbau die Berechnung der höchstzulässigen Mietzinssumme aus Kapitalkosten und übrigen Kosten verstanden.
Walter Angst, Gemeinderat der Alternativen Liste und Mitglied des Stiftungsrats der PWG, widerspricht. Die PWG habe anders als genossenschaftliche und städtische Wohnungen keine Kostenmiete. «Bei der PWG müssen die Mieter in bescheidenen Wohnungen nicht nur den Kauf neuer Häuser finanzieren, sondern auch noch die teuren Neubauwohnungen subventionieren. Zum Beispiel den Prunkbau an der Bäckeranlage mit Mieten, die weit über 2000 Franken betragen.» Über solche Fragen jedoch werde im Stiftungsrat nicht diskutiert. Ein weiterer Punkt, den Walter Angst hervorhebt, ist die Vergabe der Aufträge: Ohne die Intervention seines Gemeinderatskollegen Niklaus Scherr würde die Stiftung die gesetzlichen Richtlinien, die die Vergabe von Aufträge an Mitglieder des Stiftungsrates verbieten, auch heute noch nicht anwenden.
Ein Hauch von Barcelona
Die PWG tritt heute als Investorin auf, als Bauherrin, die gern mit renommierten Architekturbüros arbeitet. Die nächste grosse Kiste ist auch schon da: Die rund fünfzig Viaduktbögen im Industriequartier, wo früher eine bunte Mischung aus Kleingewerbe, Läden, Beizen und Klubs florierte, stehen heute leer und sollen bis Mitte 2008 nach den Plänen des Zürcher Architekturbüros EM2N umgestaltet und neu vermietet werden. Im Zürcher Gemeinderat ist an der Sitzung vom 8. März der private Gestaltungsplan mit 90 zu 0 Stimmen abgesegnet worden - die Grünen-/AL-Fraktion enthielt sich. Das markante Bahnviadukt gehört den SBB, die für das 25-Millionen-Projekt mit der PWG zusammenspannen und «sich wie die letzten Abzocker benehmen, indem sie ein an sich wertloses Grundstück vermarkten», wie AL-Gemeindrat Niklaus Scherr in der Debatte sagte.
Auf eine Ausschreibung haben sich 150 interessierte Gewerbetreibende gemeldet, die gerne einen Bogen mieten möchten. Herumgeboten werden bekannte Namen, die gerne ein Standbein im trendigen Kreis 5 hätten. Glanzstück im vorderen Spickel zwischen Limmat- und Heinrichstrasse soll eine gedeckte Markthalle werden, wo künftig an sechs Tagen Frischwaren und anderes feilgeboten werden sollen. 2000 Quadratmeter Nutzfläche, zum Teil auf zwei Etagen, der Mietzins für einen kleinen Stand um 300 Franken, für ein grosses Ladenlokal um 2600 Franken pro Monat. Eine Markthalle für den Kreis 5 - das klingt nach Barcelona oder Florenz und soll einen Umsatz von elf Millionen Franken erzielen, wie Rehmann versichert. Bioprodukte, Wein, Charcuterie, edler Käse aus dem Zürcher Oberland; für die zahlungskräftigen NeuzuzügerInnen in Zürich West brechen leckere Zeiten an.
Die anderen mag ein leichter Schwindel erfassen. Die Gentrifizierung, die Vertreibung der alteingesessenen Bevölkerung durch Sanierung und Neubauten dies- und jenseits der Bahngeleise, hinterlässt VerliererInnen. Thomas Stahel vom Stadtlabor bezeichnet die PWG als das kleinere Übel; mit ihr als Bauherrin könnten zumindest reine Renditenutzungen und eine eintönige Vergnügungsmeile verhindert werden. Die Mieten werden dennoch um das Vier- bis Fünffache steigen. Die PWG müsste sich stärker auf ihre Wurzeln besinnen, sagt Stahel: «Die Aufgabe der PWG ist es nicht, einen möglichst grossen Besitz zu horten und tolle Neubauprojekte zu realisieren, sondern günstigen Wohnraum zu erhalten. Die PWG soll sich dort engagieren, wo MieterInnen durch Abbruch vom Rauswurf bedroht sind. Durch ihre informellen Kontakte hätte sie die besten Voraussetzungen dazu.»
ERFOLGREICH IM LIEGENSCHAFTSMARKT
Wer ist die PWG, die da so prominent baut? Vor zwanzig Jahren hiessen die Stimmberechtigten der Stadt eine Initiative der SP gut: Ein Fünfzig-Millionen-Kredit sollte geschaffen werden mit dem Ziel, Häuser der Spekulation zu entziehen. Es war eine Zeit, in der die Ausdehnung der City, Spekulation und Wohnungsnot die ZürcherInnen mobilisierten. 1990 entstand die PWG als gemeinnützige Stiftung der Stadt Zürich, in ihren Händen lagen die fünfzig Millionen als einmaliger Betrag. Der PWG-Stiftungsrat wird vom Gemeindeparlament gewählt und ist nach Parteienproporz zusammengesetzt; unter anderem sitzen darin SP-Urgestein Franz Schumacher und SVP-Hardliner Markus Schwyn. Ein Ausschuss aus fünf Stiftungsräten bereitet die Geschäfte vor, Präsident ist der Rechtsanwalt Andi Hoppler. Lisbeth Sippel, Geschäftsführerin der Wogeno Zürich und Mitglied des Stiftungsrats, stellt fest, dass in diesem Gremium der übliche Hickhack mit der SVP kaum je vorkomme. Wenn über den Kauf einer Liegenschaft abgestimmt werde, herrsche in der Regel Konsens.
Innerhalb von sechzehn Jahren hat die PWG ihren Liegenschaftenpark stetig erweitert: Rund 1000 Wohnungen und 140 Gewerbebäume in 120 Liegenschaften sind es heute; der Gesamtwert liegt bei ca. 270 Millionen Franken. Die PWG besitzt viele Einzelobjekte, zumeist ältere Häuser, die ihr zum Kauf angeboten werden, häufig von Einzelpersonen oder Erbengemeinschaften. Stockwerkeigentum gibt es nicht. Durch eine geschickte Investitionspolitik haben die 50 Millionen wunderbar Früchte getragen; die PWG hat eine solide Basis, 95 Millionen Eigenkapital und wirtschaftet erfolgreich. Ihr Leitbild setzt Schwerpunkte: «Als Stiftung der Stadt Zürich unterstützen wir die Stadt im Bestreben, für die Bevölkerung gute Lebensbedingungen zu erhalten, für die Wirtschaft gute Rahmenbedingungen zu schaffen, in den Quartieren eine soziale Durchmischung zu erreichen und eine gute Stadtentwicklung zu fördern.»
Wochenzeitung, 20.04.2006
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