Eurogate ist tot - lang lebe Eurogate!
Eurogate ist tot - so dachten wir. Doch die SBB veranstaltet bereits wieder Planspiele zur künftigen Nutzung ihres zentral gelegenen Bodens. Beim Hauptbahnhof soll ein noch grösseres Neu-Eurogate entstehen, entlang den Gleisen bis nach Altstetten ein kleines Manhatten.
Von Werner Portmann*
Einem vergessenen memento mori gleich, hing noch bis Ende März dieses Jahres über den Veloabstellplätzen Sihlquai der RailCity - sprich Hauptbahnhof - eine Tafel, die vom baldigen Kommen der Geleiseüberbauung Eurogate (Übername: Unding) kündete. Das umstrittene Grossprojekt freilich wurde im Mai 2001 eingestellt.
Büros statt Lurche
Seit dieser Zeit wird der Raum zwischen Hauptbahnhof und Altstetten, einer der artenreichsten an Tieren und Pflanzen der Stadt Zürich, nur durch die Bauarbeiten für Bahn 2000 gestört. Dass dieser Raum im Herzen der Stadt nicht einfach den Pionier- und Ruderalpflanzen, den Lurchen und Bahnhofslerchen überlassen werden darf, ist klar, besteht doch die Gefahr, dass der hier schon lange heimisch gewordene Gnom-Mammon durch Lurche und Vögel aus seinem Revier verdrängt werden könnte. Um dies zu verhindern, haben sich die besorgten Stadtmütter und -väter mit den SBB und VertreterInnen des Kantons zusammengeschlossen um verschiedene Planspiele durchzuführen. Anfangs März wurden die ersten Ergebnisse, sprich Planungsideen präsentiert. In Etappen soll zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse, entlang der Lager- und der Zollstrasse, ein neues Quartier entstehen. Der Tages-Anzeiger vom 5. März 2004 spricht in diesem Zusammenhang von einem «Anti-Eurogate». Denn die Verantwortlichen hätten aus der Geschichte von Eurogate für das neue Projekt gelernt. Wer jetzt schon wieder von Eurogate spreche, rede an der Sache vorbei, wird Stadträtin Martelli in der selben Ausgabe zitiert. Da sogar die NZZ neuerdings einsieht, dass «Geleiseüberbauungen oftmals auch teuer und baulich schwierig zu realisieren sind» (5. März 2004), werden Geleiseplatten kategorisch ausgeschlossen. Durch die Etappierung erhofft sich die Planspiel-Gruppe mehr Flexibilität und weniger widerständlerische AnwohnerInnen sprich SpielverderberInnen, mit denen noch immer zu rechnen ist. Denn eines haben die PlanerInnen aus Eurogates Ableben noch immer nicht gelernt: dass Projekte solcher Grösse nur unter Einbezug der Betroffenen realisiert werden können. Zwar schwadroniert die NZZ vom 5. März 2004, dass «die Etappierungen von Anwohner- und Wirtschaftskreisen positiv gewürdigt» wurde, doch weiss in den betroffenen Quartieren keine und keiner etwas von einer Beteiligung an der Planung. Entsprechend skeptisch und kritisch wurde bei einer ersten Orientierung der Bevölkerung im Kreis 4 das Projekt aufgenommen - ja es fiel sogar der Vergleich mit Eurogate. Trotzdem, wer vom neuen Projekt als Eurogate oder Anti-Eurogate redet, ist unfair, wollen die neuen Vorschläge doch mehr als das Unding selig. Wollte Eurogate auf einer Grundfläche von 80'000 Quadratmetern eine Bruttogeschossfläche von 250'000 Quadratmetern nutzen, so erhöht die neue Überbauung die Grundfläche um einen Viertel und die Bruttogeschossfläche um einen Fünftel. Die Nutzfläche soll vor allem für Büros und Läden bereitgestellt werden, Wohnungen sind nur in einem Anteil von 20 bis 40 Prozent vorgesehen.
Ein Manhattan sei nicht geplant, beteuert der Tages-Anzeiger vom 5. März in einem Kommentar. Doch nicht nur die Beteiligung von Theo Hotz, der 1997 als Alternative zu Eurogate beim Bahnhof Twin Towers von 140 Meter Höhe vorschlug, lässt nichts Gutes erahnen. Auch das Verschweigen der wirklichen Dimension der Planspiele weckt kein Vertrauen, ist das jetzt präsentierte Projekt doch erst ein kleiner Versuchsballon einer tatsächlich gigantischen Umgestaltung. Das präsentierte Vorhaben entspricht in Wirklichkeit nur einem Fünftel der vorhandenen Nutzungsfläche. Laut einer unveröffentlichten internen Studie von SBB, Stadt und Kanton wird von einem potentiellen Bauland von rund 500’000 Quadratmetern ausgegangen, das neu zu gestalten wäre. Diese Fläche entspricht einem Viertel des Kreises 5. Von Altstetten bis zum Hauptbahnhof soll das Gebiet entlang den Geleisen überbaut oder neu genutzt werden. Die Ausnutzungsziffer soll bis zu 300 Prozent betragen. Das bedeutet, dass pro Quadratmeter Boden, drei Quadratmeter Nutzfläche entstehen. Vor allem in Altstetten sind mehrere Hochhäuser geplant (gestützt auf einen Arbeitsbericht «Herleitung der Hochhausgebiete in Zürich» von 2001). Das verdichtete Bauen könnte also doch noch dazu führen, dass die zukünftig Einfahrt in den Hauptbahnhof entlang einer Art Manhattan-Skyline erfolgen würde. Weiter sehen die Planspiele für die historischen, geschützten Bauten eine Umnutzung im Stil von Zürich West vor, also Freizeitindustrie oder als Alternative - bei einem Überangebot an Events - die Verwendung als Parkhallen. Das Schwergewicht bei diesen Planspielen liegt auch hier auf der kommerziellen Nutzung - günstige Wohnungen und grössere Freiräume sind keine Hauptziele.
Noch eine Planungsleiche?
Es gibt also für die betroffenen AnwohnerInnen schon heute genügend Gründe sich mit den geplanten Nutzungen zu befassen. Dass Flächen in dieser Grössenordnung sinnvoll gestaltet werden sollen, ist unbestritten. Doch muss die Planung zusammen mit der betroffenen Bevölkerung von Altstetten, Höngg, Aussersihl und Industrie vorgenommen werden, um eine sinnvolle Umsetzung zu erreichen. Ihre Bedürfnisse nach mehr Wohnraum und grösseren Freiräumen sprich Grünflächen - nicht nur für Lurche und Bahnhofslerchen - müssen stärker gewichtet werden und in die heutige und zukünftige Planung einfliessen. Denn wenn der einst starke Widerstand gegen das Unding gegen ein wiedererwecktes Eurogate in noch grösseren Dimensionen zu Leben erwacht, kann eine erneute Planungsleiche nicht ausgeschlossen werden.
* Werner Portmann ist Mitglied der IG Kreis 5, die sich seit Ende der 80er Jahre für den Erhalt und Förderung der Wohn- und Lebensqualität sowie von günstigem Wohn- und Geschäftsraum im Kreis 5 einsetzt.
Historisches zu Eurogate
Eurogate, ein einst über den Bahngeleisen geplantes Geschäftsviertel, wurde im Mai 2001 zu Grabe getragen, nachdem die UBS - die im April 2000 die Gesamtverantwortung für das Projekt von der Eurogate Zürich AG übernommen hatte - nicht bereit war, den Bau weiter zu finanzieren. Das Risiko einer Pleite über den Geleisen war zu gross geworden. Einerseits verzögerten Rekurse, unter anderem des VCS, den Baubeginn, so dass wichtige Arbeiten nicht mehr vor dem Geleiseumbau für Bahn 2000 («Drehscheibe Zürich») ausgeführt werden konnten. Anderseits war die konjunkturelle Situation und die Aussichten für Büro- und Geschäftsbauten nicht verheissungsvoll und die geplante Platte über den Geleisen noch immer eine ungelöste Aufgabe mit zu hohen finanziellen Risiken. Zusätzlich hatte sich in den Kreisen 4 und 5 eine grosse Anzahl AnwohnerInnen gegen verschiedene Bauprojekte im Umfeld von Eurogate zusammengeschlossen, so zum Beispiel gegen den Ausbau der Zollstrasse.
Fabrik Zeitung Nr. 201, Mai 2004
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