STADTENTWICKLUNG FORTE...
Die Stimmung in Liverpool ändert sich von Planquadrat zu Planquadrat. Von der totalen Depression zur Beklemmung zu einer Atmosphäre vergangener Grösse oder zum wahnwitzigsten Optimismus dauert es nur Minuten. Ein Blick hinter die löchrige Fassade von Liverpools Zentrum.
Von Yvonne Kunz
Sie würde gerade vier schlagen, wenn sie denn noch Glocken hätte. Doch die fehlen dieser Kirche ebenso wie ein Name. Ihre Fenster sind nicht farbig verglast, sondern bloss hohle schwarze Lücken, die die Sicht auf das verwaiste Innere frei geben, wo ein einsames Bäumchen heran wächst. Die stumme Kirche steht am Hügel, etwas abseits eines kleinen Quartiers, am Ende der Moss Street. Falls die stattlichen englischen Reihenhäuser links und rechts der Strasse jemals bewohnt waren, dann erinnert heute nichts mehr daran. Wie rund 10‘000 Häuser in Liverpool stehen auch die an der Moss Street leer. Die Fenster sind verbarrikadiert und niemand hatte sich nach der Fertigstellung der Bauten die Mühe gemacht, den Bauschutt wegzuräumen. Es ist auch unvorstellbar, dass hier einst Menschen zur Sonntagspredigt strömten - nicht mal Gott scheint sich daran zu erinnern, dass diese souverän über der Stadt gelegene Brache überhaupt existiert.
Die Moss Street liegt 10 Gehminuten nordöstlich des Zentrums und ist durch mehrere Hauptverkehrsachsen vom Leben Liverpools abgetrennt. Die Zeit vergeht hier nicht, sie ist schon lange stehen geblieben. Hier wummert vor allem beklemmende urbane Leere, hier hört man nichts ausser dem Verkehr. Die Aussicht über die Stadt, der Blick auf die markante Skyline, zu den Docks und hinaus auf den Fluss Mersey, auf das Meer lässt die Sehnsucht der neun Millionen EmigrantInnen erahnen, für die Liverpool zwischen 1830 und 1930 Schlusspunkt der Tristesse und Start in ein neues Leben voller Hoffnung war. Dass Liverpool heute wie kaum eine andere westliche Stadt Sinnbild für Niedergang, für Armut und Trostlosigkeit ist, bleibt eine ironische Fussnote der Geschichte. Wer weg kann, der geht.
Ein Lächeln wie Shane MacGowan
Die Industriehafenstadt zählt heute 440‘000 EinwohnerInnen - bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren es noch 870‘000. Diese Entwicklung scheint noch nicht abgeschlossen zu sein: Die Volkszählung 2002 stellte einen weiteren Bevölkerungsrückgang um 1,7 Prozent fest, während die Gesamtbevölkerung Grossbritanniens um 2,5 Prozent wuchs. Seit über 50 Jahren ringt die Stadt mit den schlimmsten Folgen der Deindustrialisierung und des daraus resultierenden wirtschaftlichen Niedergangs. Der Zerfall der einst so stolzen Arbeiterbewegung und die hohe Arbeitslosigkeit wirft lange Schatten auf eine Stadt, die nicht nur eine wichtige Stütze des Empires, sondern eine der reichsten und mächtigsten Städte der Welt war. Heute schreibt sie vor allem Negativrekorde: 34,7 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung verfügen über keinerlei Qualifikationen. Die Arbeitslosigkeit liegt im Schnitt bei über 11 Prozent, in einigen Stadtteilen, wie etwa im afrikanisch-karibischen Toxteth oder den ehemaligen Dockervierteln Kirkdale und Bootle verharrt sie bei über 40 Prozent. Nirgends in Europa leben mehr Langzeitarbeitslose. In den bitterarmen Teilen Liverpools, wie etwa Kirkby, hat die Langzeitarbeitslosigkeit die übernächste Dimension erreicht: die Drittgenerationarbeitslosigkeit. In vielen Familien hat seit drei Generationen niemand mehr gearbeitet. Es entwickelt sich eine Kultur, in der die Arbeitslosigkeit die Norm ist und Arbeit als höchst aussergewöhnlich angesehen wird. Es ist nicht sonderlich überraschend, dass fast ein Viertel der Liverpooler Bevölkerung angibt, sich permanent krank zu fühlen. Im Hotelführer ist «Central Heating» unter Facilities aufgeführt, wie Telefon, Bügeleisen oder Minibar. Der Wind ist bissig und die Statistiken bestätigen, dass in keiner andern englischen Stadt mehr Menschen ohne Zentralheizung auskommen müssen. Die Liste liesse sich fast endlos fortsetzen.
Eine schmale Schotterstrasse führt von der Moss Street zu einem Kreisel, der den Verkehr auf die Autobahndreiecke im Norden, in die Tunnels, ins Stadtzentrum oder zu den beiden Fussballstadien in Anfield und Everton verteilt. Auf dem Weg ins Stadtzentrum passiert man nach dem Kreisel den Bushof der National Express Coaches, der an der einen Ecke der nächsten weiten Brache liegt. Sie dient bestens als Mülldeponie und hunderte können dort ihre Autos für Einpfundfünfzig den ganzen Tag abstellen. Sie eröffnet ebenso ein Panorama auf die nächste unbenutzte Häuserzeile, die wie eine Reihe schlechter Zähne vor sich hin fault. Das Lächeln, mit dem Liverpool seine BesucherInnen in Empfang nimmt, ist also so anmutig, wie jenes von Poguessänger Shane MacGowan. Nicht umsonst gilt Liverpool auf beiden Seiten der irischen See als heimliche Hauptstadt Irlands.
Wagt man sich dennoch weiter ins Zentrum vor, kann man nur Minuten später die best erhaltenen neoklassizistischen Gebäude Europas bestaunen. Grandiose Architektur, die noch vor wenigen Jahren als kuriose Sammlung verlassener Meisterwerke eine Aura vergangener Grandeur verströmten. Man brauchte nur kurz die Augen zu schliessen und schon komplettieren Pferdekutschen und Rüschenkleider die Szene, und Charles Dickens kommt um die Ecke geschlendert. Nächstes Jahr werden die Bauwerke im Verbund mit den anderen 2500 historischen Monumenten, mit denen sich Liverpool brüsten kann, zum UNESCO Welterbe ernannt. Zurzeit sind viele der Bauten fest in Plastik verpackt und mit vielen Schildern versehen auf denen «Thank EU» steht. Denn die EU hat Liverpool zur Kulturhauptstadt Europas 2008 ernannt und die Gelder, die früher eher zögerlich in die Region durchsickerten, fliessen jetzt reichlich. Zu Recht: Im Landesvergleich steht Liverpools Kulturangebot nur jenem Londons nach.
Stadtentwicklung zum Konsumwahn
In der viertärmsten Region Europas scheint sich das Blatt nun zu wenden. Ruhm und Ehre heissen Big Business. Die Stadt befindet sich mitten in einer Phase der gross angelegten urbanen Wiederbelebung, angetrieben vom umfassendsten Stadtentwicklungsprogramm Europas. In dessen Zuge werden vor allem im Zentrum baufällige Strassenzüge reanimiert, und der Bau eines 225 Millionen Pfund teuren Tramsystems steht bevor. Die Innenstadt soll für 750 Millionen Pfund in einen lebendigen, 2 Millionen Quadratmeter umfassenden Büro-, Shopping und Vergnügungskomplex umfunktioniert werden. Liebgewonnene soziale Institutionen wie etwa das alternative Shopping Center Quiggins, wo T-Shirts für drei, der Haarschnitt für fünf und die Hose ab sieben Pfund zu haben sind, müssen jetzt weichen. Da helfen auch keine Proteste, schon jetzt grassiert Grössen- und Konsumwahn. Der scheinbar alle einlullende Trost hat die Stadt und ihre Menschen fest im Griff. Tausende befinden sich Abend für Abend im Taumel zwischen den vielen Geschäften, welche Lord, Church und Bold Street säumen, die sich zu einer einzigen langen Haupteinkaufsstrasse durch das Herz Liverpools verbinden.
So gediegen wie sich die StädteplanerInnen das Liverpool der Zukunft ausmalen, geht es hier freilich noch nicht zu und her. Weiter in Richtung Pier Head bringen zwei herrenlose Rucksäcke an einer Bushaltestelle in der Victoria Street ganze Strassenzüge in Aufruhr. Strassen werden gesperrt, FussgängerInnen verscheucht, Sirenen heulen, die Polizeipräsenz ist mit einem Schlag erdrückend. Ein Verkehrschaos und die Angst vor dem Terror lähmen für einige Stunden den gewohnten Gang der Dinge. Der Menschenstrom weicht derweil ins Cavern Quarter aus - ein ruhmreiches Pflaster, weil hier die Beatles ihre ersten Konzerte gaben. Vor den zahlreichen Pubs stehen Männer in Gruppen. Sie haben gerötete Gesichter, ihre Krawatten sind gelockert und die Ärmel hochgekrempelt. Sie trinken seit dem Feierabend vor zwei Stunden konstant; sie reden laut und schnell, sie sind ungehobelt und lassen niemanden ungestört passieren. Wer keine Antwort auf ihren schroffen Humor im Köcher hat, ist chancenlos und könnte die Atmosphäre leicht als bedrohlich einstufen. Die Frauen Liverpools kümmert das wenig. Sie stöckeln auch bei unwirtlichen Bedingungen in Miniröcken und ohne Strümpfe über die rauesten Beläge, als wärs der rote Teppich der Oscarnacht. Und sie machen die pöbelnden Männer mit ihrer unvergleichlichen Schlagfertigkeit mundtot.
Die Stadt öffnet sich allmählich zu den Docks hin, die einst die Welt bedeuteten. Kaum lässt man das Stadtzentrum hinter sich, blättert der Glamour. Altersschwache Strassenzüge und unbelebte Bürogebäude beherrschen wieder die Szene. Zerbombte Gebäude zeugen von den Nächten, als Liverpool ins Visier der Deutschen geriet, damals landeten hier über eine Million amerikanische GIs. Erst wenn die Strand Street überquert ist, wirkt die Stadt wieder versöhnlicher. Das liebevoll renovierte Albert Dock strahlt mit dem herausgeputzen Liver Building um die Wette. Die historische Hafenanlage hat sich zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der BritInnen gemausert, war sie doch die Grundlage für den ehemals immensen Wohlstand der Stadt. Ab 1700 wurden Baumwollgüter und andere Gebrauchsware nach Westafrika verschickt und gegen Sklaven getauscht. Die Sklaven wurden in die West Indies und nach Virginia gebracht und für Zucker, Rum, Tabak und rohe Baumwolle verkauft. Liverpool war einer der wichtigsten Pfeiler in diesem Dreieckshandel. Der Abstieg des ehemals grössten Handelshafens Europas begann in den fünfziger Jahren, als die Stadt vom Strukturwandel unvorbereitet getroffen wurde: 1989 besiegelte die Thatcher-Regierung mit der Privatisierung des Hafens den Niedergang endgültig. Was jetzt noch übrig ist, ist ein mittelprächtiger Containerhafen, geschlossene Werften und verlassene Arbeiterviertel wie zum Beispiel jenes an der Moss Street. Die von der Tristesse betroffenen Geister der kleinen Geisterstadt werden vom sich ankündigenden Kultur-Boom wohl kaum grossartig profitieren, aber sie können sich nördlich des schon fast disneyesk wirkenden Pier Head immer noch einschiffen. Das Boot wird sie allerdings nicht in die Freiheit verheissende Marlboro Country bringen, sondern nach Belfast.
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