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STADT-WOHNEN
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Weder Exodus noch Ghetto

Die BewohnerInnen Schwamendingens protestieren gegen die lärmenden Südanflüge. Werden sie wegziehen? Und wer wohnt dann dort?

Von Claudia Ackermann
Gross ist der Leidensdruck der rund 8000 Personen, welche in der Flugschneise des medial zuweilen als Ghetto verrufenen Stadtteils Schwamendigen wohnen. Fast täglich werden sie durch bis zu 85 Dezibel laut herandonnernde Flugzeuge geweckt. Waren es bis anhin durchschnittlich etwas über 300 Flüge pro Monat, so ist für die Zukunft mit mehr zu rechnen. Manche BewohnerInnen des Quartiers sprechen von einem nahenden Exodus. Übereilt, wie andere hoffen: «Wer Worte wie Ghetto und Exodus gebraucht, hat schon halb aufgegeben», sagt etwa Quartierbewohner Richard Keller, Redaktor der Zeitschrift «Euses Schwamedinge».
Ausser Unmutsbekundungen und einigen Wohnungskündigungen im 28'000 BewohnerInnen zählenden Stadtteil gibt es noch keine Anzeichen für einen bevorstehenden Massenauszug. Gemäss der städtischen Statistik sind 2003 in Schwamendingen weder die Bodenpreise gesunken noch wurden mehr Häuser als in den Vorjahren gehandelt. Auch mehrere grössere Bau- und Sanierungsvorhaben, teils direkt in der Schneise, werden weiter vorangetrieben, wie Kreisarchitekt Rainer Hofmann auf Anfrage bestätigt. Dennoch: die von QuartierbewohnerInnen geäusserte Befürchtung eines Wegzuges namentlich besser verdienender Bevölkerungsteile und einer darauf folgenden Entmischung ist nicht von der Hand zu weisen. ExpertInnen sprechen von zwei einander entgegengesetzten Szenarien: das nur wenige Arbeitsplätze bietende Schwamendingen entwickelt sich dank komplexer Grundbesitzverhältnisse nur langsam und zieht Familien mit kleinem Budget an. Oder aber das Stadtquartier wird durch seine Lage zwischen Stadt und Flughafen trotz Fluglärm für Gewerbe und Mittelständische interessant.

BZO entscheidet über Zukunft
In beiden Fällen spielt die seit 2000 geltende Bau- und Zonenordnung (BZO 99) eine wichtige Rolle. Die Änderung der BZO ermöglicht ein viel dichteres Bauen im hauptsächlich aufs Wohnen ausgerichteten Schwamendingen. Wo bis anhin vorwiegend zweistöckig gebaut wurde, können in Zukunft bis zu siebenstöckige Häuser entstehen, entweder durch Abbruch und Neubau oder durch Aufstocken bestehender Liegenschaften. So sind denn auch «Ansätze eines sich verändernden Quartierbildes sind bereits heute erkennbar», wie Hofmann bemerkt. Dies dürfte der Grund sein, weswegen das Amt für Städtebau zur Zeit ein Leitbild entwickelt, welches die Aufzonung abfedern soll. Hinzu kommt, dass Schwamendingen seit seiner Wandlung vom Bauerndorf zu einem städtischen Quartier in den fünfziger Jahren über ein breites Angebot an billigem Wohnraum verfügt und somit ein Magnet für Familien mit kleinem und mittlerem Einkommen ist. Heute haust jede Dritte in einer Genossenschaftswohnung. In den letzten zwanzig Jahren hat sich dabei der ausländische Anteil an der Wohnbevölkerung auf nun rund 34 Prozent verdoppelt. «Erreicht dieser Anteil eine gewisse Marke, wandern die mittelständischen Familien leider oft ab», konstatiert Hofmann. Kombiniert mit der neuen BZO könnte die schon heute feststellbare Veränderung der Bevölkerungsstruktur einer weiteren Entmischung Vorschub leisten, und durch den Fluglärm rasch akut werden.
Die andere denkbare Entwicklung hängt wieder mit der Aufzonung in der BZO 99 zusammen. Es wäre vorstellbar, dass die oft kleinräumigen Wohnungen marktorientiert vergrössert und so gewachsenen Platzansprüchen gerecht würden. Dank seiner guten Anbindung an das Zentum Zürichs könnte sich Schwamendingen mit attraktiveren Wohnungen für den Mittelstand wieder vermehrt als akzeptablen Wohnort erweisen. Wie das Beispiel von Freising beim 1992 geschaffenen Münchner Flughafen Franz Josef Strauss zeigt, könnte sich die Lage zwischen der Stadt und dem Flughafen längerfristig als Vorteil erweisen. «Freising prosperiert abgesehen vom stark lärmbelasteten Ortsteil Pulling dank neu geschaffener Arbeitsplätze. Es sind Firmen zugesiedelt, die Mietzinse haben sich nach oben entwickelt. In einem schleichenden Prozess machten manche Dörfer einen solchen Strukturwandel durch, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind», erzählt der bayrische Landtagsabgeordnete Christian Magerl. Auf den ersten Blick sind keine Parallelen zu Schwamendingen zu sehen. Sollte der Ort aber im Zuge einer Aufwertung dereinst zu mehr Arbeitsplätzen kommen und das Gebiet zwischen Schwamendingen und dem Flughafen sich als Gewerbezone weiter entwickeln, ist eine Parallelentwicklung in einem kleineren Rahmen realistisch.
Einstweilig sucht die Stadt der wachsenden Entfremdung im Quartier etwa mit der Schaffung eines wöchentlichen Gemüsemarktes und interkultureller Frühlingsfeste entgegen zu wirken. Mit der neuen Flugroute wurde nun allen Betroffenen in ihren Bemühungen um ein besseres Image ein Bärendienst erwiesen. Bau- und Wohngenossenschaften rechnen damit, dass es in den nächsten Jahren eine Bewegung von der Schneise in die neu geschaffenen Liegenschaften im Quartier geben wird. Wer die freigewordenen Wohnungen beziehen wird? Jene, die hardcorelärmresistent oder auf niederste Mietzinse angewiesen sind, heisst vorerst das Resultat der Milchmädchenrechnung.


 

 

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