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STADT-WOHNEN
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Blick hinter die Grünau-Gardinen


Die Siedlung Bernerstrasse im Zürcher Grünauquartier wird abgerissen, und niemand trauert ihr nach. Niemand? Ein Buch verschafft den einstigen Bewohnern Gehör.

Von Sascha Renner
Sie heissen Fernandes, Milicevic oder Bossard, und sie sind zornig. Sie alle gehören zu den ehemaligen rund 700 Bewohnerinnen und Bewohnern der städtischen Siedlung Bernerstrasse im Zürcher Grünauquartier, die im April dem Erdboden gleichgemacht und bis 2007 durch einen Neubau mit dem Namen Werdwies ersetzt wird. Viele von ihnen wären gerne geblieben. Vor allem der tiefen Mieten wegen. Gerade mal 600 Franken kosteten manche der Vierzimmerwohnungen. Ebenfalls verhältnismässig günstig, «sicher unter 2000 Franken», würden die neuen und zeitgemässen Grossraumwohnungen mit mindestens vier Zimmern und 100 Quadratmetern sein, versicherte der damalige Stadtrat Willy Küng den besorgten Mieterinnen und Mietern an einer Informationsveranstaltung. «Diese Aussage hat mich am meisten verletzt», gesteht Caroline Hartmann. Bis vor einem Jahr lebte die allein erziehende Mutter zusammen mit ihrer Tochter in einer Dreizimmerwohnung für 589 Franken. «Das hat mir gezeigt, wie ignorant sie sind.»

Unprätentiöse Direktheit
Dass Caroline Hartmann überhaupt zu Wort kommt, ist dem Buch «Siedlung Bernerstrasse» von Franziska Stärk zu verdanken. Die Zürcher Fotografin und Jugendarbeiterin hat darin dreissig vom Auszug betroffene Familien aus der Anonymität geholt. Aus grossformatigen Porträtaufnahmen von unprätentiöser Direktheit blicken sie uns entgegen, während sich hinter ihnen die Kastenbalkone und Betonwände der Blocksiedlung türmen.
Dieser unverstellte, dokumentarische Gestus, der ganz ohne inszenatorische und fototechnische Tricks auszukommen scheint, versprüht den nüchternen Charme eines Dogma-Films: Er ist ungemein authentisch, aber in seiner Ehrlichkeit auch entblössend. Besonders die Einblicke in die Wohnzimmer der Porträtierten verheimlichen nichts. Manch grossbürgerlicher Anspruch und kleinbürgerliches Glück manifestieren sich hier in üppigen gepolsterten Sitzmöbeln, goldenen Lampenschirmen, Teppichböden, Wohnwänden und Rüschenvorhängen. Gut schweizerischer Brockenhaus-Mief neben mediterran-orientalischem Rokoko. Benommen von der visuellen Ausdünstung dieser sozialen Tatorte beginnt man unweigerlich Mutmassungen über Herkunft, Alter, Geschlecht und Beruf der Abwesenden anzustellen.
Verifizieren lassen sich die soziologischen Ratespiele in den über das Buch verstreuten Interviews, die das Bildmaterial um die biografische Tiefe erweitern. Die Porträtierten erzählen hier über ihre Herkunft und Erfahrungen in der Siedlung Bernerstrasse. Die fesselnde Lektüre ist voller Überraschungen, entführt in Titos Jugoslawien, Francos Spanien oder ins bürgerkriegsversehrte Somalia, vermittelt aber vor allem eines: ein äusserst aufwühlendes Bild des menschlichen Existenzkampfes. Alkohol- und Spielsucht, Arbeitslosigkeit, Depression, Schicksalsschläge, gescheiterte Beziehungen - das Buch ist ein breit gefächertes Inventar gebrochener Biografien und als solches ein verstörendes sozialhistorisches Dokument.
Der Abbruch stellt für die meisten eine kaum zumutbare zusätzliche Belastung dar. «Sie hätten die Wohnungen einfach renovieren und neu streichen können», ist Carlos Solana überzeugt, der nun in seiner neuen Wohnung die doppelte Miete aufbringen muss. Solanas Meinung teilen viele. Nicht aber die städtischen Behörden. Sie sprachen von einem «Slum», der aufgewertet werden müsse. Und dies nicht nur der schlechten Bausubstanz der 1959 errichteten Blockbauten wegen.

Armut verdrängt, nicht bekämpft
Schlagworte wie Jugendkriminalität und Migrantenelend hatten der Grünau in den Neunzigerjahren ein Negativimage beschert. Vom Neubau und der Ausrichtung auf die «Zielmieterschaft Mittelschicht» verspricht man sich, die Attraktivität des gesamten Quartiers erheblich zu verbessern. Die meisten ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner sehen das freilich anders. Sie prangern das städtische Vorgehen als bewusste Ausgrenzungspolitik zum Nachteil der sozial Schwächsten an. Im Gegenzug beschwören sie die Bernerstrasse als dörfliches Idyll mit funktionierenden Netzwerken und familienfreundlicher Infrastruktur.
Auch wenn diese Gegendarstellung von nostalgisch-romantischer Überhöhung bestimmt nicht frei ist - ein Kratzer im Lack eines ansonsten perfekt orchestrierten städteplanerischen Pilotprojekts sind ihre gesammelten Aussagen allemal. Sie dokumentieren, dass hier Armut lediglich verdrängt, aber nicht bekämpft wurde.

Buchvernissage: Dienstag, 9. März, im Bogen 13, Zürich. Buchbestellungen über www.siedlung-bernerstrasse.ch


Tages-Anzeiger, 1.3.2004

 

 

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