Stadt und Wohnen
  Aktuell
  Alternativen
  Dossiers
  Videos

 

 

 

 

 

STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


KONTAKT:
stadt.labor
Postfach 2465
8026 Zürich
PC 87-727882-5
alles@stadtlabor.ch


 


 


«Menschen wie wir werden aus der Stadt gedrängt»


In der Stadt steigt die Nachfrage nach Eigentumswohnungen, billiger Wohnraum verschwindet. Ein Paradebeispiel: Das Haus am Engweg 5/7 in Unterstrass muss einem Neubau weichen.

Von Georg Gindely
Luca wird 14 Jahre alt, und das ganze Haus ist versammelt, um seinen Geburtstag zu feiern. Die Jugendlichen sitzen im Wohnzimmer und essen ein Schoggi-Fondue, die Erwachsenen sind um den Esstisch versammelt und trinken Champagner und Bier.
Zum Feiern ist den 36 Bewohnerinnen und Bewohnern der beiden Haushälften am Engweg 5 und 7 eigentlich nicht zu Mute. Bis September 2008 müssen sie ausziehen. Dann wird das Haus abgebrochen und ein Neubau mit zwölf Eigentumswohnungen erstellt (siehe Kasten). Die Bauausschreibung ist kürzlich publiziert worden, das Projekt ist ausgesteckt.
Damit verschwinden billige Wohnungen an bester Lage. Das Haus thront über der Einfahrt des Milchbucktunnels; zu seinen Füssen liegt der Obere Letten. Der Blick geht über die gesamte Stadt, bis zum Hauptbahnhof sind es zu Fuss lediglich zehn Minuten. Die Dreizimmerwohnungen kosten heute zwischen 800 und 900 Franken.

Mieter renovierten in Eigenregie
Das 1862 erbaute Haus hatte ursprünglich sechs Stockwerke. Die beiden unteren Geschosse fielen dem Bau des Milchbucktunnels und der damit verbundenen Überdeckung der Wasserwerkstrasse zum Opfer. Die Stadt hatte das Haus trotzdem ins Inventar der schützenwerten Bauten aufgenommen, entliess es aber vor zwei Jahren. Ein Rekurs des Heimatschutzes blieb erfolglos. Daraufhin verkauften die beiden bisherigen Eigentümer das Haus. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Engwegs 5/7 hatten mitgeboten, wurden aber nicht berücksichtigt.
Erna Quin, die Mutter von Luca, ist vor über 30 Jahren hier eingezogen. Als die Eigentümer - zwei Ingenieure - ihre Firma verkauften und das Büro im Haus auflösten, wurde sie als Hausverwalterin eingesetzt. «Ich hatte völlig freie Hand», erinnert sich Quin. Wenn Wohnungen frei wurden, konnte sie die Nachmieter aussuchen, und das waren meist ihre Freundinnen und Freunde.
Die Mieter konnten im Haus machen, was sie wollten. Sie legten neue Parkettböden, renovierten, bauten Küchen und Badezimmer aus. «Nur wenn wir Wände herausreissen wollten, mussten wir zuerst die Eigentümer fragen», sagt Beat Seeberger, der Vater von Luca.
So wirkt das Haus heute von aussen sanierungsbedürftig, innen verstecken sich aber sorgfältig renovierte Wohnungen. «Wir haben sehr viel in das Haus investiert», sagen die Bewohnerinnen und Bewohner, die eine enge Gemeinschaft bilden. Die Mütter und Väter haben einen Mittagstisch organisiert; auch sonst greifen sich die Bewohner gegenseitig unter die Arme. Geschiedene Paare leben Tür an Tür, Patchworkfamilien teilen sich die Betreuung. Die Kinder kümmern sich zusammen um die Tiere, die im Garten leben: Hasen, Meerschweinchen, Katzen.
«Wohnformen, wie wir sie pflegen, haben immer weniger Platz in der Stadt Zürich», bedauert Erna Quin. Altbauten verschwinden, an ihre Stelle treten neue und teure Wohnungen. «In Zürich wird viel mehr gebaut als früher», bestätigt Urs Hausmann, Partner der Zürcher Immobilienberatungsfirma Wüest & Partner. Entstanden 1999 noch 736 Wohnungen, waren es letztes Jahr 1655 - ein absoluter Spitzenwert. Die Statistik unterscheidet zwar nicht, ob Miet- oder Eigentumswohnungen gebaut werden, Hausmann geht aber davon aus, dass die Nachfrage nach Wohneigentum in Zürich stark gestiegen ist. Jetzt, wo die Stadt eine deutliche Steuersenkung plant, dürfte diese Tendenz noch zunehmen. «Menschen wie wir werden aus der Stadt gedrängt», sagt Erna Quin.

Suche nach neuer gemeinsamer Bleibe
Die Bewohner des Engwegs sind in verschiedensten Berufen tätig: als Köchin, Landschaftsgärtnerin, Journalist, Imker, Beraterin von Migranten oder Psychologin. Erna Quin ist Hortleiterin und führt zusammen mit Beat Seeberger die Firma, welche für die City-Vereinigung die Sommeraktionen mit Kühen, Bänken und Teddys realisiert hat. Auch Daniel Hofstetter, der Inhaber des Bar- und Cateringbetriebs Daniel H. an der Müllerstrasse, und Jeanette Lüthi, Mitinhaberin des Coiffeur- und Designladens Time Tunnel an der Stüssihofstatt, leben im Haus am Engweg. Der jüngste Bewohner des Hauses ist drei, der älteste über 60 Jahre alt.
Die Mitglieder der Hausgemeinschaft versuchen nun, bis nächsten September eine neue gemeinsame Bleibe zu finden. Daniel Hofstetter ist überzeugt, dass es sich für einen Hauseigentümer lohnen würde, die Bewohnerinnen und Bewohner des Engwegs 5/7 aufzunehmen: «Wo gibt es das schon, dass Leute über 30 Jahre in einem Haus leben und sich derart intensiv darum kümmern?», fragt er.



ZWÖLF WOHNUNGEN IN ZWEI NEUEN HÄUSERN AM ENGWEG
Sechs der zwölf am Engweg geplanten Eigentumswohnungen sind bereits verkauft, für den Rest liegen 17 Bewerbungen vor - ohne dass eine einzige Werbung geschaltet wurde. Die zwischen 130 und 140 Quadratmeter grossen Wohnungen liegen in zwei Gebäuden: sieben davon in einem Langbau mit Blick auf Limmat und Üetliberg, fünf in einem zurückversetzten Haus neben dem Schindlergut-Park. Entworfen hat die Überbauung das Architekturbüro De Biasio und Scherrer mit Sitz im Seefeld. Die Gebäude haben eine Schieferfassade mit grossen Fenstern und werden im Minergie-Standard errichtet.
Eigentümer der Liegenschaft ist seit diesem Sommer Hans Vögtli, der im aargauischen Hirschthal eine kleine Immobilienfirma führt. Er ist in Zürich kein Unbekannter: Seit 1999 hat er in der Stadt über 70 Eigentumswohnungen gebaut. Derzeit sind je ein Haus im Hochschulen-Quartier und in Affoltern im Bau. Vögtli sieht sich nicht als Vernichter von billigem Wohnraum. Er könne die Wehmut der jetzigen Bewohner des Engwegs nachvollziehen. «Aber das Haus ist sanierungsbedürftig», sagt er. Die Leitungen lecken, die Fassade muss dringend renoviert werden. Und ein Sanierung würde in etwa gleich viel kosten wie ein Neubau. Der Preis für eine Eigentumswohnung am Engweg bewegt sich um die 1,5 Millionen Franken, Baubeginn ist im Herbst 2008. (gg)


Tages-Anzeiger, 13.11.2007


 

 

Webmaster: alles@stadtlabor.ch