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Das Monster vor den Toren Roms


In der Römer Banlieue steht ein Sozialbau von rarer Dramatik: ein Kilometer Beton, neun Stockwerke, Heim für 8000 Menschen. Wenn Paris brennt, schaut Italien nach Corviale.

Von Oliver Meiler, Rom
Die erste Begegnung mit dem grauen Monster ist erdrückend. Unendlich wuchtig liegt es da, auf einer Hügelkette im Westen Roms, eine halbe Autostunde entfernt vom Zentrum. Das Monster bricht den Horizont. Der Betonbau, erstellt in den 70er-Jahren, trägt den Namen eines Quartiers: Corviale, XV. Bezirk, Peripherie. Das Haus ist eine kleine Stadt ganz für sich allein. 8000 Menschen leben, konsumieren, arbeiten, spielen in diesem flachgelegten Hochhaus, dem Entwurf einer futuristischen Utopie. Das war der Plan.
Einen Kilometer ist es lang und neun Stockwerke hoch. Ein Monster halt, das Beispiel einer «Casa popolare» (Volkshaus), wie man es heute nicht mehr bauen würde. Corviale gilt in Italien als Mahnmal misslungener Sozialarchitektur. Es geht die Legende, der Architekt Mario Fiorentino, der sich an Le Corbusier orientiert hatte, habe aus Scham und Enttäuschung über den Fehler seines Lebens Selbstmord begangen. Corviale hat den Ruf einer römischen Bronx. Und als nun in Paris die Vorstädte brannten, schauten alle hierhin, zur «grossen Schlange», «Serpentone», wie die Römer den Bau nennen.
Doch Corviale brennt nicht. Rom ist nicht Paris. Hier brennen höchstens einmal ein paar Autos, weil sich zwei über einen Parkplatz streiten. Sie bleiben dann dort über Monate stehen, manchmal über Jahre, bis Gras an den Pneus emporwächst. Gras spriesst ohnehin überall: zwischen den Zementplatten und unter den Hausratsabfällen, die die Leute aus dem «Monster» schmeissen. Für den kollektiven Raum fühlt sich niemand verantwortlich. Weder die Bewohner noch die regionale Hausverwaltung.
Hier lässt man alles verkommen, hier ist Anarchie, Wildwuchs, Desillusion, Kontrast zur ordentlichen Stadt der Touristen. Corviale ist bös. So steht es in der Lokalpresse, so hören sich die Schlagzeilen an. Aus Corviale kommt nie gute Kunde. Es gibt Leute, auch prominente Städteplaner und Soziologen, die finden, man müsse das Monster abreissen. Genau 30 Jahre nach der Grundsteinlegung. So zu leben, das sei unwürdig, das schüre Frust und Aggression, das sei Nährboden für Unruhen.

«Deportation» an den Stadtrand
Das hört Rina Spagnoli, Mitte 40, nicht gerne. Sie hält den Vergleich mit Paris für falsch, für dumm. Rina lebte von Beginn weg hier: im Hausteil 5, erster Stock, erstes Treppenhaus, drei Zimmer, ein Bad, Linoleumböden, Plastikleisten, Einfachverglasung. Seit 1982 also, als der «Serpentone» in Betrieb genommen wurde und sie mit ihren Eltern nach Corviale «deportiert» wurde. So nennt sie das.
Rinas Familie wohnte damals im Zentrum, in einer kleinen Wohnung bei der Piazza Re di Roma, dem Platz der Könige Roms. Sie wurden hinausgeworfen, der Bauspekulation geopfert, die erhöhte Miete hätten sie nicht bezahlen können. Der Vater war Polizist. Man sagte ihnen: «Wir haben Ihnen eine Wohnung in Corviale zugeteilt.» Corviale? Sie wussten nicht einmal, wo das war. Man fragte die Familie gleich: «Erster oder neunter Stock?». Rina sagt: «Meine Mutter hatte den Geistesblitz, zu sagen: "Besser erster , ohne da gewesen zu sein.» Der Lift im ersten Treppenhaus habe nämlich nie funktioniert. Nie. «Als wir uns dann auf die Weltreise da hinaus machten und das Ding zum ersten Mal sahen, war das ein Schock.»
Damals war Corviale noch wirkliche Peripherie. Heute franst die Stadt aus und schluckt die Vorstädte. 1982 war da nichts: keine Läden, keine Busse, keine futuristischen Laufbänder, wie sie in Fiorentinos Plänen eingezeichnet gewesen waren. Nur Beton, kalter Beton. Corviale wurde eröffnet, als der Verwaltung das Geld ausgegangen war. Fertig war das Haus aber noch lange nicht.
Im vierten Stock, der Serviceetage, wo sich über die ganze Länge und auf beiden Seiten Boutiquen und Handwerksateliers, Friseurläden und Arztpraxen einquartieren sollten, war alles leer. Doch das kümmerte niemanden, man hatte keine Skrupel. Es wurden Menschen hierher umgesiedelt, die in Baracken am Tiberufer gehaust hatten, oder Obdachlose mit Hund, Prostituierte, Arbeitslose, Leute mit Hungerlöhnen. Alles Italiener, froh um eine Bleibe. Ethnische Spannungen konnte es keine geben. «Wer sich in der Stadt um einen Job bewarb, vermied, zu sagen, woher er kam», sagt Rina. Wer aus Corviale kam, trug soziale Stigmata.

Schauergeschichten
Corviale galt stets als Hauptumschlagplatz für harte Drogen. «Unten in der Stadt» erzählte man sich auch, die Pizzakuriere lieferten keine Pizzas mehr nach Corviale, weil sie jeweils ohne Töffli wieder zurückgekehrt waren. Schauerliche Geschichten von Vergewaltigungen und Raubüberfällen machten die Runde. «Lügengeschichten», sagt Vittorio (40), der Boxtrainer, seine kleine Tochter auf dem starken Arm, auf dem T-Shirt steht «Pickwick Warriors».
Vittorio führt den Boxklub. Es riecht nach Schweiss und alten Lastwagenplachen. Die Polster der Kraftgeräte sind aufgerissen, braungelber Schaumgummi schaut hervor. Er ist stolz auf seinen Klub, weil er echt sei, er sagt: «Corviale ist keine Idylle, aber viele Menschen sind hier redlich aufgewachsen, haben etwas draus gemacht.» Abreissen, sagt er, wäre ein Verbrechen. «Wo würden wir denn hingehen?» 8000 auf einmal. Jüngst versprach der italienische Premierminister Silvio Berlusconi, er werde allen Armen im Land zu einem Zuhause verhelfen. Vittorio sagt lächelnd: «Mit Berlusconi würde ich gerne mal in den Ring steigen.» Der Politik nimmt er nichts mehr ab, schon gar nicht der nationalen.
Gianni Paris (39), studierter Historiker, ist Bürgermeister des XV. Bezirks. Seit zehn Jahren schon, seit er 29 Jahre alt war. Paris ist beliebt, er ist ein Linker, ein Postkommunist, und in Corviale haben sie früher Partito comunista gewählt. Immerhin waren die Linken wegen der Wohnungsnot besorgt. Paris sagt: «Wir müssen das Schöne wieder entdecken, jeder Mensch hat das Recht auf eine ansprechende Umgebung, das stimmt ihn fröhlicher.» Ein Urteil zum «Serpentone» will er sich keines erlauben, doch er spricht von historischen Defiziten.

Keiner fühlt sich zuständig
Paris arbeitet an der Revitalisierung von Corviale. Die Gemeinde hat eine Bibliothek eingerichtet, in einem Lesesaal liegen Tageszeitungen auf, der Internetzugang ist zu gewissen Zeiten gratis. Der Staat unterstützt einen äusserst aktiven Altersverein, in dem sich die Betagten zum Tanz und zum Kartenspiel treffen. Man möchte den Quartiersender Corviale Network, der bis vor kurzem Fernsehen gemacht hat, wieder zum Leben erwecken. Und in jedes Treppenhaus soll ein Portier.
«Bisher fehlte uns eine Ansprechperson», sagt Piero, 38 Jahre alt, 75 Quadratmeter im Hausteil 3, Stockwerk 7, wie Rina seit Beginn dabei. «Wenn du zum Beispiel ein Problem mit dem Lift oder mit dem Licht hast, fühlt sich keiner zuständig, das zermürbt dich mit der Zeit, gerade wenn du Zeit hast zum Nachdenken und dir die Decke auf den Kopf fällt.» Weg will er dennoch nicht, auch wenn der Beton aufs Gemüt schlage, «physisch spürbar». Nein, das dann doch nicht. Viele zahlen keine Miete hier. Der 4. Stock ist gänzlich von Hausbesetzern in Beschlag genommen. Selbst in den kleinen, fensterlosen Abstellräumen in den Garagen, wo die Abfallcontainer hingehört hätten, wohnen Menschen in Untermiete. Manchmal sind das nur ein paar Quadratmeter ohne Bad, ohne Küche, ohne nichts. Einige dieser Mieter haben keine Papiere - und auch keine Wahl.
Von denen, die regulär Miete zahlen, zahlen die meisten nur ganz wenig. Ein Pensionierter mit Mindestrente 20 Euro im Monat. Dazu kommen Heizkosten, Lift (auch wenn er nicht läuft), Licht, Wasser. «Am Ende sind es 180 Euro, zu viel - die Mindestrente liegt bei etwas mehr als 500 Euro», sagt Rina Spagnoli, die im «Laboratorio», einer Einrichtung der Gemeinde, die Projekte zur sozialen, kulturellen und architektonischen Aufwertung des Quartiers begleitet. Rina ist eine Kämpferin, allseits bekannt, überall gerne gesehen. Bei ihr klingelt man auch nach Feierabend. Dank Leuten wie Rina hält heute ein halbes Dutzend Autobusse vor dem Monster, das sich zwischen Himmel und Erde gelegt hat. Der schlechte Ruf aber, der ist schwer totzukriegen, der ist in 700’000 Kubikmeter Zement gemeisselt.


Tages-Anzeiger, 18.11.2005


 

 

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