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Startwehen einer neuen Epoche
Das Langstrassenquartier im Kreis 4 befindet sich mitten in einer von der Stadt forcierten Phase der «Aufwertung». Diese geschieht nicht zu Gunsten der aktuell dort lebenden Menschen. Neuestes Projekt ist die beabsichtigte Verbreiterung der Neufrankengasse auf beinahe dreissig Meter. Obwohl die prinzipielle Richtung des forcierten Quartierumbaus wohl nicht geändert werden kann, gibt es gute Gründe, aktiv in diese Entwicklung einzugreifen - und mit einem Referendum jetzt auch die Möglichkeit dazu.
Hans Jakob
«Eure Zeit hier ist abgelaufen» Diesen Satz äusserte Rolf Vieli, Leiter des städtischen Aufwertungsprojekts «Langstrasse plus», telefonisch gegenüber einem Bewohner einer langjährigen Wohngemeinschaft direkt an der Langstrasse. Dieser erkundigte sich bei ihm über die Umstände des Verkaufs der von ihm bewohnten Milieu-Liegenschaft an die ZH Immobilien AG und die Architektin Vera Gloor. Vieli alias «Mister Langstrasse» ist so etwas wie der heimliche Capo im Quartier. Vor diesem Hintergrund ist seine Äusserung denn auch nicht bedauernd zu verstehen, sondern enthält als Konsequenz der tatsächlichen stattfindenden Umwälzungen im Quartier eine Drohung.
Immanent mitgemeint sind in dieser Aussage nämlich auch alle Menschen, die bei der städtisch forcierten Aufwertung nicht mithalten können oder wollen. Die Menschen, die in der Vision des verkehrsberuhigten und familienfreundlichen Wohnquartiers nicht vorkommen, die sich aber im bestehenden Gemisch aus Milieu, Beizen, Trendkneipen, Wohnungen, so genannt «Randständigen» und Gewerbe eingerichtet und mit den Besonderheiten der Umgebung arrangiert haben.
Wer im Quartier durch die Strassen geht, nimmt die Vorboten der neuen Epoche problemlos wahr: Gebäude werden totalsaniert oder sind neu gebaut worden, Wohneigentum ersetzt Mietwohnungen, Strassen werden verkehrsberuhigt, Trendklubs und -bars für das Ausgangspublikum und neue hippe Verkaufslokalitäten werden eröffnet. Das Langstrassenquartier ist voll im Trend. So schreibt die Internetplattform phonogen.com im März 2008 zur Eröffnung des «visionären» Ladenkonzepts «Das Haus» an der Langstrasse 83 : «Der 4. und 5. Stadtkreis in Zürich ist zur Zeit eines der lebendigsten und pulsierendsten Gebiete in ganz Europa.»
Wahrlich, «Mister Langstrasse» hat wohl leider irgendwie recht: «Eure Zeit hier ist abgelaufen». Denn wird ein Quartier einmal als trendig wahrgenommen, ist eine Grundvoraussetzung für eine nachfolgende umfassende Gentrifizierung gelegt (Gentrifizierung bezeichnet den Vorgang der Verdrängung bestimmter Einwohnergruppen durch wohlhabendere ZuzüglerInnen).
Aufwertung konkret
Die Langstrasse befindet sich seit vielen Jahren im Fokus der städtischen Entwicklungspolitik. Seit der Räumung der offenen Drogenszene wird die Aufwertung mittels vieler Initiativen vorangetrieben. Das fängt bei dem Projekt «Langstrasse plus» an, das «eine rasche und deutliche Verbesserung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit erreichen» soll, und auch bei dem städtischen Langstrassenkredit, dessen Ziele «die Förderung einer positiven Standortentwicklung und einer günstigen Wirkung auf den Nahraum» sind. Der Reigen der Initiativen geht weiter mit dem Bemühen, dem Milieu die Kontrolle über Liegenschaften zu entreissen, mit der polizeilichen Omnipräsenz mit spezifischer Repression gegen die verschiedensten «Randgruppen» bis hin zu einem neuen Verkehrsregime. Dieses soll die Ausgehmeile Langstrasse vom Verkehr entlasten, beschert dafür aber den das Quartier begrenzenden Strassen (Kanonengasse und Feldstrasse) massiven Mehrverkehr. Diese Initiativen werden zusätzlich eingerahmt von Grossprojekten rund um das eigentliche Langstrassenquartier, so beispielsweise dem Stadtraum HB entlang der Lagerstrasse, dem Polizei- und Justizzentrum beim alten Güterbahnhof, der neuen Durchmesserlinie der S-Bahn und einer bisher öffentlich noch nicht breit diskutierten projektierten neuen und verbreiterten Strassenführung der Neufrankengasse.
Neufrankengasse als Schneise
Die «Baulinienvorlage Gleisfeld Neufrankengasse» ist Ende März vom Zürcher Gemeinderat verabschiedet worden. Nun liegt es an der Verwaltung, ein konkretes Projekt aufzugleisen. Was jetzt schon absehbar ist: Die Neugestaltung der Neufrankengasse hätte massive Auswirkungen auf das gesamte Langstrassenquartier. Nicht nur würden der beabsichtigten Strassenführung die bestehende Häuserzeile auf der linken Seite der Neufrankengasse zum Opfer fallen (auch die Mars-Bar und das Restaurant Schnupf), sondern auch die Mehrheit der Gebäude auf der rechten Strassenseite, unter anderem also auch der Tessinerkeller (der zusammen mit der Bling Bar, dem St. Pauli, dem Irma la Douce, der Alten Metzg und der Bar Le Royal zum umfassenden Projekt-Portefeuille der Architektin Vera Gloor im Langstrassenquartier gehört).
Aber das ist noch nicht alles: Sind die neuen Baulinien an der Neufrankengasse einmal rechtsgültig festgelegt, werden für die anliegenden HauseigentümerInnen Investitionen interessant, die über die blosse Werterhaltung hinausgehen - das heisst Investitionen, die der Erwartung gesteigerter Rendite entsprechen. Bisher sind diese an der Neufrankengasse ökonomisch uninteressant, weil die aktuellen Baulinien weder der realen Strassenführung noch den städtischen Planungen entsprechen - weshalb ökonomisch bewusste EigentümerInnen keine Investitionen tätigen. Einzig aus diesem Grund befindet sich entlang der Neufrankengasse bis auf eine Ausnahme kein aktueller Neubau, dafür Altbauten mit günstigem Wohnraum. Somit ist auch klar, was es bedeutet, wenn sich dank gesicherter Baulinien renditesteigernde Investitionen wieder lohnen: nämlich Totalsanierung oder Neubau der bestehenden Gebäude (wie bei der Bling Bar oder dem ehemaligen La Côte an der Lagerstrasse bereits geschehen), das heisst höhere Mieten, eventuell gar Wohneigentum anstelle von Mietwohnungen. Die Folge davon ist Bevölkerungsmanagement pur und ein Lehrbeispiel der Gentrifizierung: Die aktuellen BewohnerInnen werden ersetzt durch solche, welche sich den teureren Wohnraum leisten können. Im Endeffekt läuft das auf eine Veränderung der bestehenden Sozialstruktur durch eine ökonomische Nivellierung auf gutverdienende Menschen hinaus - mit allen bekannten sozialen Folgen für das gesamte Langstrassenquartier.
Referendum als Hebel
Um das wenn immer möglich zu verhindern, haben nun QuartierbewohnerInnen und die Alternative Liste AL gegen den Gemeinderatsbeschluss betreffend die Neufrankengasse das Referendum ergriffen. Benötigt werden bis anfangs Mai mindestens 2000 Unterschriften. Natürlich ist das Ziel des Referendums, die «Baulinienvorlage Gleisfeld Neufrankengasse» zu bodigen. Bloss ist ein Abstimmungserfolg erfahrungsgemäss eher unrealistisch. Deshalb ist den InitiantInnen eigentlich wichtig, mittels des Referendums und einer nachfolgenden gut verankerten Abstimmungskampagne mit eigenen Ideen, Vorstellungen und Argumenten, wie das Langstrassenquartier aussehen könnte, in die Diskussion über Quartieraufwertung und -entwicklung einzugreifen.
1. Mai-Zeitung, April 2008
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