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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Wohnen der dritten Art

Zürich feiert das Jubiläum eines Wohnmodells, das die Mieten tief und die Mitbestimmung hochhält. Der genossenschaftliche Wohnungsbau braucht aber dringend einen neuen Anstoss - auch im Rest der Schweiz.

Von Johannes Wartenweiler
Die Wohnbaugenossenschaften sind ein Erfolgsmodell. Sie bieten in den Städten Wohnraum rund zwanzig Prozent günstiger an als die private Konkurrenz. Ihre MieterInnen beanspruchen etwa zehn Prozent weniger Platz als BewohnerInnen von Privatliegenschaften. Sie sind in den meisten Fällen MitbesitzerInnen und bestimmen die Entwicklung ihrer Genossenschaft mit. Sie geniessen einen weitreichenden Kündigungsschutz. Das alles schafft Verbindlichkeit und Verantwortung. Nachbarschaftshilfe wird leicht gemacht.
Trotzdem bleibt der Anteil der Wohnbaugenossenschaften am schweizweiten Wohnmarkt mickrig. In den Städten Zürich und Biel sind es zwar rund zwanzig Prozent. In Bern aber sind nur fünf Prozent aller Wohnungen so organisiert. Und noch viel weniger Genossenschaften gibt es in Agglomerationen und auf dem Land.
Der genossenschaftliche Wohnungsbau ist ursprünglich Selbsthilfe pur. Seine besten Zeiten hatte er in der Zwischenkriegszeit und in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit den siebziger Jahren stagniert die Bautätigkeit der Genossenschaften. Inzwischen ist ihr Anteil am Wohnungsmarkt schweizweit sogar rückläufig. Im Trend sind dagegen Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen. Bankkredite zu günstigen Konditionen begünstigen diese Entwicklung. Doch die negativen Folgen davon lassen nicht auf sich warten: Die Siedlungsgebiete wuchern weitgehend unkontrolliert in die Landschaft hinaus, die PendlerInnenströme verstopfen nicht nur Züge, sondern auch Autobahnen, Überland- und Nebenstrassen. Das belastet die Luft und das Klima.
In Zürich trotzen die Wohnbaugenossenschaften diesem Trend. Sie bauen auf städtischem Gebiet neue Häuser und Siedlungen und sanieren auch ihre alten Liegenschaften. Nicht alles, was sie anpacken, ist unumstritten. In vielen Genossenschaften gibt es intern immer wieder offenen Streit um einzelne Vorhaben. Kontroversen sind beispielsweise bei Abrissplänen von Altliegenschaften programmiert.
Bei ihrem Engagement können die Wohnbaugenossenschaften Zürichs auf die Hilfe der Stadt zählen - seit genau hundert Jahren. Finanziell entscheidend aber ist, dass sie mittlerweile auf ihre eigenen Reserven zurückgreifen können. Ihre Häuser stehen auf wertvollem Bauland und sind längst abbezahlt, die Mieten kostendeckend. Die Banken geben solch erstklassigen Schuldnern gerne Kredit.
In anderen Städten ist von dieser Stimmung wenig zu spüren. Viele Genossenschaften sind nach dem Gründungsfieber mit dem Erreichten zufrieden und wollen nicht weiter expandieren. Diese Genügsamkeit ist vielen PolitikerInnen recht. Unter Förderung von Wohnungsbau verstehen sie vor allem die individuelle Förderung von Privateigentum und Steuersparmodellen wie dem Bausparen. Auf Bundesebene gibt es zwar einen Verfassungsauftrag zur Förderung des Wohnungsbaus. In der politischen Realität streicht die bürgerliche Mehrheit allerdings die Förderkredite zusammen und stellt das Bundesamt für Wohnungswesen infrage.
Der genossenschaftliche Wohnungsbau muss also aus eigener Kraft wieder stärker werden - insbesondere auf nationaler Ebene. Der «Wohnbund», in dem verschiedene Dachorganisationen der Wohnbaugenossenschaften zusammengeschlossen sind, ist ein Schritt in diese Richtung. Doch seine Lobbyarbeit bleibt weitgehend unbeachtet. Damit der genossenschaftliche Wohnungsbau landesweit mehr Einfluss erhält, braucht es verstärkte Präsenz in der Öffentlichkeit und eine klare Stossrichtung. Die Genossenschaften müssen ihre Kräfte bündeln und mit ökologisch und ökonomisch attraktiven Angeboten nicht nur in den Kernstädten, sondern auch ausserhalb, in Agglomerationen und anderen suburbanen Zentren, Projekte realisieren. Ein ehrgeiziges Ziel ist anzupeilen - dieses könnte so lauten: bis 2020 zehn Prozent Anteil am gesamten Markt.
Es würde sich lohnen, auch für MieterInnen, die nicht in Genossenschaften wohnen. Denn als «dritter Weg» zwischen Eigentum und Miete übt der genossenschaftliche Wohnungsbau Druck aus auf die Mieten der privaten WohnungsvermieterInnen. Und weil er auf Maximierung von Profiten verzichtet und die wirtschaftliche Mitbestimmung stärkt, leistet er Widerstand gegen Individualisierung und Wettbewerb im Geiste der neoliberalen Revolution.


Wochenzeitung Nr. 24, 14.6.2007


 

 

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