Jeder zweite Schweizer fährt heute mit dem Auto zur Arbeit
Längere Arbeitswege bei gleich langen Fahrzeiten. Mehr Frauen unter den Pendlern und mehr Bahnfahrer in der Agglomeration Zürich. Das zeigen erste Zahlen der Volkszählung 2000.
Von Richard Aschinger
Mit der Volkszählung 2000 hat das Bundesamt für Statistik (BFS) den Berufspendlerverkehr im Detail durchleuchtet. Die BFS-Computer in Neuenburg «wissen» heute im Detail, wie viele Schweizerinnen und Schweizer heute mit welchem Verkehrsmittel von wo nach wo pendeln. Die riesige Datenmenge ist allerdings noch kaum ausgewertet. Was das Bundesamt am Donnerstag an einer Pressekonferenz präsentierte, ist in weiten Teilen nur eine Aktualisierung bekannter gesamtschweizerischer Gemeinplätze. Für die Verkehrs- und Siedlungspolitik brauchbare Zahlen aus einzelnen Agglomerationen fehlen noch weit gehend.
Mehrheitlich Frauen
Das Auto hat seinen Marktanteil im Berufsverkehr verstärkt: Im Schweizer Durchschnitt fuhren im Jahr 2000 die Hälfte (49 Prozent) aller Erwerbstätigen mit dem Privatwagen zur Arbeit. 1990 waren es erst 42 und 1970 noch 23 Prozent gewesen. Der Trend zum Auto hat sich in den 90er-Jahren beschleunigt.
Fast ebenso häufig mit dem Auto pendeln Berufstätige aller fahrberechtigten Altersgruppen. Mit 53 Prozent sind es mehr Frauen als Männer. Das war schon 1990 so und erklärt sich daraus, dass die kürzeren Fahrzeiten im Auto für Teilzeit erwerbstätige Mütter, die zwischen Beruf und Familie hin- und herhetzen, eine entscheidende Rolle spielen.
Bekannt sind auch die Unterschiede im regionalen Vergleich. Laut BFS benutzen im Tessin 65 Prozent aller Berufstätigen das Auto. Auch in den Westschweizer Kantonen (ausser im Stadtkanton Genf) werde das Auto überdurchschnittlich häufig benutzt. Vergleichszahlen für die Deutschschweiz fehlen.
In Städten wird viel weniger mit dem Auto gependelt. Auch dort seien regionale Unterschiede gross, meldet das BFS: In Bern fahren 20 Prozent der Berufstätigen per Auto zur Arbeit, in Lausanne sind es 35 Prozent. Eine Zahl für die Stadt Zürich gibt es noch nicht.
Öffentlicher Verkehr verliert
Im Spiegelbild des Autotrends zeigt die Statistik für den öffentlichen Verkehr einen Marktanteilverlust. Zwar habe die Bahn ihren Anteil im Berufsverkehr ausgeweitet, erklärt das BFS. Aber Bus, Tram und auch der Fahrradverkehr hätten verloren. Die Relevanz dieser gesamtschweizerisch ausgewiesenen Trends wird allerdings doppelt relativiert: Der Zuwachs bei der Bahn sei fast ausschliesslich auf die Verkehrssteigerung bei der Zürcher S Bahn zurückzuführen. Bus- oder Velofahrten in Kombination mit einer Bahnstrecke würden aber nur als Bahnfahrt gerechnet.
In der Agglomeration Zürich benutzten im Jahr 2000 20 Prozent der Berufstätigen die S-Bahn. Im Kanton Genf nur 2,4. Die städtischen Verkehrsbetriebe wurden in Basel und Zürich von 42 Prozent der Berufstätigen benutzt. Im Vergleich dazu: Genf und Bern: je 35, Lausanne: 31, St. Gallen und Luzern je 26 Prozent.
In den 90er-Jahren hat sich auch der Trend zu immer längeren Pendlerstrecken fortgesetzt: Der durchschnittliche Weg zur Arbeit betrug im Schweizer Durchschnitt 9,5 km. Überdurchschnittliche Arbeitswege fahren die Bewohner der Kantone Aargau, Schwyz, Waadt, Freiburg, Thurgau und Schaffhausen. Graubünden und das Wallis weisen unterdurchschnittliche Pendlerdistanzen auf, weil überdurchschnittlich viele Einwohner am Wohnort arbeiten.
Die für den Arbeitsweg verwendete Zeit hat in den 90er-Jahren nur wenig zugenommen. 1970 hat man in der Schweiz im Durchschnitt 18 Minuten für den Arbeitsweg aufgewendet. 2000 seien es 20 Minuten gewesen, erklärte BFS-Direktorin Adelheid Bürgi. Laut BFS-Tabellen arbeiteten 11 Prozent der Berufstätigen am Wohnort. Im Durchschnitt brauchen die Schweizerinnen und Schweizer rund 20 Minuten Fahrzeit zum Arbeitsplatz. Nur 2 Prozent sind mehr als eine Stunde unterwegs. Für längere Strecken wurde vorwiegend die Bahn benutzt.
Weiter und schneller
Die Tatsache, dass Berufspendler trotz längeren Wegen kaum mehr Zeit brauchten, interpretierte der Direktor des Bundesamtes für Raumentwicklung, Fritz Wegelin, als Zeichen, dass die Schweiz eine hervorragende Erschliessungspolitik betreibe.
Kommentar
IN RICHTUNG LOS ANGELES
Von Richard Aschinger
Der Traum war schön: Nach zwei Jahrzehnten des ungebremsten Booms auf der Strasse hatte der öffentliche Verkehr in den 80er-Jahren wieder Tritt gefasst: Dank Taktfahrplan und Verbundtarifen stieg der Marktanteil von Bahn und Bus. In der Politik erkannten nicht mehr nur Linke und Grüne den Wert des öffentlichen Verkehrs für die Lebens- und Standortqualität. Auf Bundesebene genehmigte das Volk die Alpen-Initiative und die grossen Bahnprojekte. Im Kanton Zürich entstand eine hervorragende S-Bahn. Unsere Verkehrsminister redeten gern vom Schweizer Verkehrsmodell.
Und jetzt das: Man fährt wieder öfter mit dem Auto zur Arbeit. Im Jahr 2000 waren es 49 Prozent. 7 Prozent mehr als 1990. Der öffentliche Verkehr ist wieder auf der Verliererseite. Ohne die erfolgreiche Zürcher S Bahn wäre die gesamtschweizerische Trendwende noch deutlicher.
Die Zahlen zeigen: Ohne Gegensteuer wird das Schweizer Mittelland zu einer Auto- und Lastwagenwelt wie Los Angeles oder Rotterdam. Und es wird schwer, die Entwicklung erneut zu kehren. Der Entscheid für das Auto ist für immer mehr Schweizerinnen und Schweizer nicht mehr eine persönliche Präferenz, sondern in einer immer dezentraleren Siedlungsstruktur eine Notwendigkeit. Auf der Flucht vor Verkehrslärm zieht man aufs Land. Auf der Suche nach mehr und billigerem Raum verlegen Unternehmungen Arbeitsplätze in Vororte. So läuft der Verkehr immer weniger auf Städte zentriert, sondern kreuz und quer. Da hat der auf eben diese Zentren ausgerichtete öffentliche Verkehr kaum mehr eine Chance.
Kurzfristig geht es darum, die heute knappen öffentlichen Mittel dort einzusetzen, wo unsere täglichen Verkehrsprobleme liegen. Zugespitzt formuliert: nicht am Gotthard, sondern in Genf, Lausanne, Bern und Zürich. Längerfristig ist die Los-Angeles-Spirale aber nur mit einer neuen Siedlungspolitik zu durchbrechen. Einer Politik, bei der für Zonenentscheide und Baubewilligungen viel stärker auch die Verkehrsfolgen berücksichtigt werden.
Tages-Anzeiger, 16.5.2003
Ein alternativer Ansatz zur Minderung der Verkehrslawine
Unter dem Schlagwort «Bella Swizzera» plant «Umverkehr» zur Zeit eine Initiative, welche sich den Bundesfinanzen für den Strassebau widmet. Der Link.
http://www.umverkehr.ch
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