 |
«Innovativer als der Markt»
Der Schweizerische Verband Wohnungswesen feiert die ersten hundert Jahre. Architekten, Historiker und Städteplaner unterhalten sich über Vergangenheit und Zukunft genossenschaftlicher Wohnformen.
Interview: Angelus Eisinger
WOZ: Der gemeinnützige Wohnungsbau feiert unter dem Motto «Mehr als Wohnen» gerade sein 100-Jahr-Jubiläum. Wo steht der gemeinnützige Wohnungsbau heute?
Daniel Kurz: Wenn wir die aktuelle Situation in Europa betrachten, ist es alles andere als selbstverständlich, dass wir heute in der Schweiz überhaupt über den Stand der Dinge diskutieren können. Der politische Konsens hierzulande, dass öffentlich geförderter Wohnungsbau sinnvoll und notwendig ist, stellt mit Blick auf Europa eine grosse Ausnahme dar. Überall sonst wird abgebaut, werden die Förderungen gestrichen.
Andreas Hofer: Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil hierzulande in den letzten zehn bis zwanzig Jahren das klassische Subjekt des gemeinnützigen Wohnungsbaus verschwunden ist: die schweizerische Arbeiterfamilie, die eine anständige Wohnung will. Die Bereitstellung von zahlbarem Wohnraum für die unteren Einkommensschichten bildet aber immer noch ein ganz wichtiges Motiv, weshalb man politisch auch sehr vorsichtig mit Kürzungen ist.
Ruedi Weidmann: Ich kann mir den Fortbestand des gemeinnützigen Wohnungsbaus eigentlich nur so erklären, dass er noch andere Funktionen erfüllt, als günstigen Wohnraum zu schaffen. Seine Leistungen umfassen städtebauliche und architektonische Belange ebenso wie soziale Experimente. Somit hat er über das Wohnen hinaus Nutzen für breite Kreise. Das Motto des Jubiläums «Mehr als Wohnen» spricht dies ja auch an.
Kurz: Gleichzeitig hat sich die Schweizer Arbeiterfamilie ja nicht einfach in Luft aufgelöst. Vielmehr hat es eine Aufsplitterung bei den Anspruchsgruppen gegeben. Dazu zählen heute sogenannte intakte Kleinfamilien, Alleinerziehende, Betagte und Behinderte. Die meisten Genossenschaften haben heute einen derart breiten MieterInnenmix im Auge.
Werfen wir doch einen Blick auf die Geschichte des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Wie lässt sich seine Entwicklung beschreiben?
Kurz: Die Wohnbaugenossenschaften haben immer am Markt agiert. Die Spitzen der Bautätigkeit verlaufen sehr oft prozyklisch und folgen ziemlich genau dem Konjunkturverlauf, weshalb sie auch mit den Spitzen des privaten Wohnungsbaus zusammenfallen. Mit einer Ausnahme: Am Ende der beiden Weltkriege, als die Baukosten hoch und die Baumaterialien knapp waren und somit Wohnungsbau eigentlich nur mit Subventionen des Bundes möglich war, waren die Genossenschaften fast die Einzigen, die bauten.
Über die Zeit betrachtet fällt auf, dass eine Stadt wie Zürich Wohnungspolitik über weite Strecken als ein Programm begriffen hat, das über die reine Linderung der Wohnungsnot hinausgeht. Die Wohnbauförderung hat seit 1924 eine grosse Konstanz, trotz aller Schwankungen.
Weidmann: Dabei ging es aber nicht einfach nur um billigen Wohnraum, sondern immer auch um gesellschaftliche Vorstellungen. Es ging um mehr als um Wohnflächen, Badezimmerausstattungen und Zentralheizungen. Gleichzeitig war die Ausbreitung dieser bürgerlichen Komfortstandards ein wichtiges Element bei der gesellschaftlichen Integration der Arbeiterschaft.
Gibt es im Zuge der Integration und Angleichung der Wohnungsstandards auch alternative oder gar utopische Elemente, die dabei auf der Strecke geblieben sind?
Hofer: Historisch betrachtet ist in den sechziger und siebziger Jahren tatsächlich so etwas wie eine gedankliche Lücke spürbar. Bis zu diesem Zeitpunkt ging es vor allem um das soziale Programm des Anschlusses der unteren Einkommensschichten an die bürgerliche Gesellschaft. Danach stellte sich ein eigentliches Ideenvakuum ein, wie denn nun die klassische Klientel der Genossenschaften eigentlich in der Stadt wohnen sollte.
Im Rückblick zeigt sich, dass in der Folge das urbane Wohnen über verschiedene Etappen und von verschiedenen Seiten her neu definiert worden ist: Da sind die urbanen Wohnreformansätze von Architekturbüros wie Atelier 5 und Metron zu nennen, die Achtzigerbewegung mit ihrer Hinwendung zur Stadt und im Anschluss die neuen Genossenschaften wie die Wogeno. Die junge Generation der Wohngenossenschaften hat die Idee des urbanen Wohnens neu befruchtet. So entstand ein Bausatz, der sich komplementär zu dem relativ einfachen Programm verhielt, günstigen Wohnraum zu schaffen. In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren verlagerten sich diese Impulse dann in die alten Genossenschaften und in die bestehenden Quartiere.
Dieses zeitweilige Fehlen von Leitvorstellungen des urbanen Wohnens kontrastiert deutlich mit dem Faible für Urbanität, das die jüngste Generation des genossenschaftlichen Wohnens charakterisiert. Inwiefern ist denn auch in der Zwischenkriegszeit oder in den vierziger und fünfziger Jahren das urbane Dasein des klassischen schweizerischen Arbeitnehmers und seiner Familie Bestandteil eines genossenschaftlichen Lebensentwurfs?
Weidmann: Da ist zunächst zu beachten, dass der gemeinnützige Wohnungsbau politisch gesehen immer eine ausgezeichnete Möglichkeit darstellte, Stadt zu planen. Subventionen, Baulandabtretungen oder Planungsinstrumente wie Arealbebauungen erlaubten über diese Form des Wohnungsbaus, öffentlichen Raum auszubilden sowie Schulhäuser und Kindergärten nach übergeordneten planerischen Vorstellungen zu realisieren. Diese Planung verstand sich ausdrücklich als Stadt- und nicht als Dorf- oder Landschaftsplanung.
Kurz: Was wir heute mit «urban» in Verbindung bringen, war damals längst nicht immer angenehm. Das spiegelt sich auch im genossenschaftlichen Wohnungsbau. So wollte man selbstverständlich nicht die Zustände reproduzieren, aus denen man kam. Man wollte weder die Enge und den Dreck des Arbeiterquartiers, auch wollte man nicht weiter zu acht in Dreizimmerwohnungen mit einem Untermieter wohnen. Man wollte wirklich etwas anderes, etwas Besseres. Es sollte mindestens so gut sein wie Hottingen. Also: ohne lärmige Beizen, dafür mit Vorgärten. Deshalb wurden Abstriche in Kauf genommen, zum Beispiel, dass die Wohnungen und Korridore kleiner waren.
Historisch sind es somit drei Elemente, die das «Mehr als Wohnen» ausmachen: Einmal dient der gemeinnützige Wohnungsbau als Transmissionsriemen einer zeitgemässen Stadtplanung. Zweitens ermöglicht er eine Annäherung an bürgerliche Werte oder - negativ formuliert - die Disziplinierung der Arbeiterschichten. Drittens unterscheidet der Solidaritätsgedanke diese Wohnbautätigkeit deutlich von konventionellen Wohnangeboten. Was lässt sich zu diesem solidarischen Moment sagen?
Hofer: Genossenschaften sind reich an Ausgleichsmodellen, Querfinanzierungen und Ähnlichem, die es Leuten ermöglichen, in Wohnungen zu leben, die sie sich auf dem freien Markt nicht leisten könnten. Es gibt daneben auch ein ökonomisches Moment der Solidarität. Im Zusammenlegen von Mitteln werden Werte geschaffen, die die Genossenschaftsbewegung zu einer enormen ökonomischen Kraft machen, die auch in Zukunft eine Schlüsselrolle spielen wird - gerade durch ihren Einfluss auf die Mietzinsgestaltung. Der Verzicht auf kurzfristige Spekulation schafft günstige Mieten und führt mit der Zeit zu gewaltigen finanziellen Reserven. Damit entsteht ein Antimodell zur kapitalistischen Verwertungslogik. Es ist das gleiche Geld, aber es wird anders eingesetzt. Man bricht aus dem Kapitalismus aus, indem man gemeinsam auf den Gewinn verzichtet.
Kurz: Gleichzeitig hat man bis in die sechziger Jahre die Idee der Gleichheit sehr weit getrieben. Sie zeigt sich am unmittelbarsten in den Genossenschaftswohnungen, die sich sehr ähnlich sehen. Aber man hat immer auch einen grossen Teil der Mittel dafür eingesetzt, um Flächen oder Höfe nicht zu überbauen. Dafür hat man einen Preis bezahlt. Die solidarische Gemeinschaft äusserte sich historisch ausserdem in Gemeinschaftsräumen, Einrichtungen wie dem Feiern des Genossenschaftstages oder Hausordnungen. In ihnen spiegelt sich das gleiche Schwanken zwischen ein bisschen bieder und ein bisschen autoritär, das ja über das 20. Jahrhundert auch die SP und die Gewerkschaften begleitete.
Ich möchte aber noch einmal auf das Stichwort der Koexistenz eines alternativen Wirtschaftsmodells im Kapitalismus zurückkommen: In der Zwischenkriegszeit gab es Vorstellungen in der Genossenschaftsbewegung, man könne den Kapitalismus aufkaufen. Interessanterweise erzählen heute Immobilienentwickler in Zürich Affoltern, sie könnten keine Mietwohnungen mehr auf den Markt bringen, weil dieser von den Genossenschaften mit ihren billigen Mieten kaputt gemacht worden sei.
Es liesse sich also in diesem Zusammenhang von einer gewissermassen pragmatischen Utopie sprechen, die nicht das System umstürzen möchte, sondern seine Logik nutzt.
Hofer: Genau: Man kauft den Kapitalismus auf. Heute wird gerne vom Markt als Triebfeder der Innovation gesprochen. Dieses Bild wird aber gerade durch den gemeinnützigen Wohnungsbau widerlegt, der seit den ersten Siedlungen immer wieder neue Wohnformen hervorbringt.
Weidmann: Eine wichtige Rolle spielt dabei paradoxerweise die relative Kleinheit der schweizerischen Genossenschaften. Die grösste Genossenschaft in Zürich verfügt über 4200 Wohnungen und ist trotzdem ein grosser Player am Wohnungsmarkt. Damit herrscht eine wohltuende - und typisch schweizerische - Vielfalt.
Kurz: Auch wenn diese Vielfalt im Allgemeinen nicht urbaner und experimentierfreudiger macht, mischt sie doch immer wieder die Szene auf, bis in die Gegenwart, wenn wir an die Genossenschaft Kraftwerk denken.
Heute erfahren die Genossenschaften einen Aufschwung, den vor fünfzehn Jahren noch kaum jemand vermutet hätte. Neue, viel beachtete Wohnanlagen entstehen, Wettbewerbe werden lanciert, neue Strategien entwickelt. Worauf lässt sich diese Dynamik zurückführen?
Kurz: Zum einen hat sich über die Jahrzehnte ein Neuerungsbedarf aufgestaut, zumal man lange überaus passiv geblieben war. 25 Jahre lang hat man nur Fassaden und Küchen saniert und Balkone vergrössert. Gegen weitergehende Massnahmen hätte es Widerstand gegeben (wie 1974 der Abbruch und Ersatzneubau der ABZ-Siedlung Regensbergstrasse zeigte), die Genossenschaften trauten sich während Jahren nicht mehr, ein Haus abzureissen.
Weiter gingen vom Stadtzürcher Programm zur Realisierung von 10 000 Wohnungen wichtige Impulse aus: Die im städtischen Besitz befindlichen Areale wurden in Wettbewerben zu idealen Plattformen für Innovation. Nicht wenige Genossenschaften haben sich allerdings während der Jurierungen am Kopf gekratzt, auch wenn sie heute mit Stolz auf die Ergebnisse blicken. Schliesslich war die Erfahrung wichtig: Es ist willkommen, wenn wir bauen, wenn wir Ersatzneubauten realisieren.
Hofer: In vielen Fällen befand sich die Bausubstanz in problematischem Zustand, und die Handlungsmöglichkeiten waren oft sehr eingeschränkt. So zeigte sich in Schwamendingen, dass keine Schweizer Familie diese kleinen Wohnungen mehr mieten wollte. Durch die Neubauten kam es mit der Zeit zu ersten Beispielen von Alternativen zum tradierten Genossenschaftswohnungsbau. Die Rationalisierungsfortschritte in der Bauwirtschaft haben ausserdem den Neubau zu einer valablen Alternative zum Umbau werden lassen.
Weidmann: Die Renaissance des Wohnens in der Stadt gründete in einer Opposition gegen das monofunktionale, banale Agglowohnen. Daraus entstanden seit den achtziger Jahren neue Formen des städtischen Wohnens, so im Dreieck, dem Brahmshof oder der Hellmi. Auf diese Modelle und Erfahrungen konnten die anderen Genossenschaften in den neunziger Jahren zurückgreifen.
Hofer: Dieses höchst urbane, multifunktionale Wohnen ist aber noch längst nicht zum allgemein vertretenen Modell geworden.
Wir haben von der historischen Bedeutung des Solidaritäts- und Gemeinschaftsgedankens gesprochen, wir haben die Macht der Gleichheitsidee und den Anschluss an bürgerliche Ideale und Lebensstandards betont. Welche Ideale bestimmen heute den gemeinnützigen Wohnungsbau?
Hofer: Die Stichworte der Bedürftigkeit und des sozialen Auftrags - Alleinerziehende, ausländische Familien, Ältere - haben natürlich immer noch eine grosse Bedeutung. Dort, wo die Genossenschaften Stadt gebaut haben, wie etwa in Schwamendingen, wird ausserdem augenfällig, dass sich heute Probleme einhandelt, wer nur seinen sozialen Auftrag erfüllt. Wenn ein ganzer Stadtteil nur aus kleinen, günstigen Wohnungen der gleichen Epoche besteht, wird die soziale Durchmischung schwierig.
Kurz: Genossenschaften machen längst Marktstudien, sprechen von Kundensegmenten. Sie sagen, wir möchten Familien haben und neue Formen wie WGs, Alterswohnen, Wohnen für Behinderte. Ausländische MieterInnen sind willkommener als früher. Es findet eine Öffnung statt für unterschiedliche Wohnformen. Jede Genossenschaft positioniert sich da wieder etwas anders.
Hofer: Ausserdem belegen Untersuchungen von Statistik Zürich, dass Genossenschaften eine immer stärkere Bedeutung bei der Zweitintegration im Quartier- und Wohnumfeld übernehmen. Einige Genossenschaften beschäftigen heute SozialarbeiterInnen, die für professionelle Betreuung sorgen.
Weidmann: Allerdings sind die Leitmodelle der Gegenwart keineswegs klar. Es zeichnet sich zwar ein Pfad ab, der breiter wird und Experimente zulässt. Es gibt aber keine übergeordnete Vorstellung, wie Stadt aussehen oder wie die Genossenschaftsfamilie leben soll. Mir scheint das Wohnungsangebot noch immer fantasielos.
Und doch sind in den letzten Jahren an der Paul-Clairmont-Strasse oder in Leimbach neue Wohnbauten entstanden, die längst ihren Weg in die Architektur- und Lifestylemagazine Europas geschafft haben. Löst diese Orientierung an einem höheren Komfort- und Preissegment nicht Verdrängungsprozesse aus?
Hofer: Nach Lern- und Lehrjahren hat dieser Prozess deutlich an Kraft verloren. Von einem sozialen Verdrängungsprozess kann meines Erachtens nicht gesprochen werden. Auch heute werden viele Wohnungen durch Tiefhalten des Bodenpreises und Quersubventionen zu einem Preis angeboten, der weit unter dem Marktpreis liegt. Gleichzeitig sind die Genossenschaften bemüht, den von Neu- oder Umbauten betroffenen BewohnerInnen weiterhin günstigen Wohnraum in der Genossenschaft zur Verfügung zu stellen. Ausserdem lenken die viel publizierten Ikonen den Blick von den spannenderen Entwicklungen und Innovationen ab.
Weidmann: Hier wäre beispielsweise das Entwicklungsleitbild der Familienheim-Genossenschaft im Friesenberg zu nennen. Es thematisiert bauliche Massnahmen, räumliche Quartierentwicklung und soziale Dienstleistungen für die nächsten zwanzig Jahre. Da werden konkrete Beiträge zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung formuliert.
Kurz: Ich sehe in den Neubauprojekten kein übergrosses Verdrängungspotenzial, es entsteht ja sehr oft wieder recht preiswerter Wohnraum. Aber es besteht die Gefahr, dass kleine Oasen wie der Erismannhof, wo man 500 bis 600 Franken für eine Wohnung zahlt, mit der Zeit verschwinden.
Wo liegen die Quellen der Innovation im gemeinnützigen Wohnungsbau?
Weidmann: Es gibt heute eine sehr gute Wettbewerbskultur bei der Stadt Zürich, die die Genossenschaftswettbewerbe organisiert. Weiter gibt es eine junge Generation von Architektinnen und Architekten, die über die einst innovativen Grundrisse und Siedlungsanlagen von Brahmshof und Hellmi hinausgehen und nach neuen Lösungen suchen. Hier ist eine Lockerheit im Entstehen, die den rigiden Modernismus ablöst, der lange Zeit dominierte.
Interessanterweise kommt ja die neue Garde nicht aus den Zirkeln der Genossenschaftsbewegung - ganz im Gegenteil, sagen wir, zu den vierziger Jahren. Überlässt man heute die Innovation findigen externen Köpfen, oder gibt es Ideen, mit welchen die Genossenschaften die kreativen Prozesse alimentieren?
Kurz: Ich glaube, es ist schon sehr viel, wenn Bauherrschaften überhaupt den Mut haben, Innovation zuzulassen. Ich denke hier zum Beispiel an den Mut zu öffentlichen Erdgeschossnutzungen oder zu Wohnungen, die nicht auf eine ganz bestimmte Mietergruppe ausgerichtet sind. Derartige Abweichungen von der Konvention und Unregelmässigkeiten stossen neue Ideen an.
Hofer: Es bedarf intelligenter Strategien der Mehrdeutigkeit. So lässt sich die Genossenschaft Kraftwerk in konventionelle Wohnungen rücktransferieren. Das war eine Konzession gegenüber den Banken. Für mich ist die wichtigste Quelle der Innovation das Suchen nach changierenden Mehrdeutigkeiten. Darin liegt eine fundamentale Gegenthese zum Wohnen für das Existenzminimum, die nach einer quadratzentimeterweise optimierten Lösung gesucht hat - um den Preis der Flexibilität. Experimente von heute sind morgen Teil des Bestandes und im besten Falle übermorgen wieder Schauplatz einer weiteren experimentellen Transformation.
Kurz: Gleichzeitig verlangt Anpassbarkeit nach einer Offenheit, die räumliche Qualitäten schafft. Ein positives Beispiel für dieses changierende Element ist der Neubau von Galli Rudolf in Leimbach, der bei aller Offenheit klar definierte Räume mit klar definierten Qualitäten schafft.
Hofer: Was heute ungelöst ist, ist die Frage nach Räumen, die vermitteln können zwischen Individuum, Gemeinschaft und Stadt - architektonisch, vielleicht auch sozial und organisatorisch.
Kurz: In den jüngsten Wettbewerbsrealisierungen gibt es schon erste Antworten auf neue Formen der Verbindung von Individuum und Gemeinschaft. In der Werdwies sind es die öffentlich genutzten Erdgeschosse und die grossen, hellen Treppenhäuser, die sich in der Leimbacher Vista Verde in ähnlicher «Raumverschwendung» fortsetzen.
Wir haben von einer pragmatischen Utopie gesprochen, die den gemeinnützigen Wohnungsbau über die letzten Jahrzehnte charakterisierte. Wir haben über Innovationen und ihre Notwendigkeit gesprochen. Beispiele wie das Kraftwerk zeigen, dass man über Wohnen Stadtentwicklung in einem sehr unmittelbaren Sinne betreiben kann. Wo könnte denn nun eine aktuelle Utopie des gemeinnützigen Wohnens liegen?
Weidmann: Der Gleichheitsgedanke ist passé. Heute bedarf es anderer, individuellerer und heterogenerer Formen von sozialen Qualitäten. Aktuell sind mehr als die Hälfte der Haushaltungen in der Stadt Zürich Einpersonenhaushalte. Ich frage mich, wie viele dieser Alleinlebenden mit ihrer Wohnsituation wirklich zufrieden sind. Für diese Zielgruppe der Singles bieten die Genossenschaften heute noch zu wenig. Neuerdings gibt es in Altstetten das Wohnprojekt James für junge zahlungskräftige Singles oder Pärchen mit einem Concierge-Dienst. Die solidarische Version fehlt noch: ein Gebäude, in dem viele Singles und auch andere wohnen, wo es freiwillige Gemeinschaftsformen gibt, für alle Lebensalter, Einkommensklassen und Nationalitäten.
Kurz: Vieles ist heute noch gar nicht angedacht, geschweige denn angegangen. Denken wir beispielsweise an die Etablierung eines Arbeitsbegriffs, der nicht nur ökonomisch begründet ist.
Weidmann: Hier besteht ein Innovationsbedürfnis für unsere Gesellschaft, der es nicht gelingt, die Arbeit auf alle zu verteilen, und die nicht weiss, was sie mit Menschen über 65 anfangen soll.
Hofer: Hier liegt ein riesiges Potenzial für die Genossenschaften. So ist im Kraftwerk sehr vielen bewusst geworden, wie gut es ist, Behindertenwohngruppen zu haben. Es ist nicht ein Dienst, den man erfüllt, sondern eine Bereicherung. Bei unserem Laden waren wir selbst erstaunt, dass es möglich ist, über drei Jahre in unbezahlter Arbeit ein Geschäft zu betreiben, das zu einem erfolgreichen Sozialintegrationsprojekt geworden ist. Da gibt es zum Beispiel die irakische Flüchtlingsfamilie, die Krapfen bäckt, die im Laden verkauft werden. So entsteht wieder eine parallele Ökonomie.
Ich möchte auch den Nachhaltigkeitsaspekt erwähnen: Die Genossenschaften verfolgen Langfristrenditen im Gegensatz zu den kurzfristigen Betrachtungsweisen der Wirtschaft. Bereits damit fungieren die Genossenschaften schon wie ein utopisches Gegenmodell, das Fragen der Ökologie, der Energie, der Sozialtechnik mit einem längerfristigen Blick angeht.
DIE GESPRÄCHSRUNDE
Der gemeinnützige Wohnungsbau in der Stadt Zürich feiert in diesem Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum. Unter dem Motto «Mehr als Wohnen» finden verschiedene Aktivitäten statt. Die Gesprächsrunde bewertet aus diesem Anlass die historischen und gegenwärtigen Aufgaben und Leistungen und fragt nach seiner zukünftigen Rolle. Es diskutieren:
- Angelus Eisinger, Städtebau- und Planungshistoriker, Professor an der Hochschule Liechtenstein und Privatdozent an der ETH Zürich; beschäftigt sich in Unterricht und Forschung mit Fragen der jüngeren Architektur-, Stadt- und Raumentwicklung.
- Andreas Hofer, dipl. Architekt ETH, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Verbands für das Wohnungswesen (SVW), Sektion Zürich; Mitinitiant des Projekts KraftWerk1; seit 2000 Dozent für Freiraumplanung an der Abteilung für Landschaftsarchitektur an der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR); seit 1995 Partner von archipel - Planung und Innovation in Zürich.
- Daniel Kurz, Historiker, beschäftigt sich mit der Geschichte von Stadt, Städtebau und Wohnen. Er leitet die Fachstelle Information im Amt für Hochbauten der Stadt Zürich.
- Ruedi Weidmann, Historiker, Partner bei Haeusler + Weidmann, Zürich, und Redaktor bei «TEC21», der Fachzeitschrift für Architektur, Ingenieurwesen und Umwelt des Schweizer Architekten und Ingenieurvereins SIA.
Wochenzeitung Nr. 24, 14.6.2007
|
|
|
|
Webmaster: alles@stadtlabor.ch
|