 |
Vom Roten Wien zur Flaniermeile
Österreich: Lange galt Wien als Modell linker Wohnbaupolitik. Inzwischen sind anstelle der Gemeinde als Bauherrin Genossenschaften getreten - nicht immer mit Erfolg.
Von Ralf Leonhard, Wien
Der Konkurs der Stadterneuerungs- und Eigentumswohnungsgesellschaft (SEG) war die grösste Pleite, die Wien im vergangenen Jahr erlebte. Die Genossenschaft hatte sich durch eine Serie von Prestigebauten einen Namen gemacht und dabei wohl auch übernommen: Aus den klotzigen Gasometern im Arbeiterbezirk Simmering machte sie mit modernen An- und Ausbauten eine absolute Topadresse, und die Stararchitektin Zaha Hadid baute für die SEG die hundert Jahre alten Stadtbahnbögen zur angesagten Flaniermeile aus.
Die SEG war eine privatwirtschaftlich organisierte Organisation - eine von mehreren Dutzend Genossenschaften, die in Österreichs Hauptstadt den Bedarf an Wohnungsneubau decken. Ein Drittel der jährlich 5500 neuen Wohnungen wird zwar mit Mitteln der kommunalen Wohnbauförderung finanziert, aber als Bauträgerin tritt die Stadt in den letzten Jahren praktisch nicht mehr auf.
Das war nicht immer so. In den zwanziger und dreissiger Jahren war das Rote Wien ein Pionier des sozialen Wohnbaus gewesen. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts nach dem Zusammenbruch der Monarchie hatten sich die Machtverhältnisse in Wien schlagartig verändert: Die mehrheitlich proletarische Bevölkerung machte Wien zur ersten sozialdemokratisch regierten Millionenstadt der Welt. Vor 1918 war der Wiener Wohnbau ganz dem privaten Kapital überlassen, ein Viertel der Bevölkerung galt als obdachlos. 1913 hatte der private Asylverein mehr als 461 000 Menschen registriert, weitere 97 000 wurden vom städtischen Obdachlosenasyl betreut. Doch auch wer eine Wohnung hatte, lebte meist auf engstem Raum. Gerade fünf Prozent der Wohnungen verfügten über fliessend Wasser und Toilette. Das war auch ein Ergebnis der massiven Zuwanderung aus den dem Kaiser unterstellten «Kronländern», vor allem aus Böhmen. Die Wanderarbeiter schufen zwar die Prachtbauten entlang der Ringstrasse und in den Innenbezirken, doch die «Ziegelböhmen» selbst hausten in Massenquartieren.
Finanziert mit Luxussteuern
Das Rote Wien wollte für das Proletariat menschenwürdige Verhältnisse schaffen. So wurden innert weniger Jahre Wohnburgen aus dem Boden gestampft, die nicht nur zweckmässig, sondern auch ästhetisch ansprechend waren. Der 1927 bis 1930 errichtete Karl-Marx-Hof mit seinen 1600 Wohneinheiten galt als Vorzeigeobjekt sozialistischer Stadtarchitektur. Die Wohnungen waren zwar grösstenteils klein, doch erlaubten die Wohnküchen eine neue Wohnkultur. Die Miete lag bei durchschnittlich vier Prozent eines Arbeiterlohns.
Finanziert wurden diese gigantischen Investitionen (es entstanden auch neue Bäder, Sportanlagen, Kultureinrichtungen) mit den Luxus- und Vergnügungssteuern, die die Reichen zu zahlen hatten. Private HausbesitzerInnen durften nur eine Miete auf Basis des Vorkriegsniveaus von 1914 verlangen. Das verhinderte die Spekulation mit dem knappen Wohnraum, bremste aber auch Privatinvestitionen im Wohnungsbau.
So blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Gemeinde die wichtigste Bauherrin. Damals galt es, in kurzer Zeit die durch Bomben, Brände oder Artillerie zerstörten Wohnungen zu ersetzen. Allerdings blieb die Qualität hinter jener der Vorkriegsbauten zurück. Der Wohnbauforscher Wolfgang Förster macht dafür die Vertreibung der JüdInnen und Intellektuellen, darunter vieler ArchitektInnen, verantwortlich. Einige der neuen Bauten waren verkehrstechnisch schlecht angeschlossen und mit zu wenig sozialer Infrastruktur ausgestattet. Dadurch verlor das Prinzip des Gemeindebaus viel von seinem Glanz.
Nichts geht ohne die SPÖ
Und so wurde der kommunale Wohnbau im Laufe der Zeit zunehmend durch Private ergänzt - vorwiegend gemeinnützige Genossenschaften, die sich an den Bauträgerwettbewerben beteiligen und dann in den Genuss der öffentlichen Wohnbauförderung kommen. 250 Millionen Euro jährlich werden für Neubauten aufgewendet, weitere 157 Millionen für die Sanierung von Altbauten. Auch deswegen liegt der durchschnittliche Mietzins in Wien immer noch deutlich unter dem vergleichbarer europäischer Grossstädte.
Von den Genossenschaften befindet sich nur eine einzige mehrheitlich im Eigentum der Stadt. Die anderen sind privat, bewegen sich allerdings zu einem grossen Teil «im politischen Umfeld», wie Franz Schäfer, Pressereferent der SPÖ-Fraktion im Wiener Rathaus, zugibt. Da sitzen hochrangige SPÖ-PolitikerInnen im Vorstand oder Aufsichtsrat. Und wenn interessante Aufträge zu vergeben sind, darf jeder einmal mitnaschen.
«In Wien kann keiner was bauen ohne die SPÖ», sagt David Ellensohn, Stadtrat und Wohnbauexperte der Grünen. Die in der Stadt seit Jahrzehnten fast ungebrochen regierenden SozialdemokratInnen lassen sich von den anderen Parteien wenig dreinreden. So werden auch die Bauvorschriften gelegentlich sehr grosszügig ausgelegt, wie der sogenannte Millenniumstower zeigt, bei dem eine Überschreitung der vorgesehenen Bauhöhe um hundert Meter als «geringfügige Abweichung» vom Bauplan abgesegnet wurde. Ähnlich wird mit zwingend vorgeschriebenen Kinderspielplätzen verfahren, wenn die Bauherren meinen, diese würden die Finanzen zu sehr belasten. «Es wird zu dicht und zu hoch gebaut», kritisiert Ellensohn. Seine Partei plädiert dafür, dass nur noch Bauten mit Passivstandard, also mit extrem hoher Energieeffizenz, gefördert werden.
Im Rathaus geht man davon aus, dass Wien bis zum Jahr 2020 von derzeit 1,8 Millionen auf zwei Millionen EinwohnerInnen anwachsen wird. Daher beschloss kürzlich der Wiener Gemeinderat, in der laufenden Dreijahresperiode 20 000 statt - wie ursprünglich geplant - 16 500 neue Wohnungen zu schaffen. Die notwendigen Erschliessungsgebiete am Stadtrand sind bereits ausgewählt. Franz Schäfer schliesst nicht aus, dass neben den Genossenschaften künftig auch der kommunale Wohnbau wieder verstärkt zum Zug kommen wird.
Wochenzeitung Nr. 24, 14.6.2007
|
|
|
|
Webmaster: alles@stadtlabor.ch
|