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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Ein Türsteher für die Wohnungsbesichtigung

Wie kommt man bei einer Leerwohnungsziffer von 0,04 Prozent zu einer Wohnung? Mit viel Glück.

Von Janine Hosp
Vergangenen Donnerstag hat Markus Meier (Name geändert) den Mietvertrag für seine neue Wohnung unterschrieben. Bis dahin war es ein mühsamer Weg: Er hatte sich in drei Monaten durch Hunderte von Inseraten im «Tages-Anzeiger» und im Internet gearbeitet. Er erzählte in seinem ganzen Bekanntenkreis, dass er eine Wohnung suche, und er installierte einen SMS-Benachrichtigungsdienst.
In diesen drei Monaten besichtigte Markus Meier rund 50 Wohnungen, schrieb 95 Genossenschaften und Verwaltungen an und antwortete auf 12 Chiffre-Inserate. Und er empfahl sich beiden Verwaltungen der besichtigten Wohnungen als Mieter jedes Mal mit einem persönlichen Brief mit Foto, Lebenslauf und einer Kopie des Betreibungsausweises. «Die Wohnungssuche war ein 20- bis 50-Prozent-Job», sagt er rückblickend: Morgens Zeitungen und Internet durchforsten, mittags oder nach der Arbeit Wohnungen besichtigen und spätabends Briefe an die Verwaltungen schreiben.
Gesucht hat Markus Meier eine 3-Zimmer-Wohnung mit Parkett bis 1700 Franken Miete in den Kreisen 1 bis 10. Ein Ding der Unmöglichkeit - so schien es jedenfalls lange.

- 3-Zimmer-Altbauwohnung an der Zurlindenstrasse im Kreis 3 für 1500 Franken, 3. Stock: Als er kommt, stehen die Leute das ganze Treppenhaus hinauf bis zur Haustüre an. Die Vermieterin, die geahnt hatte, was auf sie zukommt, hat einen jungen Typen als Türsteher engagiert, der darauf achtet, dass sich nie mehr als zehn Leute in der Wohnung aufhalten. Nach Meiers Beobachtung hatte es im Seefeld und in den Kreisen 3, 4 und 5 jeweils die längsten Warteschlangen der ganzen Stadt.

- 3 1/2-Zimmer-Wohnung an der Eichbühlstrasse im Kreis 4, 1600 Franken:3 1/2-Zimmer-Wohnung hiess es im Inserat; aber wo ist hier das dritte Zimmer? Es sei mit der Küche zusammengelegt worden, erklärt der Vermieter. Genau genommen also nur eine 2 1/2-Zimmer-Wohnung. Dasselbe erlebte Markus Meier auch an der Zurlindenstrasse und an der Luisenstrasse.

- 3-Zimmer-Wohnung an der Brahmsstrasse im Kreis 3, 1500 Franken: Die Wohnung ist nicht zentral gelegen, zudem klein, dunkel, und sie hat niedere Räume. Wer sie dennoch haben will, muss für mehrere Tausend Franken Spannteppiche und Vorhänge übernehmen, die den Gipfel der Geschmacklosigkeit mühelos erreichen.

- 3-Zimmer-Wohnung an der Stauffacherstrasse im Kreis 4: Es ist der 29. Juni 2002, die Wohnung ist auf den 1. Juli zu vergeben bzw. zu bezahlen - einziehen kann der neue Mieter erst auf den 5. Juli. Meier hätte sie trotzdem genommen, denn es ist eine jener schönen Jugendstilwohnungen, die jeder will und dafür auch zu zahlen bereit ist.

- 3-Zimmer-Wohnung im Kreis 3: Eine Kollegin von Markus Meier besichtigt die Wohnung. Schön ist sie nicht, sie hat Uralttapeten, schmuddelige Spannteppiche und, wer weiss wovon, ein Loch in der Küchenwand. Sie braucht aber dringend eine Wohnung und nimmt sie. Am Tag darauf ruft sie den Vermieter an, um sich zu erkundigen, wo im Haus gewaschen werde. Die Antwort: «Wenn sie kompliziert tun wollen, dann vergessen sie es einfach.» Fünf Minuten später bietet er die Wohnung einem anderen Interessenten an. Was er nicht weiss: Es ist der Bruder seiner Beinahe-Mieterin.

- 1-Zimmer-Mansardenwohnung im Kreis 6, 550 Franken. Kurz vor seinem Auszugstermin schaut Markus Meier in einer Torschlusspanik auch diese Wohnung an. Angepriesen wird sie als 12 Quadrat-Zimmer-Wohnung, aber selbst dies dürfte übertrieben sein: Platz findet darin ein schmales Bett, ein Kasten, dessen Türen sich noch knapp öffnen lassen, und daneben Herd und Schüttstein. Der bisherige Mieter ist ein Türke, der in sein Heimatland zurückkehrt.

Vor allem zwei Dinge sind Markus Meier während seiner Suche aufgefallen: der Bezugstermin und die Preise. In Luzern, wo er zurzeit noch wohnt, gilt immer eine dreimonatige Kündigungsfrist. In Zürich hingegen werden die Wohnungen meist per sofort vergeben, im günstigen Fall auf den 1. des kommenden Monats. So muss auch er innert einer Woche auf den 1. August in seine neue Wohnung einziehen.
Natürlich findet man heute in Zürich auch für die eigene Wohnung innert kürzester Zeit einen Nachmieter. Ungemütlich kann es aber werden, wenn man, wie einer von Meiers Kollegen, Untermieter ist und der ordentliche Mieter kurzfristig auszieht.
Ihm als Luzerner stechen aber auch die Zürcher Mietpreise ins Auge: «Völlig abgehoben.» Nachdem er nun 50 Wohnungen besichtigt hat, schätzt er, dass die Mieten bis zu 50 Prozent höher liegen als in Luzern. Er wundert sich, dass sich eine Stadt, die von einem links dominierten Stadtrat regiert wird, nicht vermehrt für zahlbaren Wohnraum einsetzt.
Wie hat Markus Meier seine Wohnung in Zürich dann doch gefunden? Von den 50 Wohnungen, die er besichtigt hatte, erhielt er keine - oder wollte sie in einigen Fällen auch nicht. Von den 95 Genossenschaften antworteten nur 25, davon die Hälfte abschlägig. Bei den restlichen durfte er sich in die Wartelisten eintragen. Auf seine 12 Briefe auf Chiffre-Inserate erhielt er nie eine Antwort. Eine Wohnung bekam er schliesslich durch den Mann einer Bekannten der Schwester der Mutter der Freundin, der von Zürich nach Winterthur gezogen war.

 

 

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