Umstrittene Hafengebiete in Amsterdam
Amsterdam ist zum Bersten voll. Zu den wenigen Entwicklungsgebieten gehören die ehemaligen Hafenanlagen, welche schrittweise zu Wohnquartieren ungenutzt werden - zumindest in Teilgebieten konnten dabei Bürgerinitiativen ihre Visionen von Wohnraum und Stadtentwicklung einbringen.
Von Pascal Richard
«Grässliche, platte Pfannkuchen, fantastische Aussichten und gelungene Entwicklungen.» Mit diesen Worten umschreibt die Künstlerin und Mitautorin des Buches «The Turning Tide» (siehe Kasten) Peti Buchel das Schlussresultat der Stadterweiterung im östlichen Hafengebiet hinter dem Hauptbahnhof Amsterdam. Als die modernen Superfrachtschiffe in die späten siebziger Jahre im Hafen keinen Platz mehr fanden, schloss eine Reederei nach der anderen. Währenddem Amsterdam schon damals aus allen Nähten platzte, und es vor allem im Zentrum an Wohnungs- und Freiräumen fehlte, stand plötzlich ein riesiges Entwicklungsgebiet frei. Das 300 Hektaren grosse Areal - der Kreis 4 hat eine Fläche von knapp 280 Hektaren - zog Städteplaner, Investorinnen, Besetzer und Künstlerinnen mit unterschiedlichen Interessen und Ideen an. Eigneten sich Letztere - die Kraaker - verlassene Hafengebäude an, beschäftigten sich Erstere damit das Gebiet neue zu entwickeln. Die zwischen den verschiedenen Interessengruppen ausgetragenen Konflikte und Kooperationen gaben dem Hafengebiet schliesslich seine jetzige Form.
Wandel der städtischen Wohnbaupolitik
Entscheidend für die Umnutzung des Hafens war ein Regierungswechsel Mitte der 80er Jahre. Amsterdam hat eine lange Tradition von stadt- und staatgeleitetem Wohnungsbau. Bis 1986 baute die Gemeinde rund 70 Prozent der Bauten als Sozialwohnungen und nur 30 Prozent Eigentums- oder reguläre Mietwohnungen. Die Projektleitungen wurde von der Stadt zentralistisch geführt, wobei die BewohnerInnen oft nur wenig Einfluss auf die Pläne hatten. Als die Partei der Arbeit (die Niederländische SP) 1986 die Wahlen verlor, plante der neue Gemeinderat um höhere Steuereinnahmen zu erzielen die Stadt für reichere Familien anziehender zu gestalten. Die Gemeinde begann mit privaten InvestorInnen zusammenzuarbeiten, besass aber immer noch das letzte Wort. Seitdem baut Amsterdam «für den Markt». Das östliche Hafengebiet ist unmittelbarer Zeuge dieses radikalen Umbruchs, wie Peti Buchel feststellt: «1987 errichtete die Stadt noch asoziale Mietwohnungen, die zu Arbeiter- und heute Ausländerghettos führten.» Nach 1998 liess sie nur noch «teure Eigentumswohnungen» bauen. In diesen zehn Jahren schlug der Pegel von einem Extrem zum anderen. Es gab aber eine Zwischenzeit, in der man ein Gleichgewicht zwischen finanziellen und sozialen Interessen fand.
Das Stück des östlichen Hafens, in dem diese Zusammenarbeit am stärksten zu Vorschein kommt, ist die KNSM-Eiland; hier wurde ein grosser Teil der Struktur der Insel sowie der Gebäude beibehalten. Wohnboote konnten bleiben und viele besetze Häuser wurden renoviert und den Ex-Squattern zurückgegeben. Daneben wurden auch grosse Neubauten erstellt.
Dass dabei respektvoll mit der bestehenden Substanz umgegangen wurde, sieht man am Block der Architekten Kollhof und Rapp. Das monumentale Gebäude mit rund 300 Sozialwohnungen «umarmt» geradezu ein beibehaltenes kleineres Haus auf der Südseite. Dass die alte Struktur der Insel erhalten wurde, ist nicht selbstverständlich. Erste Pläne hatten noch vorgesehen, die Hafenbecken zuzuschütten und das Gebiet mit einer homogenen Blockbebauung aufzufüllen. Dagegen wehrten sich die damaligen Besetzerinnen und Künstler. «Wir dachten, dass wir der Gemeinde eine andere Idee anbieten mussten, sonst hatten wir keine Rechtfertigung für unser Bestehen», so Peti Buchel. In ihrer Vision für die Wiederbelebung des Hafens «bieten individuelle Gebäude sowie die Stadt feste Strukturen an», in denen die BewohnerInnen ihre «eigenen Aktivitäten entwickeln und somit den Gebäuden und dem Gebiet neue Funktionen geben können». Gebäude und öffentliche Räume sollten «von unten nach oben», durch BenutzerInnen selbst, nachhaltig entwickelt und verwaltet werden. Dabei waren Mischfunktionen - Arbeit- und Wohngebiet, Kultur und Handel - nicht nur erlaubt sondern explizit erwünscht. Diese Anliegen wurden durch die Bewohnergruppe der KNSM-Eiland verfochten und später in der «Gilde van Werkgebouwen aan het IJ» unter dem Titel «Stadt als Casco» weiter entwickelt.
Visionen beeinflussen Entwicklung
In diesem Modell hat die Gilde Grundkonzepte der Besetzerbewegung wie Eigenständigkeit, Kreativität und Funktionsvermischung in Stadtentwicklungsinstrumente umgewandelt. Die Gilde plädiert dafür, dass keine fertiggedachten Bauten, sondern Grundstrukturen (das Casco) zur Verfügung gestellt werden. Das Casco kann sowohl eine Fabrik, ein Park, ein Quartier oder eine Stadt sein. Ausschlaggebend ist, dass autonome Aktivitäten und neue Inhalte entwickelt werden können. Das Casco-Konzept ist also ein allgemeiner Begriff für eine dauerhafte Grundstruktur, die radikale Funktionsänderungen erlaubt. Für die Gilde kann er darum auch auf den öffentlichen Raum und die Stadtökonomie erweitert werden. Ziel ist die Partizipation der EinwohnerInnen in der Entwicklung und Verwaltung ihrer bebauten Umgebung um damit ein vielfältiges, sozial und ökonomisch dauerhaftes Stadtgeflecht zu kreieren.
Die Gemeinde akzeptierte den Plan der KNSM-Bewohnergruppe nicht als ganzes, übernahm aber viele Ideen in den neuen Stadtplan. Ernüchternd muss jedoch festgestellt werden, dass von der Selbstverwaltung des öffentlichen Raums nichts übrig geblieben ist. Zudem wurde vor allem für Doppelverdienerpärchen gebaut und kaum in Rechnung gestellt, dass diese auch Kinder kriegen. Für Schule und Spielplätze musste man im Nachhinein Raum finden, und der zentrale Gedanke der Zusammenlegung von Arbeits- und Wohngebäuden kam auch nicht zustande. Andererseits wurden alte Hafenstrukturen und Gebäude und somit die charakteristische Hafenatmosphäre beibehalten. Dass dies überhaupt möglich war, ist auch der neuen Einsicht von Seite der Gemeinde und Planer zu verdanken, dass Stadtplanung ein Prozess ist, bei dem Raum für neue Auffassungen und Lösungen bestehen muss. So wie es Stadtplaner Egbert Koster beschreibt erzeugte man dank diesem relativ offenen Prozess eine gelungene «Stadtausbreitung».
Der Umbruch zu einer neuen Stadtplanung hat dem östlichen Hafengebiet im allgemeinen gut getan. Sicher gibt es kritische Aspekte, in diesem Gebiet leben vor allem besser ausgebildete Leute mit einem höheren Einkommen. Gleichzeitig aber bestehen 43 Prozent des Wohnbauten aus Sozialwohnungen. Und gemäss Umfragen ist das KNSM-Eiland das einzige Neubaugebiet, in dem die BewohnerInnen mit ihrer Wohnumgebung beinahe so zufrieden sind wie im alten Amsterdam. Peti Buchel zieht ein durchmischtes Fazit. «Einige Teile sind wirklich schön geworden - es ist jedoch nicht, was wir wollten. Und bei anderen, na ja... die Leute sind glücklich. Aber eigentlich ist es Unsinn.» Zur Zeit laufen eine Anzahl weitere Stadtentwicklungsprojekte für die Hafengebiete in Amsterdam Nord und West. Nimmt man dort die gelungenen Teile des östlichen Hafens als Vorbild, wird es sich lohnen.
«The Turning Tide/ Het Kerend Tij». Peti Buchel und Bert Hogenvorst. Amsterdam 1997. INBN 90-70459-15-0
Im englisch-holländischen Buch «The Turning Tide» fechten die AutorInnen für die Erhaltung existierender Hafengebäude unter Regie der dort lebenden BenutzerInnen. Für sie ist die Rolle der Ansässigen für die erfolgreiche Wiederbelebung alter Hafengebiete besonders wichtig. Das immer noch aktuelle Buch schrieben sie im Auftrag einer Vereinigung besetzter Amsterdamer Hafengebäude, der «Gilde van Werkgebouwen aan het IJ», die sich für die einzigartigen Gebäude und die darin entstandenen Projekte einsetzte und dafür eigene Stadtentwicklungspläne entwarf.
www.xs4all.nl/~34five/
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