Stadt und Wohnen
  Aktuell
  Alternativen
  Dossiers
  Videos

 

 

 

 

 

STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


KONTAKT:
stadt.labor
Postfach 2465
8026 Zürich
PC 87-727882-5
alles@stadtlabor.ch


 


 


Was Pendler auf die Bahn bringt


In keiner anderen Schweizer Region wird der öffentliche Verkehr besser genutzt als in und um Zürich. Angebotsdichte und Parkplatzmangel sind die entscheidenden Faktoren.

Von Janine Hosp
62 Prozent der Pendler und Pendlerinnen, die in der Stadt Zürich arbeiten oder sich ausbilden, reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln an - so viele wie sonst in keiner anderen Schweizer Stadt. In den nächstplatzierten Städten Bern (56 Prozent) und Basel (54 Prozent) sind es deutlich weniger. In der ganzen Region Zürich hingegen sind es nur 37 Prozent - was im Vergleich zum schweizerischen Durchschnitt (27 Prozent) aber auch nicht wenig ist.
Dies geht aus der Analyse «Die Verkehrsmittel der Pendler im Zürcher Wirtschaftsraum» des Statistischen Amtes des Kantons Zürich hervor. Sie basiert auf den Ergebnissen der letzten Volkszählung im Jahr 2000.
Sind Zürcher Pendler umweltbewusster als jene in der übrigen Schweiz? Wohl kaum. Auch sie rechnen kühl, wie sie ihr Budget an Geld und Zeit am besten einsetzen. Und hier zeigt sich: Wenn Pendler mit Zug, Tram oder Bus doppelt so viel Zeit benötigen wie mit dem Auto, benutzen nur 20 Prozent von ihnen die öffentlichen Verkehrsmittel.
Brauchen sie aber nur eineinhalbmal so lange, sind schon 50 Prozent bereit, ihr Auto zu Hause stehen zu lassen. Weil die ÖV-Pendler von und nach Zürich auf keiner Strecke mehr als 1,6-mal so viel Zeit investieren müssen wie mit dem Auto, ist das Zug- und Buspendeln für viele attraktiv.

Teure Parkplätze stärken den ÖV
So ist die Position des öffentlichen Verkehrs auf den direkten Strecken von und nach Zürich am stärksten: Den höchsten Anteil erreicht er auf Weitpendlerstrecken (über 40 Kilometer), nämlich auf jenen nach Bern (88 Prozent), Basel (85 Prozent), Luzern und St. Gallen (73 Prozent). Volumenmässig am grössten sind aber die Pendlerströme aus den Nachbarregionen, jener aus dem Glattal ist mit 163'000 Personen gar der grösste der Schweiz.
Der öffentliche Verkehr von und nach Zürich ist aber nicht nur stark, weil er so gut ausgebaut ist, sondern weil die Bedingungen für Autofahrer schlechter sind als auf dem Land. Der Autor der Analyse, Peter Moser, vermutet, dass in der Stadt auch die hohen Parkplatzkosten den ÖV stärken.
Auf den langsameren Tangentialverbindungen hingegen - jenen, die nicht in ein Wirtschaftszentrum hineinführen - kann es der öffentliche Verkehr nicht mit dem Auto aufnehmen. Zwischen Oberland und Pfannenstiel zum Beispiel beläuft sich sein Anteil lediglich auf 17 Prozent. Seit 1970 sind die Tangentialverbindungen immer wichtiger geworden - auch weil die traditionellen Industrien in den Städten an Bedeutung verloren haben. Der öffentliche Verkehr aber hat diese Entwicklung im Gegensatz zum Individualverkehr nicht nachvollzogen; er ist nach wie vor sternförmig organisiert.
Wie die Analyse zeigt, spielt die Zeit eine zentrale Rolle bei der Verkehrsmittelwahl, Einfluss haben aber auch Alter, Geschlecht oder berufliche Stellung. Der typische Autopendler etwa ist männlich, über 55 Jahre alt und voll erwerbstätig. Männer benutzen über alle Altersklassen gesehen mehrheitlich (56 Prozent) das Auto.

Frauen benutzen öfter die Bahn
Frauen, Junge und Teilzeitbeschäftigte hingegen benutzen vor allem die öffentlichen Verkehrsmittel. Ihnen steht seltener ein Auto zur Verfügung, sei es aus Geldgründen oder weil das «Familienauto» vom Mann beansprucht wird. Nicht so eindeutig ist der Einfluss der Ausbildung: Nicht nur besonders viele Personen mit tiefem Ausbildungsniveau pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern auch viele mit Hochschulabschluss. Letztere wohl weniger aus finanziellen Gründen, sondern weil viele von ihnen in der gut erschlossenen Stadt Zürich arbeiten.
Wie die Analyse zeigt, wuchsen die Pendlerströme innert 30 Jahren im Gebiet der heutigen Grossregion Zürich von 620'000 auf 860'000 Personen. 1970 fuhr knapp ein Drittel aller Pendler mit Velo oder Mofa zur Arbeit oder ging zu Fuss, ein Drittel benutzte die öffentlichen Verkehrsmittel und erst ein Drittel das Auto.
Im Jahr 2000 lag der Anteil des Autos bei 49 Prozent, jener des Langsamverkehrs sank hingegen auf 14 Prozent. Selbst für kurze Strecken unter 10 Kilometern, die früher meist zu Fuss oder mit Velo oder Mofa zurückgelegt wurden, benutzen viele heute das Auto. Gemäss Analyse waren 2000 97 Prozent aller Autopendler alleine in ihrem Gefährt unterwegs.


Tages-Anzeiger, 8.11.2005


 

 

Webmaster: alles@stadtlabor.ch