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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Hochhaus am Wackeln


Die Stadt Zürich will einen Wohnturm bauen. Doch das Verwaltungsgericht hat die undurchsichtige Vergabe des Architekturauftrags vorerst gestoppt. Das 185-Millionen-Vorhaben droht als teure Planungsleiche zu enden.

Stefan Hotz
Seit Jahren wird in Zürich viel gebaut. Das ist erfreulich und äussert sich etwa darin, dass die Einwohnerzahl der Stadt kontinuierlich steigt. Auch die Qualität scheint zu stimmen. Erst vor zwei Tagen hat der Stadtrat eine Reihe von Architekten und sich selbst für gutes Bauen ausgezeichnet. Selbst Hochhäuser wie der geplante, 126 Meter hohe, gläserne Prime-Tower beim Bahnhof Hardbrücke, sind unterdessen kein Tabu mehr. Doch just da, wo die Stadt selber als Bauherrin auftritt, erleidet sie nun einen Rückschlag: Das Verwaltungsgericht hat den Bau eines 90 Meter hohen Wohnturmes mit einem Planungsstopp belegt.

Erst ein Verwaltungsgebäude...
Das Projekt der Stadt sieht über dem Tramdepot Hard, am Ufer der Limmat und als Eingangstor zum boomenden Stadtteil Zürich West, einen Turm mit über 200 Wohnungen vor, mit dem Grundriss eines vierblättrigen Kleeblatts vor. Der Stadtrat hatte den Auftrag an den bekannten Architekten Theo Hotz vergeben - allerdings ohne Wettbewerb. Das erzeugte unter Architekten weit über den branchenüblichen Futterneid hinaus Empörung und führte zu einer Submissionsbeschwerde.
Bereits von 1988 bis 1992 hatte sich Hotz im Auftrag der Stadt mit dem Tramdepot befasst. Es war die Zeit, als sich auf dem Platzspitz die Drogenszene festsetzte, die dann für Jahre den Stadtkreis 5 in Beschlag nahm. Auf dem Tramdepot wollte die Stadt damals Teile ihrer Verwaltung unterbringen. Die Idee, über dem Depot eine Zusatznutzung zu realisieren, scheiterte 1992 aus Kostengründen. Für die Trams musste ein offenes Provisorium genügen.

...dann die «Fortführung»...
Dennoch rechtfertigt der Stadtrat heute die erneute Vergabe des Auftrags an Theo Hotz damit, es handle sich um die Fortführung der Anfang der 90er-Jahre abgebrochenen Planung: Eine abenteuerliche Begründung, war damals doch weder von Wohnungen noch von einem Hochhaus die Rede. Die Begründung des Verwaltungsgerichts wird zeigen, ob es sich nur um einen «Schönheitsfehler» handelt, wie die zuständige Stadträtin Kathrin Martelli (FDP) Ende Jahr dem «Tages-Anzeiger» sagte. Peter Ess, Direktor des Amtes für Hochbauten, gab der NZZ zu Protokoll, die Stadt könne nicht gezwungen werden, einen Wettbewerb für ein neues Projekt auszuschreiben.

...oder doch «neues Projekt»?
Ungewöhnlich war das Vorgehen allemal, denn bereits 1999 soll Hotz vom Hochbaudepartement den Auftrag erhalten haben, aufgrund der «grundlegend veränderten» Rahmenbedingungen für das Tramdepot Hard ein «neues Projekt» auszuarbeiten, wie es in einem Protokoll heisst. Gut drei Jahre danach tönte es anders: Anfang 2003 beschloss der Stadtrat einen Planungskredit von 1,9 Millionen
Franken für die «Wiederaufnahme des 1993 sistierten Projekts von Architekt Theo Hotz». Ab dem Jahr 2000 taucht das Vorhaben als «Studien in Bearbeitung» mit einem Bauvolumen von zunächst 100, später 180 Millionen Franken im Geschäftsbericht des Stadtrates auf.
Insgesamt verursachte die Planung für die Zusatznutzung über dem Tramdepot bis 1992 Kosten von mehreren Millionen Franken. Den Kredit von 2003 soll nun das Parlament nochmals um knapp zehn Millionen aufstocken. Das ergäbe insgesamt eine zweistellige Millionensumme für ein Planung, bei der man vielleicht wieder von vorne beginnen muss.
Der ganze Vorgang sei «undurchsichtig und unappetitlich», kritisiert Niklaus Scherr von der Alternativen Liste, der linken Opposition in Zürich. Nach seiner Einschätzung wirft das Kleeblatt-Projekt finanzrechtliche Fragen auf. In der Tat steckt der Stadtrat in einem unlösbaren Widerspruch: Könnte das Hochhaus als Fortsetzung der einstigen Planung aus den frühen Neunzigerjahren gelten (woran das Verwaltungsgericht offenbar zweifelt), hätte der Stadtrat den Planungskredit von 2003 dem Parlament vorlegen müssen. Nicht nur die Justiz, auch die Politik dürfte sich also noch mit der Angelegenheit befassen.

«Geheimniskrämerei»
Auch weitere Grossprojekte könnten in Zürich noch zu reden geben. In Kürze werden die Resultate eines wenig transparenten Wettbewerbs für ein neues Kongresszentrum am See bekannt. Die NZZ übte bereits Kritik an der «Geheimniskrämerei». Nur dank einem Referendum aus dem Quartier kommt es zudem zur Volksabstimmung über den «Stadtraum Hauptbahnhof». Das Parlament winkte im Januar die Pläne von SBB und Post für einen neuen Stadtteil mit 8000 Arbeitsplätzen und für 1200 Bewohner beim Hauptbahnhof in nur einer halben Stunde durch.


Bund, 25.3.2006


 

 

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