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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Und was folgt nach der Grünau?


Ende September 2003 mussten die letzten MieterInnen die Siedlung Bernerstrasse verlassen. Im Frühjahr 2004 beginnen die Bauarbeiten für das Nachfolgeprojekt Siedlung Werdwies. Einschätzungen zum Projekt anhand von Zitaten der verantwortlichen städtischen Ämter.


GROSSE FAMILIENWOHNUNGEN
Die Siedlung Bernerstrasse «entspricht in keiner Weise mehr den heutigen Anforderungen. Die Fluktuation ist hoch und eine Vermietung schwierig.»
[Wohnüberbauung Bernerstrasse. Zürich-Altstetten. Projektwettbewerb Bericht der Expertenkommission. März 2002]

Die 267 Wohnungen der 1959 erbauten Siedlung Bernerstrasse sind klein und dementsprechend günstig; die durchschnittliche Fläche pro BewohnerIn beträgt rund 20 m2. Im Neubau entstehen im Rahmen des Legislaturziels «10'000 Wohnungen in 10 Jahren» 152 Wohnungen, drei Viertel davon als grosse «Familien»-Wohnungen mit mindestens 4½ Zimmern und 100 m2.
Der durchschnittliche Flächengebrauch hat in der Stadt Zürich in den letzten Jahrezehnten enorm zugenommen und lag im Jahr 2000 bei 40 m2. Mit der Forcierung von Grossraum-Wohnungen wird diese ökologisch und raumplanerisch problematische Entwicklung weiter gefördert.


MITTELSCHICHT ALS NEUE BEWOHNERSCHAFT
«Durch einen Neubau und zusätzliche Nutzungen soll sich die Attraktivität der gesamten Grünau erheblich verbessern. Damit lässt sich die anvisierte MieterInnenschicht neu definieren. Die Ausrichtung auf eine neue Mieterschaft aus stabilen sozialen Strukturen kann zu einer echten sozialen Stärkung des Gebiets beitragen.»
[Workshop Bernerstrasse - Quartier Grünau. Schlussbericht. Entwurf vom 1.12.1998]

Ziel des Neubaus ist eine bessere soziale Durchmischung des Quartiers. Ein Teilabriss wurde von Anfang an ausgeschlossen, vielmehr soll die Grünau durch eine «Zielmieterschaft Mittelschicht» «aufgewertet» werden. Hintergrund für diese Strategie bildet die Konkurrenz der Gemeinden um steuerkräftige BewohnerInnen.
Und die AltbaubewohnerInnen? Ein Grossteil der MieterInnen der Siedlung Bernerstrasse fand einen Ersatz in Zürich - zumeist in Altstetten. Die von der Stadt angestrebte bessere soziale Verteilung über dem Stadtgebiet bleibt ein Lippenbekenntnis. Viele fanden nur Zwischenlösungen, bei denen in den nächsten Jahren wiederum eine Renovation bzw. ein Abbruch ansteht - etwa in der städtischen Siedlung Rautistrasse.


QUARTIERAUFWERTUNG
«Der Neubau bietet zudem Gelegenheit, Aufwertungen in einem weiteren Umfeld anzusehen. Die Investition in die Siedlung Bernerstrasse ist im Quartier und bei den GrundeigentümerInnen im Quartier so zu kommunizieren, dass ebenfalls ein Anreiz besteht, Verbesserungen z.B. im Wohnbereich, bei den Freiflächen oder bei Unterhalt und Pflege ihrer Anlage zu erreichen.»
[Quartier Grünau. Abbruch Siedlung Bernerstrasse. Begleitung Mieterschaft. Konzept vom 6.10.2000. Fachstelle für Stadtentwicklung.]

Die Planung in der Grünau versteht sich als Bestandteil der sogenannten Domino-Quartieraufwertung, nach der ein bewusster Anstoss - z.B. ein Neubau - zu nachhaltigen Veränderungen in einem Quartier führen soll. Konkrete Domino-Projekte in der Grünau sind eine Passerelle über die Autobahn, diverse Aussenraumaufwertungen und ein neuer Polizeiposten. Inwiefern die Grundeigentümer in das Domino-Aufwertung einbezogen werden, ist unklar. Die «Aufwertung» nimmt auf jeden Fall ihren Lauf: In der ummittelbaren Nachbarschaft zur Siedlung Bernerstrasse stehen bereits drei Hochhäuser zum Verkauf - an den meist Bietenden.


PILOTPROJEKT
«Die Begleitung der Siedlung Bernerstrasse ist ein Pilotprojekt der Stadt Zürich zum Umgang mit einer Mieterschicht bei Ersatzneubauten.»
[Quartier Grünau. Abbruch Siedlung Bernerstrasse. Begleitung Mieterschaft. Konzept vom 6.10.2000. Fachstelle für Stadtentwicklung]

Immer wieder weisst die Stadt auf die Bedeutung des Neubaus als Pilotprojekt hin, handelt es sich doch um den ersten Ersatzbau einer städtischen Siedlung seit bald 40 Jahren. Der Abriss städtischer Liegenschaften wird salonfähig. Zumindest für den geplanten Abriss der Siedlung Rautistrasse kann die Umsiedlung Bernerstrasse als Pilotprojekt gesehen werden. Parallel wird die Stadt die Renovationen ihrer Siedlungen fortführen.
Das Vorgehen in der Grünau ist ausserdem exemplarisch für die städtische Wohnungspolitik: mittels Verkauf, Renovation und Abriss von Liegenschaften betreibt die Stadt zunehmend Bevölkerungs- und Geldbeschaffungspolitik.


RF Nr. 18, November 2003

 

 

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