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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Avanti «lokal»

Um den Stadt- und Agglomerationsverkehr mit Benzinkutschen zu bewältigen, greift die Zürcher Regierung auf Ideen des letzten Jahrhunderts zurück. Sieben Milliarden Franken will sie in neue Stadtautobahnen verlochen. Bauen aber kann der Kanton nur, wenn der Bund zahlt.


Hanspeter Guggenbühl
Mit seinem letzte Woche beschlossenen Gegenvorschlag zur «Avanti»-Initiative will der Nationalrat die Engpässe auf den Nationalstrassen beseitigen, die zweite Gotthardröhre bohren und den Agglomerationsverkehr verbessern. Was allein das «Programm zur Verbesserung des Verkehrsablaufs in Städten und Agglomerationen» beinhalten kann, illustriert jetzt die Zürcher Regierung mit ihrer «Strategie Hochleistungsstrassen 2025/30». Ihr Programm umfasst für die nächsten 30 Jahre folgende Neu- und Ausbauprojekte:

Stadttunnel im Zentrum
Im Mittelpunkt steht der zehn Kilometer lange vierspurige Tunnel, der von der Brunau mitten durch Zürich nach Schwamendingen (Neuguet) führt. Diese Stadtautobahn verbindet die A3 und A4 direkt mit der Al im Norden. Oder lokaler betrachtet: Sie führt den Autoverkehr vom Säuliamt, der mit dem Uetlibergtunnel eine neue Einfahrtsschneise erhält, ins Herz der Stadt hinein; über die Anschlüsse Sihlhölzli und Sihlquai kann er sich dann in die Stadtquartiere ergiessen.
Die neue Stadtautobahn ersetzt und erweitert das in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geplante Expresstrassen-Ypsilon, das mit Nordast, Milchbucktunnel und Sihlhochstrasse halb gebaut wurde. Zusätzlich erhält der neue Stadttunnel einen Ostast zum rechten Zürichsee-Ufer und zur Forchautobahn mit Anschlüssen Burgwies und Tiefenbrunnen; damit erübrigt sich der Seetunnel. Für diesen Stadttunnel plus rechnet die Regierung mit Kosten von 3,1 Milliarden Franken.

Weitere Autobahnen
Das zweite grosse Agglo-Projekt betrifft die Zürcher Nordumfahrung A20. Die Regierung will diese auf sechs Spuren verbreitern und dazu eine dritte Röhre durch den Gubrist bohren. Bereichert wird die infarktgefährdete A20 durch einen sogenannten «Bypass», nämlich eine Anschluss-Autobahn zum Flughafen plus eine neue Hochleistungsstrasse (HLS) von Kloten zum Brüttiseller-Kreuz. Diese neue Verbindung soll die bereits sechsspurige Al zwischen Seebach und Brüttisellen entlasten und die Oberland- direkt mit der Unterlandautobahn verbinden. Die Kosten für sechsspurige A20 samt Bypass und HLS belaufen sich auf 2,5 Milliarden. Weiter plant die Regierung eine vierspurige Südostumfahrung von Winterthur zu Kosten von einer Milliarde.
Im total sieben Milliarden Franken teuren Agglomerations-Programm nicht enthalten sind die übrigen Strassenbau-Pläne im Kanton-, etwa das Teilstück Uster-Hinwil der Oberlandautobahn oder der Hirzeltunnel, die zusammen weitere zwei Milliarden Franken verschlingen. Ebenfalls nicht budgetiert ist der Ausbau von städtischen Anschlussstrassen. Denn die höhere Autobahn-Kapazität bedingt, dass entweder die Stadtstrassen ausgebaut oder aber Stauräume geschaffen werden, um zu verhindern, dass sich der, Verkehr vom ver-. stopften Stadtnetz auf die Autobahnen zurück staut und damit überregionalen Verkehr blockiert.

Der Band soll zahlen
Mit den neuen Strassen möchte die Zürcher Baudirektorin Dorothee Fierz im Zeitraum bis 2030 «die Verkehrsqualität dauerhaft verbessern, die Siedlungsgebiete vom Verkehr entlasten und die Umweltbelastungen verringern.» Dass das gelingt, ist aus folgenden Gründen zu bezweifeln:
Erstens fehlt dem Kanton das Geld. Die teuren Strassen können nur gebaut werden, wenn der Bund den Grossteil bezahlt, bestätigte Fierz, als sie am Dienstag ihre Pläne im Ypsilon-Schacht des Zürcher Hauptbahnhofs präsentierte. Ein stärkeres finanzielles Engagement, des Bundes wäre tatsächlich möglich, wenn Parlament und Volk dem umstrittenen Verkehrsfonds im Gegenvorschlag zur «Avanti»-Initiative zustimmen, oder wenn alle projektierten Neu- und Ausbauten im nationalen Sachplan Strasse zu Bundesstrassen aufgewertet würden. Im Entwurf zu diesem Sachplan aber fehlt der «Bypass» zum Flughafen ebenso wie die HLS Kloten-Brüttiseller-Kreuz und die Südostumfahrung von Winterthur. Zudem stehen die Zürcher Strassenpläne in Konkurrenz zu umfangreichen Ausbauwünschen in andern Kantonen sowie zum Ausbau der Bahn.

Belastung statt Entfastung
Ebenso fraglich ist, ob die hohen Investitionen die Verkehrsqualität gegenüber heute tatsächlich verbessern und obendrein auch noch die Siedlungsgebiete entlasten können. So wird der Strassenverkehr laut Prognosen bis zum Jahr 2020 um weitere 15 bis 30 Prozent zunehmen, wenn der Staat diesen Verkehr weiterhin mit neuen Strassen zu bewältigen versucht (wovon alle Szenarien ausgehen).
Schon ein 15prozentiges Wachstum dürfte aber grösser sein als der (von den Planern seltsamerweise nicht ermittelte) Kapazitätszuwachs, den die 7 Milliarden Franken teuren Neu- und Ausbauten der schon heute dicht bestrassten Zürcher Agglomeration bringen. Trotz zusätzlichen Strassen gäbe es also mehr Staus.
Weiter zeigen die Erfahrungen, dass sogenannte Entlastungsstrassen mehr Neuverkehr erzeugen als Verkehr vom bestehenden Netz abziehen. So hat die 1985 eröffnete Zürcher Nordumfahrung die innerstädtischen Strassen nur kurzfristig leicht entlastet. Mittelfristig aber förderte diese zusätzliche Verkehrsachse die Ansiedlung von Bevölkerung und Arbeitsplätzen im Agglomerationsgürtel. Verkehrszählungen belegen heute: Was als weiträumige «Umfahrung» Zürichs geplant wurde, entwickelte sich zur Zufahrtsachse und zur lokalen Querverbindung zwischen den neu entstandenen Städten im Zürcher Glatt- und Limmattal. Nur deshalb ist die A20 heute bereits wieder verstopft.

Opposition in Sicht
Lokalpolitisch wird vor allem der Stadttunnel auf ebenso harten Widerstand stossen wie weiland das Expresstrassen-Ypsilon. Schon damals erkannten die Gegner, dass diese Stadtautobahn den Verkehr- aus den angrenzenden Quartieren nicht kanalisieren kann, sondern dass der neue Kanal die Quartiere über die innerstädtischen Anschlüsse mit zusätzlichem Verkehr überschwemmen wird. In ersten Reaktionen haben Grüne und SP ihre Opposition gegen den «vorweihnächtlichen Wunschzettel» bereits angemeldet.


PS Nr. 47/19.12.2002

 

 

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