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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Leere zwischen Platten

In der Leipziger Plattenbausiedlung Grünau stehen mehr als 10 Prozent aller Wohnungen leer - Tendenz steigend. Doch trotz Abwanderung gibt es Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Von Boris Brüderlin
Riesige, langgezogene Wohnblocks, bunt bemalte Fassaden neben grauen leer stehenden Türmen mit herausgebrochenen Wänden, dazwischen futuristische Kletterobjekte und offengelegte Pipelines. Gepflegt, sauber und doch irgendwie tot. Eine Strassenbahnfahrt in den Leipziger Westen und ein anschliessender Spaziergang durch den Stadtteil Grünau kann durchaus zum Erlebnis werden. Hat man jedoch nach einem zwei- bis dreistündigem Fussmarsch im winterlichen Schneeregen Lust auf eine heisse Schokolade in einer gemütlichen Kneipe bekommen, muss man lange suchen - und wird trotzdem nicht fündig. In der Not muss man mit einer mobilen Kebabbude oder einem Stehtisch im grellen Supermarktcontainer vorlieb nehmen.
Im Stadtteil Grünau wurde vor knapp dreissig Jahren der Grundstein für die damals zweitgrösste Plattenbausiedlung in Ostdeutschland gelegt. Knapp zehn Jahre später wurden die rund 35'000 Wohnungen an die BewohnerInnen übergeben. Die Wohnungen galten als modern, es gab ausgedehnte Naherholungsgebiete, die Mietzinse waren günstig und bei den wichtigen Industriestandorten gelegen. Die vornehmlich junge Bevölkerung - Angestellte mit gutem Bildungsniveau und Kinder - hatten ein reges soziales Leben hervorgerufen. Die Betonung bleibt auf hatte, denn dies ist alles längst Vergangenheit.
Grünau hat seit der Wende rund 25 Prozent seiner Bevölkerung verloren, ein Verlust, welcher deutlich über dem von Gesamtleipzig liegt. Der Bezirk altert mit seiner Bevölkerung, denn der Grossteil der hier wohnenden Menschen lebte schon vor der Wende hier. Viele kriegten den so genannten Transformationsprozess zu spüren, wurden FrührentnerInnen oder arbeitslos. Trotzdem gibt es hier noch immer überdurchschnittlich viele Jugendliche. Doch die Prognosen stehen schlecht: durch den Wegzug und den Rückgang der Geburten wird ihre Zahl in den nächsten Jahren rapide abnehmen. Drei Gymnasien und mehrere Kindergärten wurden bereits geschlossen.

Abwanderung sozialer und kultureller Institutionen
Trotz der Abwanderung finden sich in Grünau jedoch noch soziale und kulturelle Institutionen wie beispielsweise das Theatrium Grünau. Das Theatrium ist ein kleines freies Kinder- und Jugendtheater im bodenerdigen Vorbau einer bröckeligen «Platte». Hervorgegangen war das Theater 1996 aus einem mobilen Streetwork-Projekt mit Jugendlichen, die keinen festen Ort für Freizeitgestaltung im Quartier hatten und deshalb auf der Strasse abhingen. Eine Vielzahl von Jugendeinrichtungen wurden kurz nach der Wende aus finanziellen Gründen geschlossen. Andere vielen schnell in die Hände ideologisch rechts gesinnter Gruppierungen. Die Grünau wurde zum sozialen Brennpunkt und es galt Orte zu schaffen, wo Jugendliche selber produktiv tätig werden konnten ohne dem «rechten Mainstream» oder der allmählich aufkommenden «kommerziellen Leitkultur» nachzugeben.
Dietmar Voigt, der heutige künstlerische Leiter des Theatriums, war in der ersten Hälfte der 90er Jahre Stadtteilkulturbeauftragter von Grünau. Diesen Posten gibt es heute nicht mehr, er fiel Sparmassnahmen zum Opfer. Voigt bezeichnet die kulturelle Entwicklung der letzten zehn Jahre als ständiges Auf und Ab: neben dem Theatrium wurden zwar ein Kino und eine Schwimmhalle eröffnet, doch dies konnte die zahlreiche Schliessung sozialer oder kultureller Institutionen nicht kompensieren. Die städtebaulichen Massnahmen beschränken sich auf den Abriss der leer stehenden Plattenbauten. Geld für Sanierung und Umbau steht kaum zur Verfügung. Die wenigen Massnahmen zur Aufwertung des Bezirks, die Gestaltung von Innenhöfen und die Schaffung ausgedehnter Grünanlagen anstelle der abgerissenen Gebäude, greifen zu einseitig um ZuzüglerInnen anzuziehen. Trotzdem bleibt Dietmar Voigt optimistisch: «Ich sehe für Leipzig eine grosse Zukunft, wenn man uns, die freie Szene, integriert.» Damit spielt er auf eine Kulturpolitik an, die zunehmend kommerzielle und repräsentative Veranstaltungen fördert, die kulturelle Basisarbeit in den Quartieren aber vernachlässigt. Zwar ist es möglich, mit städtebaulichen Massnahmen soziale Konflikte von der Strasse zu verbannen, öffentliche «Ordnung» herzustellen. Doch gibt es keine Institutionen, wo diese Energien kanalisiert werden können, besteht die Gefahr, dass die Stadt ihre Lebendigkeit verliert. Grünau ist dafür ein gutes Beispiel.



 

 

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