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Innenstadt ist sozialer Aufsteiger
Von 1990 bis 2000 hat sich das Bevölkerungsprofil der Region Zürich geändert: Krisenquartiere der Kernstadt wurden trendig, soziale Probleme verschoben sich in die Randgebiete hinaus.
Von Daniel Suter
Zürich. - Noch vor zehn Jahren schienen sich die düsteren Prognosen zu bewahrheiten. Die inneren Quartiere von Zürich zeigten alle Anzeichen einer A-Stadt, in der sich die sozial schwachen Bevölkerungsgruppen ansammelten: Alte, Arme, Arbeitslose, Auszubildende, Ausländer. Wer es sich leisten konnte, zog in die Stadtrandquartiere oder ganz hinaus, ins so genannt Grüne der Agglomeration. Pessimisten sagten eine Verelendung der Kernstadt voraus.
Doch sie irrten sich. Seit Mitte der Neunzigerjahre hat sich der Trend gewendet. Dies - und noch viel mehr - zeigt die Studie*, die Corinna Heye und Heiri Leuthold vom Geographischen Institut der Universität Zürich im Auftrag der Statistischen Ämter von Kanton und Stadt Zürich verfasst haben. Heye und Leuthold haben die soziale Aufteilung der Bevölkerung 1990 und 2000 verglichen und die Verschiebungen durch Umzüge erforscht. Die Resultate sind hochinteressant.
Arbeiterquartiere werden chic
Die auffälligste Veränderung betrifft die Kernstadt Zürich: «Insbesondere die innenstadtnahen Quartiere der Kreise 3, 4, 5 und 10 haben sich von marginalisierten Regionen zu Wohngebieten einer urbanen Mittelschicht entwickelt. Die noch 1990 in der Innenstadt messbaren A-Stadt-Phänomene haben sich im Verlauf des Jahrzehnts in die Stadtrandquartiere und Gemeinden der inneren Agglomerationsgürtel verlagert», schreiben Heye und Leuthold.
Gentrifizierung (von «gentry», englisch für niederen Adel, gebildete Stände) nennt man diesen Aufwertungsprozess. Immer mehr gut ausgebildete und gut verdienende Schweizer Einzelpersonen ziehen von ausserhalb der Stadt Zürich in renovierte und neue Überbauungen der ehemaligen Arbeiter- und Industriequartiere. Auf der Statusachse der Grafik haben deshalb diese ehemals abgewirtschafteten Quartiere von allen Stadtteilen und Gemeinden den grössten Sprung nach oben gemacht. Sie sind nun nicht mehr marginalisiert, sondern sozial aufgestiegen.
Dass Gentrifizierung immer auch ein Verdrängungsprozess ist, zeigt die Tatsache, dass gleichzeitig viele - vor allem ausländische - Familien die Innenstadt verlassen haben und in Aussenquartiere abgewandert sind. An den Stadträndern des Nordens und Westens und im anschliessenden ersten Agglomerationsgürtel leben heute mehr Rentner, mehr Kleinverdiener und mehr Ausländer als vor zehn Jahren. Dennoch ist auch die sozial aufgewertete und verjüngte Kernstadt immer noch Ankunftshafen für Einzelpersonen aus dem Ausland.
Zwischen Stadt und Agglomeration klafft ein Graben der Mentalitäten und Lebensstile (siehe Grafik). In der Stadt herrscht ein individualisierter Lebensstil vor: Viele Menschen zwischen 30 und 50 Jahren leben in Einpersonenhaushalten oder in Wohngemeinschaften; überdurchschnittlich viele Mütter sind berufstätig, aber ebenso zahlreich sind Frauen, die sich für eine Karriere statt für Kinder entschieden haben; und es gibt eine deutliche Häufung von Konfessionslosen.
Je weiter man in die Agglomeration vorstösst, desto deutlicher dominiert die bürgerliche Familie mit der traditionellen Rollenaufteilung zwischen erwerbstätigem Vater und Mutter/Hausfrau.
Auch innerhalb der Stadt gibt es Unterschiede: Am traditionellsten sind die Lebensstile in den Quartieren Witikon, Friesenberg, Leimbach und Saatlen, am individualistischsten in den Stadtteilen Langstrasse, Hochschulen, Gewerbeschule und Werd. Und was die Grafik auch zeigt: Nicht nur der Status der Gemeinden und Quartiere hat sich in den zehn Jahren bewegt, sondern auch der Lebensstil. Die Agglomeration ist gesamthaft mehr in Richtung Individualisierung gerutscht, ihre Lebensformen haben sich derjenigen der Stadt etwas angenähert.
Das gut ausgebaute Netz von S-Bahn, Tram, Bus und Strasse ermöglicht eine weiträumige Trennung von Wohn- und Arbeitsort. Wer in Zürich arbeitet, kann entweder in der Stadt trendig-modern oder ruhig-traditionell wohnen - oder sich in der Agglomeration einen Wohnort nach seinem Lebensstil und seinen finanziellen Möglichkeiten suchen.
So sehr die Innenstadt für junge, gut ausgebildete Leute wieder attraktiv geworden ist - sobald diese Neuzuzüger eine Familie gründen, treibt es sie wieder hinaus in die Agglomeration. Über die Gründe kann vorerst nur spekuliert werden: Ist es das mangelnde Angebot an Familienwohnungen in der Stadt? Oder ist es das Lebensmuster von Jungen, die selbst im Grünen aufgewachsen sind und die ihren Kindern das Gleiche bieten wollen?
Wo Reiche und Ärmere wohnen . . .
Die Studie von Heye und Leuthold bringt auch Erkenntnisse über die soziale Schichtung der Bevölkerung. Zürichberg, «Goldküste» und Pfannenstiel sind schon seit Jahrzehnten Siedlungsgebiete der Oberschicht, das heisst der Personen mit statushohen Berufen (Hochschulabschluss) und hohem Einkommen. Menschen mit statusniedrigen Berufen und entsprechend geringerer Finanzkraft haben aber auch ihre traditionellen Siedlungsräume: den Norden und Westen der Stadt Zürich, die Gemeinden am linken Limmatufer (am ausgeprägtesten in Spreitenbach) und die Flughafenregion.
. . . da wohnen auch Ausländer
Interessant ist, dass auch die Ansiedlung von ausländischen Migranten nach dem gleichen Muster erfolgt: Ausländer, die in statusniedrigen Berufen arbeiten (und das sind zum grössten Teil Menschen aus Süd- und Südosteuropa) wohnen dort, wo auch die Kleinverdiener mit Schweizer Pass leben. Und Ausländer mit statushohen Berufen (meistens Nord- und Westeuropäer) lassen sich in den Gebieten der reichen Schweizer nieder. Besonders aus Deutschland wandern seit einiger Zeit vermehrt gut qualifizierte Arbeitnehmer ein, vom Hochschulabsolventen bis zum Handwerker.
Es gibt also in Stadt und Agglomeration Zürich keine Gettos, in denen ausländische Nationen praktisch unter sich leben wie zum Beispiel in New York. Die Trennung der Wohngebiete verläuft nach sozialem Status. Innerhalb der Zonen aber sind die Volksgruppen gemischt. Nur der Schweizer Mittelstand verteilt sich relativ ausgeglichen über das gesamte Gebiet.
* Corinna Heye und Heiri Leuthold: Segregation und Umzüge in Stadt und Agglomeration Zürich, 123 Seiten, 40 Franken. Die Studie ist erhältlich bei Statistik Stadt Zürich (01 250 48 00) oder beim Statistischen Amt des Kantons (01 225 12 00). Gratis (mit interaktiven Visualisierungen) kann sie aus dem Internet heruntergeladen werden: www.sotomo.geo.unizh.ch
Tages-Anzeiger 14.08.2004
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