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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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100 Jahre Wohnungsnot

Die Stadt Zürich setzt auf grosse Wohnungen, die niemand will.

Von Thomas Stahel
Der gemeinnützige Wohnungsbau feiert in Zürich sein 100-Jahr-Jubiläum - und von allen Seiten kommt Lob. Im April wurde eine dicke Jubiläums-Zeitschrift in einer Auflage von 248 000 in die Briefkästen verteilt, der Stadtrat rühmt sich gerne mit der sozialen Tradition der Genossenschaften, und diesen Samstag findet in zwölf Quartieren das «Fest des Wohnens» statt. In der Tat übernehmen die genossenschaftlichen und kommunalen Siedlungen eine wichtige Funktion auf dem Wohnungsmarkt - und bieten ein unverzichtbares Gegengewicht zu den auf Rendite orientierten privaten Bauträgern.
Doch angesichts der Feststimmung unter den GenossenschafterInnen und anderen Leuten mit Wohnung geht vergessen, dass Wohnungssuchende wenig zu jubeln haben. Abgesehen von zwei Phasen vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg besteht in Zürich seit hundert Jahren akuter Wohnungsmangel - und auch die steigenden Mieten bereiten immer mehr Sorgen. Von 1989 bis 2002 stiegen die Mietkosten im Kanton Zürich mehr als anderthalbmal so stark wie die Lebenshaltungskosten. Laut einer Auswertung der letzten Volkszählung bezahlen die ZürcherInnen durchschnittlich um bis zu dreissig Prozent mehr für ihre Wohnung als MieterInnen anderswo im Land.
Umso mehr ist der gemeinnützige Wohnungsbau gefragt. Doch die Stadt Zürich hat den kommunalen Wohnungsbau praktisch eingestellt. Stattdessen fördert sie mit ihrem Legislaturziel «10’000 Wohnungen in 10 Jahren» seit 1998 Grosswohnungen für gute SteuerzahlerInnen - mit zwiespältigem Erfolg: Zwar ist das Ziel schon nach acht Jahren erreicht worden, die grossen Wohnungen werden jedoch in der Mehrzahl nicht wie geplant von Familien, sondern von Doppelverdienerpärchen bewohnt. In der städtischen Siedlung Bernerstrasse beispielsweise musste die Stadt die minimale Bewohnerzahl pro Wohnung nach unten korrigieren, da sie für die «Familienwohnungen» keine MieterInnen fand - das Zielpublikum kann sich anscheinend die Neubauwohnungen nicht leisten. Es fragt sich ohnehin, wieso der rot-grüne Stadtrat nicht mehr darum bemüht ist, dass auch untere Einkommensschichten eine Bleibe finden. Sie sind es, die es auf dem ausgetrockneten Wohnungsmarkt besonders schwer haben; für die guten SteuerzahlerInnen wird auch ohne städtische Programme genügend gebaut.
Und wie steht es im genossenschaftlichen Wohnungsbau? Auch hier liegen die bewegten Zeiten weit zurück. Erst seit einigen Jahren sind Sanierung, Abriss und Neubau wieder Thema, da viele Genossenschaftssiedlungen in die Jahre gekommen sind. Zwei Zielen messen die Genossenschaftsvorstände besondere Aufmerksamkeit bei: der langfristigen Erneuerung beziehungsweise Ergänzung des Wohnungsbestandes und dem Erhalt günstiger Mieten. Nicht immer wird beides gleich gewichtet. So wurden zum Beispiel in der 2005/06 renovierten Kolonie Industrie I der Genossenschaft des eidgenössischen Personals - in der Jubiläumszeitschrift als Musterbeispiel dargestellt - Wohnungen zusammengelegt: aus 3-Zimmer-Wohnungen für 620 Franken wurden 4,5-Zimmer-Wohnungen für 1760 Franken. Das Beispiel Industrie I ist nicht besonders spektakulär, sozusagen Zürcher Alltag. Doch genau das ist das Problem: Der Aufschlag des Quadratmeterpreis um siebzig Prozent wird zum Musterbeispiel, auch im genossenschaftlichen Wohnungsbau.

Thomas Stahel: «Wo-Wo-Wonige! Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968». Paranoia City Verlag 2006. www.wonige.ch


Wochenzeitung Nr. 24, 14.6.2007


 

 

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