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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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SBB-Spekulation

Nachdem die SBB im April/Mai 2001 das baubewilligte Projekt Eurogate über und neben dem Hauptbahnhof platzen lies, versuchen sie nun in einem neuen Anlauf, mit einem neuen Quartier zwischen der Lagerstrasse und den Geleisen mit 80 Metern hohen Häusern den entgangenen Baurechtszins wieder hereinzuholen.

Von Koni Loepfe
Am 26. Februar 2004 trifft sich eine auserwählte Runde teilweise zum zweiten Mal zu einem «Sounding Board». Nach einer ersten Orientierung am 4. Dezember mit anschliessender Befragung der Teilnehmenden orientieren die einladenden SBB über die Fortschritte eines Projekts zur Überbauung des Gebietes zwischen Lager-, Lang- und Zollstrasse. Erarbeitet wurde das Projekt gemeinsam von drei Teams: Hesse Christianse (Rotterdam), Davanthéry & Lamuniàre (Genf) und Theo Hotz (Zürich 9), letzterer in Zusammenarbeit mit den Büros Gigon/Gyer und Burkhalter/Sumi. Die Dimension: Räume für rund 6000 Arbeitsplätze und zwischen 1500 bis 3000 EinwohnerInnen. Der Wohnanteil ist derzeit auf maximal 30 Prozent festgelegt. Gebaut soll nach dem derzeitigen Planungsstand ohne Gestaltungsplan werden. Die Zone befindet sich betreffend Hochhäuser in der Eignungsstufe 1, also in der unempfindlichsten Zone. Hier dürfen Gebäude von 100 Metern Höhe oder gar mehr gebaut werden. Ganz ohne Einschränkungen geht es nicht. Voraussetzung zum Hochhausbau in der Eignungsstufe 1 sind: Bezug zu den bestehenden Gebäuden, Rücksicht auf historische Bauten, die Bildung von Gruppen und einer städtebaulichen Silhouette, Schaffung von Innen- und Aussenräumen mit hohem Öffentlichkeitscharakter, geplante Freiräume unterstützen, eine Mischnutzung und ein öffentlicher Anteil im Erdgeschoss und in einem der obersten Geschosse.
Geladen an die Sitzung vom 26. Februar sind unter anderem: Baudirektorin Dorothée Fierz, Stadtpräsident Elmar Ledergerber, Stadtrat Martin Waser, SBB-CEO Benedikt Weibel, weitere Vertreter von städtischen, kantonalen und eidgenössischen Ämtern. Logischerweise auch Vertreter von Banken, der Wirtschaft, der Architektenschaft. Ohne Thomas Held scheint nichts mehr zu gehen.
Josef Estermann kann seine Erfahrungen mit HB-Südwest und später dann Eurogate einbringen. Man hat aber auch gelernt: Geladen ist auch der potentielle Widerstand: Der Präsident der gemeinderätlichen Stadtentwicklungskommission, der VCS, der Heimatschutz und VertreterInnen der Stadtkreise 4 und 5.

Vergleich drängt sich auf
Als ich das Foto des Projekts, das zugegebenermassen wirklich erst eine Skizze ist, das erste Mal sah, fiel mir spontan Eurogate ein. Mit einem grossen Unterschied: Da es nur noch neben und nicht mehr über den Geleisen gebaut wird, geht es in die Höhe. Die Dimensionen sind indes die gleichen. Eurogate sah 5000 Arbeitsplätze vor, jetzt sind es etwa 1000 mehr. Im Eurogate hatte es Platz für 500 Wohnungen, jetzt sind es etwa gleich viele, wobei man sich dazu bisher deutlich weniger Gedanken gemacht hat. Eurogate kam mit einem (erst noch erzwungenen) Hochhaus aus, hier werden es eine ganze Reihe sein, so dass Zürich auch zu seiner kleinen Hochhauscity kommt.
Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt die Initiative der SBB. Ausgerechnet jene (insbesondere CEO Benedikt Weibel), die Eurogate aus schwer nachvollziehbaren Gründen 10 Sekunden vor 12 Uhr platzen liessen (dass dies der VCS war, gehört zur Legendenbildung der SBB), wollen nun etwas in der Sache sehr ähnliches initiieren. Der Grund liegt auf der Hand: Sie sind spitz auf die rund 150 Millionen Franken Baurechtszins und die gut 100 Millionen Franken, die sie als Beitrag an ihre Infrastrukturen bei Eurogate erhalten hätten und der jetzt wieder sehr willkommen wird. Auch nicht gerade von Grösse zeugt, dass mit Theo Hotz ein Architekt an vorderster Front mitmacht, der es nie verwinden konnte, dass Ralf Baenziger den Eurogate-Zuschlag erhalten hatte. Und eine weitere Parallele: Viele mixen mit, aber es gibt keinen Bauherr, der wirklich hinsteht.

Skepsis im Quartier
Die Quartiervertreter äussern sich skeptisch. Sie befürchten einerseits, dass das neue Quartier den Glanz erhält und der Kreis 4 und insbesondere das Langstrassenquartier die Funktion der Hinterhöfe übernimmt, in denen man säuft und die Sau raus lässt. Der Kreis 4 braucht eine Aufwertung (etwa im Kasernenareal und mit neuen Läden), kein neues Quartier vor dem Gesicht. Dazu sehen seine VertreterInnen viele Verkehrsprobleme ungelöst und sie wünschen sich mehr Wohnungen, die auch bezahlbar sind. Dies wiederum ist mit den Finanzwünschen der SBB schwer vereinbar.
Eurogate und nun auch das neue Projekt wären wirtschaftlich für die Stadt durchaus interessant. In Eurogate wären rund zwei Milliarden Franken investiert worden und der Umsatz nach dem Bau hätte sich auf rund eine Milliarde Franken pro Jahr belaufen. Das ist nicht zu verachten. Trotzdem würde ich dringend vom neuen Projekt abraten: Eurogate ist gestorben und damit für eine Generation die Neugestaltung des Bahnhofraums.



P.S. Nr. 6, 19.2.2004

 

 

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