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Die Wohnstadt Zürich darf nicht aus der Balance kippen
Baugenossenschaften sind der gesunde Stachel im Fleisch des Immobilienmarkts. Das lehrte eine Tagung in Oerlikon.
Von Daniel Suter
Für einmal war viel vom Markt und wenig von Menschen die Rede. Trotzdem gehörte die Tagung am Freitagnachmittag in Oerlikon zum Zürcher 100-Jahr-Jubiläum des sozialen Wohnungsbaus. Viele Genossenschafter waren gekommen, um etwas über die Strategien der Immobilien- und Baubranche zu erfahren. Doch die drei Referate servierten mehr Theorie als Praxis. Eine modellhafte «Stadt der Ökonomen» entwarf Patrik Schellenbauer, Leiter Financial Engineering bei der Kantonalbank. Diese Stadt zeichne sich durch einen zentralen Business District aus, wo viele Menschen auf engem Raum im Dienstleistungssektor arbeiteten. Personendichte und Bodenpreise sind im Zentrum am höchsten und nehmen gegen die Stadtränder hin ab - ausser an den privilegierten Sonnenhängen der Reichen, die gerne ihre Ruhe haben. Solche Marktfaktoren erklären das Gesetz, dass grössere Städte auch stets höhere Lebenskosten haben. In der Schweiz schlägt da nur das steuergünstige Zug aus der Reihe, das seine Preise der Kaufkraft seiner Bewohner angepasst hat.
Ungebremster Markt teilt die Stadt
Teure Wohnlagen können sich nur «produktive Haushalte» (sprich Leute mit hohen Löhnen) leisten. Deshalb treibt der freie Bodenmarkt in Metropolen die Entmischung von sozialen Gruppen voran. Es entstehen getrennte Regionen der Reichen und der Kleinverdiener. Gegen diese Marktkräfte agieren die Baugenossenschaften, konstatierte Bankmann Schellenbauer mit einer Mischung aus Tadel und Anerkennung. Denn sie investieren langfristig in Liegenschaften und verlangen keine Markt-, sondern Kostenmiete und geben so die Rendite an ihre Mieter und Mitglieder weiter. Damit bremsen sie die Entmischung der Quartiere - und senken die sozialen Kosten des Gemeinwesens.
«Gesteuerte Vielfalt» statt ungezügeltem Immobilienmarkt nannte Stadtenwicklerin Brigit Wehrli-Schindler ihr Rezept für Zürich. Sie hatte das Modell einer massvoll und ausbalanciert wachsenden Stadt des «Wohnens für alle» bereits im Februar dieses Jahres mit der Studie «Zürich 2025» vorgestellt (TA vom 6.2.07).
Viel Lob für die aktuelle Zürcher Stadtplanung kam vom St. Galler Architekten und Immobilienentwickler Klauspeter Nüesch. Zürich besitze im Wohnbau eine ausgezeichnete Balance zwischen dem Individuum und dem Eingreifen der Stadt. Hier seien Sicherheit, Ordnung und Bildung ebenso vorhanden wie Wohlstand, ein Wertesystem und ein gutes Kultur- und Freizeitangebot.
Nüesch zeigte anhand einiger Beispiele, dass Trends wohl erkannt, nicht aber gemacht werden können. In Lofts lebte und arbeitete die Kommune um den New Yorker Künstler Andy Warhol schon in den 1960er-Jahren. Doch bis diese Avantgarde den Trend beeinflusste und Lofts zu einem Wohnmarktbedürfnis machte, habe es rund 40 Jahre gebraucht. Der Zeitgeist ist beim Wohnen konservativ: Ein Single mietet lieber eine konventionelle 4-Zimmer-Wohnung, weil er das seit seiner Kindheit kennt, als eine viel besser auf seine Lebensverhältnisse zugeschnittene, grosszügige 2-Zimmer-Wohnung. Und viele Investoren seien genauso träge und folgten einem Trend erst, wenn er Allgemeingut geworden sei, sagte Klauspeter Nüesch.
Tages-Anzeiger, 29.9.2007
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