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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Sich entleerende Städte

Städte sind angesagt - in aller Munde. Weltweit werden Städte voller, die gesamtstädtische Bevölkerung nimmt immer weiter zu, die Globalisierung des Urbanen scheint unaufhaltsam. Kunst, Wissenschaft und Kulturpolitik dreht sich um «das» Urbane. Und jetzt «shrinking cities» - schrumpfende Städte? Ein neuer Begriff geistert durch Kunst und Wissenschaft, medial gehypt und politisch gefördert. Eine Annäherung.

Von Daniel Dahm*
Die politische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Stadtentwicklung war lange stark geprägt von Wanderungsbewegungen in und um urbane Räume. Im Zentrum stand dabei zumeist die Landflucht, also die Wanderung von Menschen aus ländlichen Räumen in städtische Verdichtungsräume, auf der Suche nach Arbeit, Wohlstand und grenzenlosem Konsum. Städte waren das Symbol der Moderne, sie boomten als Wirtschaftsstandorte. Die Kritik am marktwirtschaftlichen Wachstumszwang schien ausgeblendet, die digitale Revolution und die globalisierten Märkte sollten alle ins urbane Wohlstandsboot der Zukunft holen.
Doch was geschah wirklich in den städtischen Wohlstandsinseln europäischer Prägung? Die Zukunft der Arbeit schien noch vor wenigen Jahren in den Informationstechnologien zu liegen, die angekoppelten Märkte wuchsen ins Grenzenlose, sogar ein eigener Aktienindex wurde erfunden - der NeMax, er ruhe in Frieden. Städte waren die boomenden Drehscheiben und Flughäfen des weltumspannenden Netzes von Gewinnern am Markt - so schien es für kurze Zeit. Eine neue Generation von WirtschaftsakteurInnen - Gewinner der Globalisierung - waren BewohnerInnen dieser Metropolen. Dann, nur wenige Jahre später, wurden die Blicke kritischer, man schaute etwas genauer hin. Die «New-Market-Blase» war geplatzt. Aber das wir - die westlich-europäisch geprägten «Gewinnernationen» - vielleicht doch nicht die automatischen Gewinner der Globalisierung waren, dämmert uns nur langsam. Es kam in der Folge der Internationalisierung des Wettbewerbes um die besten Produktionsstandorte zu einer massiven Dynamisierung der internationalen Kapitalströme. Zum Erstaunen vieler EurozentrikerInnen flossen diese zu grossen Teilen von uns weg, und nicht nur zu uns hin, wie oft als selbstverständlich angenommen worden war. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, mussten die sozialen und kulturellen Kosten gesenkt werden, das Ende des Sozialstaates war eingeläutet, die marktwirtschaftliche Globalisierung war da.
Die ehemals überwiegend regionalen Beziehungen und Abhängigkeiten haben sich global ausgeweitet und das frühere Stadt-Land-Verhältnis hat sich in ein Stadt-Weltmarkt-Verhältnis gewandelt. Und in dieser Konkurrenzstruktur gibt es Gewinner: die vollen Städte. Manche von ihnen sind die Boomtowns der Gegenwart, Megapolis, fast wie Stadtstaaten. Auf der anderen Seite die Verlierer: jene, für die das Modewort der «shrinking cities» - schrumpfenden Städte - geschaffen wurde. Eigentlich passt der Begriff nicht. Kleiner werden Städte nicht so ohne weiteres, ausser man bombt sie weg, oder reisst überflüssiges ab. Ansonsten sind sie Stein gewordene Manifestation vergangener Nutzungen und Planungen, erstarrte Vergangenheit. Eher entleeren sie sich, werden perforiert von funktionellen Lücken, Karies im Gebiss städtischer Gesellschaften. Symptomatisch zeigen sich Funktionsverluste durch Deindustrialisierung, Bevölkerungsabwanderung, massive Arbeitslosigkeit und - als Folge davon - soziale Verwahrlosung bis zu Armut und schwere Verluste an Standortqualität und -stabilität. Standort ist nicht mehr Lebensort.

Raum für Innovatives, Verlust an Lebensqualität
Aber für jene, die dazu neigen, die Wirklichkeit aus ihrem erlebten Alltag abzuleiten, und das sind viele Kulturschaffende und Szenemenschen, viele Intellektuelle, Medienfreaks und bildende KünstlerInnen, findet sich gewiss manch Romantisches in den durchlöcherten Stadträumen der Gegenwart, etwas wofür man sich begeistern kann. Schon erobern viele (teil)autonome Subkulturen die frei gewordenen städtischen Arenen. Illegale Bars und Clubs, kleine Produzentengalerien, Proberäume und Strassenfeste spriessen, die Zivilgesellschaft ist vitalisiert. Auch Forschungsprojekte schiessen aus dem Boden, und einige davon laufen Gefahr, die Funktionsverluste und Stadtbrachen als Spielräume für die StadtneurotikerInnen einer neuen Generation zu romantisieren. Dabei geht leicht vergessen, dass die Mehrzahl der «Normalbürger» diese steuerungsfreien Räume primär als Bedrohung und als Verlust gesellschaftlicher Sicherheit empfindet. Sicherlich ist wahr, dass neu gewonnene Freiräume, im räumlichen ebenso wie im administrativ-politischen Sinne Chancen für Neues bieten, Nährböden für Innovationen. Richtig ist, hierauf das Augenmerk zu richten, um in der Krise auch mögliche Zukunftsszenarien erkennen zu können. Aber keineswegs darf übersehen werden, dass für den Grossteil der städtischen Bevölkerung funktionelle und sozialkulturelle Verluste logischerweise keinen Gewinn an Lebensqualität bedeutet. Deshalb erwächst für die meisten Menschen hieraus auch keine Motivation sich besonders engagiert gesellschaftlich und kreativ zu betätigen. Die Folgen der gegenwärtigen Krise der Erwerbswirtschaft und der Wohlfahrtssysteme sehen zunächst so aus, dass jene, die wenig monetäres Kapital, oder zumindest keine Überschüsse erwirtschaften, im Wettbewerb um Standorte, Infrastrukturen und Wohlstand unterliegen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Dies betrifft nicht nur Einzelpersonen, die aus ihrer soziokulturellen und -ökonomischen Einbettung gerissen werden sondern auch ganze gesellschaftliche Gruppierungen, deren Integration nicht mehr bezahlbar erscheint - Kinder, Jugendliche, Alte, Menschen aus anderen Kulturkreisen, Kranke und Behinderte, Obdachlose, generell Menschen in Nöten. Auf sektoraler Ebene findet ähnliches statt - ist die Mehrung von monetärem Kapital nicht primärer Zweck einer Unternehmung oder eines ganzen Wirtschaftssektors wird dieser verdrängt, unabhängig davon, ob er zum Beispiel zur Mehrung oder Reproduktion von Human- und Naturkapital beiträgt. All dies äussert sich radikal in der Qualität städtischen Lebens, was deshalb massive Auswirkungen hat, weil 75 Prozent der europäischen Bevölkerung in Städten lebt. In Europa ist eigentlich überall «Stadt». Gegenüber ländlichen Siedlungsstrukturen und Sozialbeziehungen sind StädtbewohnerInnen in höherem Masse an eine kooperative, Soziokultur fördernde Kommunalverwaltung gebunden, denn ihre Aktivitäten brauchen Raum und institutionelle Unterstützungen. Wenn in den Städten das öffentliche Gut immer mehr hinter dem privaten verschwindet, stellt sich die berechtigte Frage, was denn eine Stadt ausmacht, wenn nicht die Möglichkeit zur Gemeinsamkeit? Segmentierung, Fraktionierung und Polarisierung des Stadtraumes gehen mit Ausgrenzungen, Armutsproblemen und Strassengewalt einher und produzieren so Angst, Deprivationen und Unsicherheiten in der subjektiven Lebensgestaltung.

Interventionen aus der Zivilgesellschaft
Dennoch und erst recht - die Zukunft der Stadt liegt in einer vitalen Zivilgesellschaft. Sie ist angewiesen auf Solidarität, auf Gemeinschaftsbewusstsein und die Fähigkeit zum kooperativen Handeln - in diesem Sinne auf ein bürgerschaftliches Bewusstsein. Städte brauchen kooperative und partizipative Systeme, ein Neudenken städtischer Wirtschaft. So ist die marktwirtschaftliche Ökonomie sicherlich nicht alleine schuld daran, dass sozialer und kultureller Abbau besonders in Städten die Lebensqualität einschränken. Wir haben uns selber einseitig auf das marktwirtschaftliche Paradigma fixiert, erkennen nur das als produktiv an, was sich in Geld als Gegenwert berechnen lässt. Aber Städte werden von mehr als der Wirtschaft getragen. Rund zwei Drittel unserer Arbeitsstunden sind unbezahlt, im Bereich der Eigenarbeit und der Bürgerarbeit. Leere Flächen für soziokulturelle Zwecke umzufunktionieren, die Besetzung, Aufwertung und Umnutzung sind oft best-practice-Beispiele für bürgerschaftliches Engagement. Dort, wo städtische Interventionen aus der Zivilgesellschaft erwachsen, wo urbane Räume für bürgerschaftliche, nachbarschaftliche Zwecke, zur individuellen und gemeinschaftlichen Selbstversorgung genutzt und umfunktioniert werden, wird die marktvermittelte Produktion um die selbstversorgerische urbane Subsistenzproduktion ergänzt und erweitert. So werden Abhängigkeiten von internationalen Märkten abgebaut und gleichermassen lokale Standortqualitäten aufgebaut, gestärkt und neu in Wert gesetzt. Innovation und Kreativität wächst über wechselseitige Anregung, über die Möglichkeit sich eigenständig und eigenwertig in soziokulturelle und -ökonomische Zusammenhänge einzubringen. Hierfür braucht es Kommunikation, kooperative Netze und partizipative Strukturen. So werden Städte lebendig, seien sie voll oder leer, so wächst urbane Lebensqualität, so entsteht Standortattraktivität. Städte, die sich entleeren, die Funktionsverluste erleiden und in denen die Integration von Lebens- und Arbeitswelten nicht mehr gelingt, bieten die Möglichkeit städtische Ökonomie, städtische Kultur neu zu denken. Auch für volle Städte.
Lenken wir die Blicke auf leere und volle Städte, sollten wir diese nicht zu sehr separieren, analytisch trennen. Beide brauchen eine starke Bürgergesellschaft, beide brauchen Räume und Zugänge um Gestaltungsprozesse und zivile Kommunikation zu ermöglichen. Dabei braucht es die Vielfalt ökonomischer Strategien und sich ergänzender Sektoren. Wettbewerb und zivile Selbstorganisation, bürgerschaftliche Kooperationsnetze und öffentliche Institutionen können und müssen sich konstruktiv neu verbinden. Die Kraft der Städte liegt in der Kraft der Menschen neues zu denken, kreativ und innovativ zu wirken und sich gegenseitig zu stützen. In Zürich, Leipzig und Berlin, in Liverpool und Detroit, in Amsterdam und Dakar.

* Daniel Dahm ist Projektleiter im Forschungsprojekt «Urbane Subsistenz als Infrastruktur der Stadt» des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und lebt in Berlin.


KASTEN
Im Initiativprojekt «Shrinking Cities» untersuchen Architektinnen, Wissenschaftler und Kunstschaffende die jüngere Entwicklung von sich entleerenden Städten. Teil des Projekts der Kulturstiftung des Bundes in Deutschland ist ein internationaler Ideenwettbewerb mit dem Titel «Schrumpfende Städte - Die Stadt neu denken / Reinventing Urbanism» ausgelobt.
http://www.shrinkingcities.com

 

 

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