Städte bauen
Von Andreas Hofer
Die Schweiz verstädtert im Mittelland. Dies bestätigt die soeben veröffentlichte Auswertung der Volkszählung 2000. Zwischen 1990 und 2000 übertraf das Wachstum der «ländlichen» Agglomerationen erstmals den Zuwachs in den engeren Stadtregionen. Agglomerationen im Mittelland wachsen zur Mittelstadt zusammen. Die Peripherie in den Alpen und im Jura ist von diesen Entwicklungen abgekoppelt und entleert sich.
Was die Landesplanung unbeholfen als dezentrale Zentralisation zu fassen versucht, hat einfache Gründe. Boden im Zentrum ist knapp und vor allem teuer; Mobilität ist billig. Wer sich keine Wohnung in der Stadt leisten kann oder will, zieht aufs Land - und dann aber richtig - an die Ränder der bestehenden Dörfer, nah an den See oder Wald. Dazwischen wird mit weniger Wählerischem aufgefüllt: Einkaufszentren und Gewerbegebieten an den Verkehrsknoten, billigem Wohnraum für die Schlechtverdienenden.
Verheerend ist die Geschwindigkeit dieser Entwicklung. Auf den ersten Blick läppische zwei, drei Prozent Wachstum pro Jahr führen zu einer Verdoppelung des Bauwerks Schweiz in zwanzig bis dreissig Jahren. Die Hälfte der Häuser, die uns umgeben, wurden in den letzten paar Jahrzehnten auf Grundstücken gebaut, die vorher Acker waren.
Als ich vor einigen Jahren durch die Vorstädte von Toronto fuhr und dort den Abzweiger zum historischen Museumspark sah, wurde mir schlagartig bewusst, wie dünn die Zivilisationskruste in Amerika ist. Jedes Haus ist eine Pioniertat, besetzt erstmalig Boden, erweitert die Siedlung in den unermesslichen Raum. Hier in Europa halten wir uns an die historischen Kerne, nehmen Dorf oder Stadt wahr und blenden das dazwischen Liegende aus. Die Vorstädte sind kognitive Leerräume, streng abgezirkelte Idyllen oder trostlose Ghettos, die wir nur zur Kenntnis nehmen, wenn die Gewalt eskaliert oder wenn uns Matthieu Kassovitz mit seinem Film «La Haine» Einblick gewährt. Die Kernstadt bricht überfrachtet vom Anspruch, Zentrum des Lebens zu sein, zusammen. Sie wird zum Kommerz- und Kulturzentrum mit restaurierter Fassade.
Obwohl in der Schweiz jeder Quadratmeter vielfach umgepflügt, umgestaltet und umgenutzt ist, reden wir vom Appenzell als Landschaft. Wir sind uns nicht bewusst, dass hier karge Landwirtschaft ein zusammmenhängendes Waldgebiet in wenigen Jahrhunderten in einen Kulturraum verwandelt hat. Unser Vokabular für unsere räumliche Umgebung ist vom Kampf mit eben dieser geprägt. Die Natur ist wild, bedrohlich und nur mit grösster Anstrengung zähmbar.
Südlich der Alpen, dort wo ein lieblicherer Raum der menschlichen Transformation weniger Widerstand leistet, heissen Stadt und Land «territorio». Alles ist Kulturraum, vom Menschen gemacht und gestaltet. Diese auf den ersten Blick herrische Haltung scheint den aktuellen Gegebenheiten besser zu entsprechen. Sie legitimiert Macht, verlangt aber auch Rechenschaft und zwingt zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
In einem Land, wo überall schon etwas war, brauchen Neuschöpfungen einen gestalterischen Willen, den nur politische Besessenheit auslösen kann. Überliefert sind zwei Fälle: Im sechzehnten Jahrhundert beschloss der Renaissancefürst Vespasiano Gonzaga in der Po-Ebene eine neue Stadt zu gründen, die mit ihrer Form und Organisation das politische Ziel des autokratischen Herrschers, nämlich die absolute Unterordnung des aufgeklärten Bürgers unter das von ihm propagierte Wohl, abbilden sollte. Die Stadt Sabbioneta entstand innerhalb einer sechseckigen Festungsmauer. Noch heute fällt die Menge und die Grossartigkeit der öffentlichen Gebäude im städtischen Gefüge auf. Das Leben in der Stadt schloss eine starke Verpflichtung zum öffentlichen Auftritt als Bürger ein und diesem wurde eine prachtvolle Bühne geboten. Sabbioneta erreichte als Stadt keine Bedeutung. Die Mauern waren zu eng und seine Funktion starb mit dem Gründervater.
Stärker in einen wirtschaftlichen Kontext eingebunden ist das zweite Beispiel. Mit dem Slogan: «Wir erschliessen die Erde und bauen Städte» lancierte die faschistische Regierung unter Mussolini in den dreissiger Jahren die Trockenlegung der malariaverseuchten pontinischen Sümpfe südlich von Rom. Die Stadt Sabaudia wurde als agro-industrielles Zentrum des neuen Gebietes von den führenden modernen Architekten geplant und in zwei Jahren aus dem Boden gestampft. Auch hier fällt die Grosszügigkeit der öffentlichen Anlagen und Gebäude auf. Fast zu weit sind die Strassen und Plätze für das wenige an Stadt, das sich in der Folge anlagerte. Und trotz der bescheidenen Grösse der Stadt, geschweige der politischen Motive ihrer Gründung, vermittelt Sabaudia mit seinem See und seinen Pärken, das was wir im Mittelland so sehnlich vermissen: ein Bewusstsein über die Verantwortung gegenüber unserer Umwelt und das Vertrauen in ihre Gestaltbarkeit als sozialen Raum.
WoZ Nr. 44 vom 31.10.2002
|