Stadt und Wohnen
  Aktuell
  Alternativen
  Dossiers
  Videos

 

 

 

 

 

STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


KONTAKT:
stadt.labor
Postfach 2465
8026 Zürich
PC 87-727882-5
alles@stadtlabor.ch


 


 

Global Cities brauchen Hot Spots

Die Nutzung des Kasernen-Areals ist seit Jahrzehnten ein Politikum. Nun soll der ehemalige Expo-Direktor und Kulturunternehmer Martin Heller mögliche Szenarien ausarbeiten. Inwieweit dabei quartierverträgliche Lösungen und die Wünsche der Wohnbevölkerung berücksichtigt werden, bleibt fraglich.

Herr Heller, Sie gelten als Brückenbauer zwischen den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Politik. In einem Interview charakterisierten Sie sich kürzlich als «Söldner». In welchen Diensten stehen Sie denn?
Das Söldner-Zitat bezog sich auf eine Neujahrsrede, die ich in Bremen gehalten habe, und wo ich pointiert die Reisläuferei der Schweiz ins Spiel brachte. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich mich nicht als kulturellen Heilsbringer verstehe, sondern jeweils ganz profan angeheuert werde und mein Auftraggeber durchaus in der Pflicht bleibt. Oder anders herum: Ich versuche meine Aufträge so zu handhaben, dass ich aus der fallweisen Analyse heraus alles einbringen kann, was Sinn macht.

In welchem dieser drei Bereiche fühlen Sie sich am meisten zuhause?
Ganz klar: Ich komme aus der Kulturwelt - das ist meine Heimat. Und als Kulturunternehmer leiste ich mir mittlerweile einen Kulturbegriff für meine Arbeit, den ich in keiner Institution finde. Weil ich in meinem eigenen Namen auftrete, kann ich unterschiedliche Dinge und Projekte verbinden. Heller Enterprises ist dafür das Gefäss. Dabei suche ich Situationen, in denen über herkömmliche Schranken hinweg Gespräche stattfinden können, wo sich Bilder und Ideen transferieren lassen. Aber meine Denkformen, meine Massstäbe an Menschlichkeit wie an Professionalität kommen aus der Kultur.

Wenn Sie in ein Kulturprojekt involviert sind, fallen aber regelmässig Begriffe wie Rentabilitätserwartungen, Imageproduktion oder Ökonomisierungszwang. Das hört sich eher nach der Arbeit eines Managers an?
Kultur steht heute weit mehr als noch vor einigen Jahren unter Rentabilitätsforderungen. Als ich 1980 meine erste Ausstellung machte, redete niemand von Quoten. Seither hat sich die Welt extrem verändert. Also plädiere ich dafür, dass gerade die kulturellen Akteure vor dieser Tatsache nicht zurückschrecken sollen, sondern dass sie sich genau ansehen und reflektieren, was geschehen ist.
Wenn Sie sich jedoch das Bewerbungsbuch Bremens zur Kulturhauptstadt 2010 anschauen, so kommen dort auch ganz andere Worte vor: «Brutstätten» etwa, oder «Besessene». Sie machen klar, dass es bei allem Ökonomisierungsdruck letztlich immer um Orte geht, wo Kultur gleichsam in der ihr angemessenen Wärme entstehen kann, und dass nur Besessene zu jener Radikalität fähig sind, die etwas bewegt. Solche Werte muss man mehr denn je hochhalten, gerade wenn Managementfragen die Inhalte zu verdrängen drohen. Vor diesem Hintergrund bin ich jemand, der sich erlauben kann, über Inhalte mit derselben Leidenschaft zu reden wie über Managementfragen.

Sie haben den Wandel in der Kultur angesprochen. Muss Kultur heute mehr rentieren, als noch vor 10 oder 20 Jahren?
«Kultur» steht heute für vieles - bis hin zu Unternehmens- oder Verwaltungskultur. Es hat eine Infiltrierung kultureller Begriffe und Elemente in zahlreiche Lebensbereiche stattgefunden. Mit dem Preis, dass Kultur mehr denn je auch ökonomischen Erwartungen ausgesetzt ist. Keineswegs als einziger Sektor: Wenn Sie die Diskussionen im Gesundheits- oder im Bildungswesen verfolgen, dann ist das genau dasselbe. Es gibt einen starken Hang - und einen Druck - zur Bemessung unterschiedlichster gesellschaftlicher Leistungen an ökonomischen Kriterien. Damit muss man sich auseinandersetzen: sei es, dass man dieser Entwicklung Rechnung trägt, sei es, dass man sich dagegen verwahrt. Spielraum besteht für unterschiedliche Strategien, und den muss man sich offen halten.

Philipp Meier sagte kürzlich in einer Diskussion über Partykultur, dass die Kreativität umso geringer sei, je höher der fremdfinanzierte Anteil.
Ich schätze Philipp Meier sehr, bin aber mit den Bedingungen von Klubkultur kaum vertraut. Indessen: Verallgemeinerbar ist diese Aussage mit Sicherheit nicht. Ich bin überzeugt, dass man sich sinnvoll und erkenntnisfördernd über solche Fragen nur verständigen kann, wenn man den Einzelfall analysiert, und dann fallen die Antworten zwangsläufig differenziert aus. Breite und eine bestimmte Kundenorientierung können durchaus legitime Ziele sein, wenn man sie intelligent interpretiert.

Kultur wird heute mehr denn je als Standortmarketing gebraucht, um Städte im globalen Wettbewerb zu hypen. Wie sehen Sie die Beziehung von Kultur und Stadtentwicklung?
Da gibt es natürlich mehrere Blickweisen. Vorweg: Je mehr in einer Stadt los ist und je mehr auch unterschiedliche Szenen für Bewegung und Dynamik sorgen, desto interessanter wird das, was uns als urbanes Leben so wichtig ist. Das hat mit Standortqualität im Sinne einer Ansiedlungspolitik von Unternehmen noch gar nichts zu tun. Darüber hinaus ist eine Stadt, die gelernt hat, auf kulturellem Feld innovativ zu sein, wettbewerbsfähiger als andere. Schliesslich besteht ein wesentlicher Effekt der Globalisierung darin, dass wir auf viele Entwicklungen rasch und effizient reagieren müssen. Da bietet ein kulturelles Weltverständnis, das nicht auf ökonomische Zusammenhänge fixiert ist, sondern gesellschaftliche Bewegung in einem weiten Sinne versteht, die besseren Voraussetzungen. Und dann ist Kultur - und darüber wird derzeit viel diskutiert - ein wesentlicher Standortfaktor, weil jede Stadt im Ranking der Lebensqualität einen höheren Platz einnimmt, wenn sie ein reiches Kulturangebot zu bieten hat. Das mag dann beim Standortentscheid internationaler Firmen durchaus mitentscheidend sein. Aber nochmals: Essentiell ist, ob eine Stadt kulturelle Vielfalt ausstrahlt, ob sie Kultur zum Austausch benutzt und sich dadurch auf lustvolle Weise einem Wettbewerb stellt.

Sprechen wir über Ihre Arbeit als Promotor zur Erarbeitung möglicher Szenarien für das Kasernenareal. Haben Sie heute schon eine vage Vorstellung, in welche Richtung das Projekt gehen soll?
Nein. Im Moment führe ich viele Gespräche und höre mir erst einmal an, was direkt oder indirekt Beteiligte zu sagen haben. Etwas ist dabei interessant: Es zeigt sich, dass die Kaserne eine ideale Projektionsfläche bietet. Sie ist ein Ort, der fast modellhaft einen Spielraum bereithält nicht nur für Planungen, sondern auch für Fantasien. Normalerweise ist in einer Stadt wie Zürich das Planen verdammt schwer, weil die Rahmenbedingungen sehr eng sind. Dass nun das Kasernenareal derart viel Zukunftsenergie freigesetzt hat, ist wunderbar - aber man soll das nicht mit der realen Planungswirklichkeit verwechseln.

Die kantonale Bauvorsteherin Dorothée Fierz sprach in Zusammenhang mit der Kaserne von einem grossen Wurf, ihre Mediensprecherin gar von einem Centre Pompidou für Zürich. Der Kanton setzt hohe Erwartungen?
Von den grossen Würfen darf man immer träumen. Indessen ist mein Auftrag viel offener formuliert. Gefordert ist die Erarbeitung möglicher Szenarien, und das beinhaltet eine ganze Bandbreite von Entwicklungen. Letztlich geht es nüchtern um eine Machbarkeitsstudie. Und da gibt es ganz unterschiedliche Ansätze - das zeigt auch die bisherige Planungsgeschichte. Die Erwartungen an meine Arbeit sind dort zu recht hoch, wo es darum geht, diesem weiten Horizont in den Griff zu bekommen: von der grossen städtebaulichen Perspektive bis zu Veränderungen auf Quartierebene. Die Ausbaupläne der SBB in der Folge von Eurogate zum Beispiel werden das Quartier nachhaltig verändern, und auch die Kräftekonstellation der Zürcher City. Weiter interessieren aber auch die Haltungen oder Bedürfnisse einzelner Protagonisten - da gehören Investoren ebenso dazu wie Kulturträger, mögliche Nutzer oder die Politik.

Wer in ihren Überlegungen nie zu Wort kam, ist die Bevölkerung. Das Langstrassenquartier ist ja ein Wohnquartier. Wie werden Sie die Anliegen der BewohnerInnen berücksichtigen?
Im Moment geht es nicht darum, Wünsche zu berücksichtigen - ich bin am Zuhören. Dazu kommt, dass viele Wünsche der Bevölkerung bereits Eingang gefunden haben in die bisherigen Planungsvorschläge und Einzelideen. Es füllt ja ganze Bände, was schon alles gedacht wurde zur Kaserne. Und wie gesagt: Neue Szenarien müssen davon ausgehen, dass dieses Areal zugleich ein Stück Quartier und ein Stück City ist. Wenn man sieht, welcher Druck aktuell vom Bahnhof als eine der Schlüsselstellen unserer Stadt ausgeht, dann wird klar, dass die Kaserne irgendwann nicht einfach mehr zu einem Quartier gehört, sondern eben ein ganz wesentlicher Hot Spot in der City der Schweizer Metropole ist. Also versuche ich, so lange wie möglich einen weiten Blickwinkel zu behalten, um darin Bilder zu entwickeln von dem, was die Kaserne ist und was sie sein könnte.
Interview: Thomas Stahel


MARTIN HELLER
Martin Heller studierte in Basel Kunstgeschichte, Ethnologie und Europäische Volkskunde. Neben der Einstellung als Direktor am Museum für Gestaltung Zürich wurde der heute 52-jährige Basler als Directeur artistique für die künstlerischen und inhaltlichen Belange der Schweizer Landesausstellung Expo 02 bekannt. Nach dem Ende der Expo gründete Heller im Mai 2003 die Heller Enterprises GmbH, die sowohl operativ wie auch strategisch im Kulturbereich tätig ist. Dabei übernahm Heller unter anderem die künstlerische Leitung der Bewerbung der Freien Hansestadt Bremen als Kulturhauptstadt Europas 2010.
www.hellerenter.ch
www.bremen2010.de



Fabrik Zeitung Nr. 204, September 2004


 

 

Webmaster: alles@stadtlabor.ch