Die Grünau ist wie ein Dorf
Franziska Stärk gibt im März 2004 ein Buch mit Portraits von ehemaligen BewohnerInnen der Siedlung Bernerstrasse heraus. Ein Gespräch über ihren Zugang zu den BewohnerInnen der Siedlung und ihre Erfahrungen in der Grünau.
Welchen Bezug hast du zur Grünau?
Während meiner Ausbildung zur Reallehrerin wohnte ich in der Nähe und mein Schulweg führte an der Grünau vorbei. Das Praktikum machte ich in Altstetten in einer Klasse, in der es fast nur Kids aus der Grünau hatte. Von da an hat mich die Grünau nicht mehr losgelassen. Ausserdem ist mein Lebenspartner in der Grünau aufgewachsen. Aus diesen Gründen hat es mich beschäftigt, als ich hörte, dass da Häuser abgerissen werden sollten. Da entstand im Hinterkopf die Idee, dass ich die Leute, die da wohnen, portraitieren möchte. Ich wollte herausfinden, wer sie sind, wie sie leben und was der Abbruch für sie bedeutet. Für die Menschen, die jetzt ausziehen mussten, geht es um etwas sehr Existenzielles, und deshalb sollen sie auch zu Wort kommen, nicht nur die Politiker oder die Sozialarbeiterinnen. Das war mein Hauptanliegen. Das Buch ist ein Medium, um den Leuten die Möglichkeit zu geben, über sich und die Auswirkungen des Abbruchs auf ihr Leben zu erzählen.
Wie bist du an die Leute heran gekommen?
Zuerst war ich recht schüchtern. Vom MieterInnenbüro bekam ich dann ein paar Kontakte vermittelt. So lernte ich Istvan Kovacs kennen, der im Quartiert eine Art Integrationsfigur ist, und der hat mir sehr geholfen, indem er mich vielen seiner Bekannten vorgestellt hat. Von da an liefs sehr gut, da mir die Leute, die ich getroffen habe, laufend weitere Menschen vermittelten.
Die Menschen in deinen Portraits berichten sehr offen. Sie haben sie fotografieren lassen, und manche erzählten dir ihre ganze Lebensgeschichte. Wie hast du es angestellt, dass die Leute so auskunftsfreudig waren?
Ich war selber überrascht, wie offen und freundlich die Leute waren. Beim ersten Besuch habe ich nicht viele Fragen gestellt. Ich hab einfach gesagt, erzähl mir was über dich, wie ist es in der Grünau zu wohnen und was hältst du davon, das du jetzt wegziehen musst. Viele haben da schon gesprudelt. Noch mehr machten beim zweiten Treffen, als ich den Text und die Fotos vorbeibrachte, total auf. Mehrfach sagten mir Leute: Ich hab so viel auf dem Herzen, ich will das jetzt loswerden. Einige begannen dann auch selber Texte zu schreiben. Von daher ist das nicht einfach mein Projekt, sondern eine Zusammenarbeit mit den Menschen in der Grünau.
In Medienberichten wird die Grünau oft als Problemquartier, als Ghetto geschildert. Wie hast du das erlebt?
Problemquartier klingt für mich nach Schlagwort und Skandalisierung. Was mich an der Bernerstrasse so fasziniert hat, ist der Umstand, dass sie wie ein Dorf ist. Man stellt sich diese Wohnblock-Siedlung am Stadtrand vor und denkt, dass sei anonym, düster und gefährlich. Angetroffen hab ich das Gegenteil. Die Leute kennen sich und wissen übereinander Bescheid. Sie hüten sich gegenseitig die Kinder. Natürlich sind nicht alle dicke Freunde, aber irgendwie sind sie zusammen gewachsen. Die Grünau ist weder gefährlich noch wohnen da sogenannte Asoziale. Klar: Es gibt dort sehr viele Leute, die finanziell schlecht dastehen. Statistisch leben fast 70% am Existenzminimum oder drunter. Ich habe viele allein erziehende Frauen getroffen, auch einige Menschen, die familiäre Gewalt erlebt haben und immer noch erleben. Es gibt viele Lebensgeschichten mit Brüchen. Was ich aber auffällig fand: Von allen Leuten, die ich interviewt habe, war fast niemand arbeitslos oder auf Sozialhilfe angewiesen. Die meisten Leute haben einen Jobs, sind also integriert in die Arbeitswelt. Die Gründe für die finanzielle Knappheit, mit der viele leben, liegen darin, dass sie in sehr schlecht bezahlten Jobs arbeiten und weil sie Kinder haben. Es gab zum Beispiel Familien, da war es rein terminlich schlicht unmöglich, alle aufs Mal zu fotografieren. Einfach deshalb, weil die Leute im Schichtbetrieb arbeiten und deshalb gar nie alle miteinander daheim sind.
Wie hast du Stimmung im Quartier in Bezug auf den anstehenden Abriss wahrgenommen?
Bei der Mehrheit herrscht Resignation. Es gibt auch Angst um das soziale Netz. Viele sind in die Grünau gezogen, weil schon Verwandte da wohnten. Oder die allein erziehenden Mütter, die kennen sich alle unter einander. Die Stimmung ist so: Es ist eine Schweinerei, aber man kann nichts machen. Es haben sich wenige wirklich gewehrt. Ich habe viel Traurigkeit erlebt, Aggressionen hingegen kaum, höchstens gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern vom Projekt Fuge, an denen hat sich zum Teil die Wut entladen.
Deine Arbeit soll als Buch erscheinen. Wie weit ist das Ganze gediehen?
Das Material ist grössenteils da. Bis Ende Jahr werden die Texte lektoriert und das Layout erstellt. Erscheinen soll das Buch im März, dann müssen die Allerletzten raus und im April folgt dann der Abriss. Schlecht steht es derzeit noch um die Finanzierung. Ich suche dringend nach Sponsoren für den Druck. Ich will, dass das Buch günstig verkauft werden kann, damit es sich auch die Leute aus der Grünau leisten können.
Interview: Reto Aschwanden
Franziska Stärk arbeitet seit sieben Jahren als Jugendarbeiterin und absolviert die Fotoklasse der Hochschule für Gestaltung und Kunst. Vorbestellungen und Sponsoring-Angebote sind willkommen unter: www.siedlung-bernerstrasse.ch oder franziska.staerk@gmx.ch oder direkt auf PC-Konto 87-447212-6, Franziska Stärk, Dokumentation Bernerstrasse, 8003 Zürich
.RF Nr. 18, November 2003
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