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Vorsätzlicher Vandalismus
Krach im St.Johann-Quartier: Eine Stiftung lässt einen Hinterhof räumen, damit endlich Ruhe herrscht.
Von Roger Monnerat und Caspar Reimer
Auftraggeberin war die Stiftung Habitat für die Erhaltung und Schaffung von günstigem Wohnraum, Ausführende die Firma E. Martig für Aushub und Rückbau, Schutzherrin die Basler Polizei mit sechzig GrenadierInnen in Kampfmontur. Das Resultat des Zusammenspiels vom letzten Mittwoch lässt sich sehen: Auf einer Fläche von etwa vierzig auf vierzig Meter liegen Balken, Bretter, Blechteile, Röhren, Leitungen und Bauschutt, bilden ein unzugängliches Durcheinander, einen Meter hoch, stellenweise auch höher. Mit dem Bagger auseinander gerupft wurde ein grosser Schopf, zusammengeschlagen wurden einige Werkstätten beidseits davor.
Fünf Tage nach dem Vandalenakt sitzen die BewohnerInnen der Häuser Elsässerstrasse 5-11 zwischen den eilig in den vorderen Hofteil geretteten Habseligkeiten, ohne sichtliches Interesse an Medienleuten und Schaulustigen. Barbara Kramer und Marco Alessio machen für die anderen «Elsie»-BewohnerInnen die «Medienarbeit»: «Die Trümmer wurden absichtlich über den ganzen hinteren Hofteil ausgestreut und sollen hier liegen bleiben, damit er unbenutzbar ist», sagt Kramer. Alessio ergänzt: «Zuerst haben die Bauleute sorgfältig die Ziegel abgedeckt, dann haben sie gewütet wie die Berserker.» - «Nachdem der Bautrupp vier Stunden am Werk war und auch Material und Einrichtungen der BewohnerInnen zerstört hatte, kam unsere Pöstlerin, und wir haben mehr als Witz gefragt, ob sie die Kündigung bringe. Sie hat die Post durchgesehen und gesagt, da sei ein Brief von der Deck AG, das sei auch ihre Hausverwalterin. Es war tatsächlich die Kündigung für die Hinterhofgebäude», erzählt Kramer und lacht - nur ein bisschen und freudlos.
«Wir haben einfach den Auftrag des Architekten der Stiftung Habitat, François Fasnacht, ausgeführt, mit dem wir früher schon zusammengearbeitet haben», sagt der Bauleiter der Firma E. Martig Aushub und Rückbau. Die Ziegel seien abgedeckt worden, um die Balken zur Brandmauer hin durchzusägen, die Balken und Bautrümmer seien nicht extra ausgestreut, sondern einfach liegen gelassen worden, weil der Abbruch an einem Tag gemacht werden musste, erklärt er weiter. «Es wohnen sicher auch 'rechte' Leute dort», sagt er abschliessend, «aber man kann einfach nicht ständig bis in den Morgen hinein Lärm machen. Wenn die jungen Leute ein wenig Rücksicht genommen hätten, wäre dieses Vorgehen nicht nötig gewesen.»
Seit den Friedensdemonstrationen im Frühjahr ist die alternative Szene - auch an der Elsässerstrasse - gewachsen. «Es leben ganz unterschiedliche Leute in der Elsie, und auch die Leute, die in den Hinterhof kommen oder in den Keller an die Konzerte, lassen sich nicht einfach einer Gruppe zuordnen», sagt Kramer. «Ganz am Anfang, 1997, bei der Besetzung, waren vor allem Studenten und Studentinnen dabei, heute sind wir eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft», sagt Alessio. Für ihn ist klar, dass es darum ging, einer ungeliebten Subkultur einen Denkzettel zu verpassen.
Einer der Studenten, die 1997 bei der Besetzung der Elsässerstrasse 11 dabei waren, ist Reto Plattner. Er hat mit dem heutigen Anwalt der Stiftung Habitat, Andreas Meier, die Verzichtverhandlungen mit dem früheren Besitzer des Geländes, dem Migros Genossenschaftsbund, geführt. Migros wollte auf dem Areal ein Einkaufszentrum errichten. In seinem Protestmail an die Stiftung Habitat und den früheren Mitstreiter Meier schreibt Plattner: «Ich hoffe, ihr fallt mit eurem Projekt - auch dank meiner Gegenwehr - kräftig auf die Nase. Dieses Mail geht auch an Anita Fetz, die sich meiner Meinung nach gut überlegen sollte, ob sie im Patronat eurer Stiftung bleiben will - zumindest, wenn sie sich ernsthaft als soziale Politikerin präsentieren will.» Fetz kandidiert diesen Herbst für die Nachfolge Gian-Reto Plattners in den Ständerat. Der Verfasser des Mails ist Plattners Sohn.
Das Vorgehen der Stiftung Habitat, der Baufirma und der Polizei am Mittwoch vergangener Woche war rechtswidrig. Für die Räumung der Hinterhofgebäude hätte es eines Räumungsbefehls des Zivilgerichtes bedurft. Trotz Intervention des Anwalts der BewohnerInnen und einem Telefonanruf aus dem Zivilgericht haben die drei Akteure ihr rechtswidriges Vorgehen am Dienstag dieser Woche fortgesetzt: Um acht Uhr fuhren unter Polizeischutz vier Betonmischer der Kaiseraugster Firma Ernst Frey AG vor die Elsässerstrasse 11 und füllten den Kellerraum mit Beton auf.
Sie benutzten dabei den Bierlift des Restaurants, das sich früher in der Liegenschaft befunden hatte. Durch dieselbe Öffnung hatten sie schon eine Woche zuvor ein paar Tonnen Kies in den Keller gepumpt. Dieses Mal leisteten sie ganze Arbeit. Die Leute der Firma Martig füllten auch Toilettenschüsseln und Waschbecken im Kellergeschoss mit Beton und spitzten mit dem Presslufthammer die Kellertreppe weg. Die Benutzung der sanitären Anlagen im Keller ist aber Bestandteil des nach wie vor gültigen Mietvertrages der Elsässerstrasse 11. Ohne Kellertreppe haben die MieterInnen keinen Zugang mehr zum Heizraum. Ihr Mietvertrag gilt bis Ende März 2004.
Polizeisprecher André Auderset beobachtet die Aktion. Auf die Frage, ob es in Ordnung sei, in einem rechtmässig bewohnten Haus die Kellertreppe wegzuspitzen, sagt Auderset: «Wir halten uns an die Vorgaben der Habitat.» Auch die umherstehenden VertreterInnen der Stiftung wollen von Rechtswidrigkeit nichts hören und rechtfertigen ihr Vorgehen mit dem Lärm. «Bei Konzerten im Keller haben im Nachbarhaus die Wände gezittert, alle Ermahnungen, im Hof leiser zu sein, haben nichts genutzt. Uns blieb keine andere Wahl», sagt Astrid van der Haegen. Die Elsie-BewohnerInnen stellen nicht in Abrede, dass es manchmal lärmig war. Aber sie verweisen darauf, dass sie am 1. Juli eine Versammlung mit den NachbarInnen und den HofbenutzerInnen abgehalten hätten und sich seither die Situation verbessert habe. Dies habe auch die Stiftung Habitat zugegeben.
Elsie-Chronologie
Das Areal an der Elsässerstrasse im Basler St.-Johann-Quartier wurde von der Migros für den Bau eines Einkaufszentrums erworben. 1997 besetzten junge Leute das leer stehende Haus Nr. 11 und erreichten in Verhandlungen mit der Migros befristete Mietverträge. Gemeinsam mit AnwohnerInnen der Nachbarhäuser (Nr. 5-9) und des Quartiers wehrten sie sich gegen das Migros-Projekt. Diese verkaufte das Areal im Jahr 2000 an die Stiftung Habitat. Nach langwierigen Auseinandersetzungen erneuerte die Stiftung die früheren Mietverträge bis März 2004. Für den Hinterhof erhielten die MieterInnen ein jederzeit fristlos kündbares Nutzungsrecht. Habitat will auf dem Areal zwei Wohnblöcke errichten.
Wochenzeitung 31.7.2003, Seite 7
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