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STADT-WOHNEN
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Versteigert die Welt

Vierzehn Jahre sind seit der Implosion der kommunistischen Staaten vergangen. Wars das mit Alternativen? Hier ein Modell, das noch konsequenter auf Markt setzt als die gegenwärtige Wirtschaftsordnung.

Von Marc Badertscher
Im Anfang war die Tat: Vier Pflöcke einrammen, etwas Schnur um die abgesteckte Fläche spannen, fertig. So kam man früher zu Grundeigentum, per Aneignung, und so ist es in unserem Wirtschaftssystem noch heute.
Jürg Inniger ist Werbetexter und Wirtschaftsphilosoph. Die eine Leidenschaft ist bezahlt, die andere nicht. Als er zum Interview im Restaurant erscheint, trägt er links einen Regenschirm, rechts eine Laptoptasche, wirkt wach, lebendig.
«Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem hat zwei grosse Nachteile. Erstens müssen die Ländereien und Böden verteidigt werden, weil die Aufteilung meist mit Gewalt durchgesetzt wurde und bis heute willkürlich ist. Zweitens ist den meisten Menschen der Zugang zu Boden und Ressourcen erschwert bis versperrt.» Für jede Art von Arbeit und Wohnen brauche es Boden, auch in der Dienstleistungsgesellschaft. Inniger hebt den Kopf. «Die Frage ist doch, wem die Welt eigentlich gehört.»
Ursprünglich war Inniger Lehrer, später habe er für Zeitungen gearbeitet. Schlüsselerlebnis sei ein Auftrag gewesen, über Arbeitslose zu schreiben. Von da an habe er sich für Wirtschaftszusammenhänge zu interessieren begonnen.

Den Pot füllen
Inniger lehnt das Aneignungsprinzip ab und schlägt ein anderes Konzept vor: Was die Menschen nicht selber geschaffen haben, gehört allen gleich. Zum Beispiel eben Boden und Ressourcen. Inniger spricht oft von Schöpfungsleistungen. «Damit man nie vergisst, dass es dabei nicht um Menschenleistungen geht wie bei Produkten oder Dienstleistungen.»
«Ein Wirtschaftssystem sollte auf schlüssige Art und Weise bestimmte Dinge bestimmten Menschen zuordnen. Dazu gehört eben auch, die Schöpfungsleistungen allen Menschen gleichermassen zugänglich zu machen, weil logischerweise kein Mensch mehr Schöpfungsleistungen erzeugt hat als andere.» Es gelte also, ein Wirtschaftssystem zu finden, das die gleichberechtigten Ansprüche auf Boden wirklich bediene.
Gegenüber vom Restaurant liegt eine ungenutzte Parzelle, daneben stehen ein mehrstöckiges Haus und zwei Kräne, Bauarbeiter gehen herum. Anspruch auf Boden für alle. Wie ist das umsetzbar?
«Es braucht lediglich ein Versteigerungssystem», sagt Inniger. Sein Vorschlag: Grundstücke werden an den Meistbietenden vergeben. Der auf diese Art zustande gekommene Preis ist eine Art Pachtbetrag und ist zum Beispiel monatlich zu entrichten. Der Erlös wird unter allen Menschen gleich verteilt. So kommen alle zum nötigen «Spielgeld», um selber ein Grundstück zu ersteigern. An Versteigerungen teilnehmen? Das klingt abenteuerlich. Inniger sagt: «Das Problem ist, dass wir uns gedanklich nur schwer vom jetzt existierenden System lösen können.»
Konkret: Nehmen wir eine kleine Gemeinde mit drei EinwohnerInnen, die ein Grundstück brauchen. Zwei Personen bieten um eine besonders schöne Parzelle. Der Preis steigt, eine erhält den Zuschlag bei - sagen wir - 2000 Franken. Das Geld fliesst monatlich in den Pot. Die unterlegene Person ersteigert sich im Kampf mit der dritten Boden für 1000 Franken, die dritte bezahlt für ihre Parzelle praktisch nichts. Im Pot sind nun rund 3000 Franken, die verteilt werden. Die durchschnittliche Nutzung in dieser Gemeinde beträgt also 1000 Franken, und alle kriegen genau diesen Teil raus.
So weit, so gut. Ein Problem bleibt. In der Praxis sind die meisten Grundstücke bebaut mit Immobilien. Das sind indessen keine Schöpfungsleistungen, und Anspruch darauf haben diejenigen, die sie erschaffen oder erworben haben. Was passiert nun, wenn der Boden darunter versteigert wird und den Besitzer wechselt? «Ich bin der Meinung, dass die Grundstücke zusammen mit den Immobilien herausgefordert werden sollen», sagt Inniger. «Das wirkt vielleicht im ersten Moment erschreckend, weil momentane Nutzer überboten werden können.» Stimmt. Doch zunächst die Spielregeln.

Ein Volk von Bietern
Die Leute bieten nicht für Grundstücke und Immobilien separat, sondern für beides zusammen. Der Versteigerungspreis geht vollumfänglich an den vorherigen Besitzer der Liegenschaft. Zudem wird von diesem Preis die Entschädigung für die Schöpfungsleistung Boden abgeleitet, ein bestimmter Prozentsatz. Dieser Betrag wird dann vom neuen Hausbesitzer und Grundstücknutzer quasi als Pacht alle Monate fällig und danach wie gehabt an alle verteilt.
Und was heisst das für alle jene, die am lieb gewordenen Zuhause festhalten möchten? «Für bisherige Besitzer, die gerne bleiben wollen, ist nicht der gesamte Versteigerungspreis die kritische Grösse», sagt Inniger. Denn dieses Geld gehe ja an sie als bisherige Besitzer. Entscheidend werde sein, ob sie die monatliche Schöpfungsleistungsabgabe bezahlen wollen und können, die bei höherem Versteigerungspreis ebenfalls steige.
Also wird sich auch mit diesem System die schönen Plätzchen schnappen, wer reich ist? Da braucht Inniger keinen langen Anlauf: «Wer mehr Geld hat, zum Beispiel ein Popstar, der mit seiner Musik viele CDs verkauft, kann Schöpfungsleistungen auch überdurchschnittlich nutzen. Aber der Clou der Sache ist: Die andern werden dafür entschädigt.» Verkaufe sich die Musik einmal nicht mehr oder sei das Geld verjubelt, wird sich der Popstar wieder mit einer durchschnittlichen Wohnlage begnügen müssen. Wer dagegen unterdurchschnittlich von Schöpfungsleistungen profitiere, habe dafür mehr Geld für anderes zur Verfügung oder könne später einmal höher mitbieten.
Inniger ist heute selber Stockwerkeigentümer. Er schätzt, ihm selber würde das Versteigerungsmodell materiell nichts bringen. Bevor er in die Werbebranche gewechselt hatte, arbeitete er eine Zeit lang in Kinderheimen und bei Obdachlosenprojekten in England, Frankreich und Amerika. Zwei Jahre war er unterwegs. Stösst das Versteigerungskonzept an geografische Grenzen? «Nein», sagt Inniger. «Was im Modell in einer Gemeinde funktioniert, soll auch mit sechs Milliarden Menschen möglich sein - eine einzige grosse Versteigerungsgemeinschaft. Natürlich sind zum Beispiel die Systeme für die soziale Absicherung noch nicht dafür eingerichtet, dass sich alle Menschen frei bewegen können. Aber das kann noch werden, wegen der Globalisierung muss das sowieso irgendwann geschehen.»

Neues Betriebssystem
Was Inniger vorschwebt, ist ein Markt für gleichberechtigte Ansprüche. Die heutige Marktform stimme nur für produzierte Güter und Dienstleistungen. Der Ertrag daraus soll dem Einzelnen auch weiterhin alleine zustehen, abgesehen von Steuern und Sozialabgaben. Die Neuerung betreffe nur Schöpfungsleistungen.
Das tönt alles ziemlich aufregend. Aber liessen sich nicht innerhalb des bestehenden Systems mit einer guten Steuergesetzgebung ähnliche Resultate erzielen? Schöpfungsleistungsabgaben sind doch einer Steuer ähnlich?
«Mit dem entscheidenden Unterschied, dass das Geld direkt zu den einzelnen Menschen kommt», sagt Inniger. Das ist wichtig, damit alle selber für ihre Lieblingsgrundstücke bieten können. Zudem: Über Grundstücksteuern lässt sich höchstens das ausgleichen, was den Ausgeschlossenen direkt entgeht.
Innigers Handy läutet, er verschiebt den nächsten Termin nach hinten, sagt dann: «Nein, heute kann man nur herumdoktern und Symptombekämpfung betreiben. Mit einem Markt für gleichberechtigte Ansprüche würde ein Systemfehler von Grund auf behoben.» Er denke, es wäre wie ein besseres Betriebssystem. Was er denn auf den Werbeprospekt dafür schreiben würde?
Inniger setzt an, bricht wieder ab, lässt das Handy in der Tasche seines Jacketts verschwinden und sagt: «Einen Werbeprospekt schreibt man nicht aus dem Stand.» Aber einige Stichworte könne er liefern. Hier sind sie:

- Schlüssigkeit. Die Ansprüche auf Schöpfungsleistungen werden für alle befriedigt, mit Boden oder Geld. Auch wer auf der Südhalbkugel geboren wird, hat wieder eine faire Chance.

- Weniger Krieg. Wenn die Territorien und Ressourcen der Erde über den Markt verteilt werden, dann braucht es keine Armeen zu deren Verteidigung mehr.

- Sicherheit. Egal, was einem zustösst, ein wertmässiger Durchschnittsteil der Erdfläche steht einem immer zu.

- Arbeitsmöglichkeiten. Ohne Boden weder Bohnen noch Bytes. Boden ist immer noch die Voraussetzung für Arbeit. (Auch das Büro im 3. Stock kann nicht fliegen.)

- Keine Korruption. Das System der Versteigerung kommt ohne Funktionäre aus, die besondere Befugnisse haben. Lobbyarbeit wird unnötig.

- Philosophische Schönheit. Weltweit angewandt, käme das Nutzen von Boden einem Pachten bei der Menschheit gleich.

Ist Inniger missionarisch? Seine Hände spielen mit den ungebrauchten Zuckerpäckchen auf dem Tisch. «Der Missionar will jemanden zwingend überzeugen», sagt er. «Das will ich nicht.» Der Mensch müsse sich einfach ein Bild von der Situation machen. Wenn die Mehrheit dann finde, Aneignung sei eine gute Sache: «Nun denn.» Aber bislang habe es nie eine Abstimmung gegeben, ob wir ein solches System wollen oder nicht.

Erzschurke
Inniger hat damit begonnen, eine umfangreiche Website zu seinem Gedankengebäude aufzubauen (www.start-hugo.com). Man kann dort auch darüber abstimmen, ob gleichberechtigte Ansprüche auf Schöpfungsleistungen eine gute Sache wären. Bislang votierte nur eine Person dagegen. «Diese Stimme stammt vom Servicetechniker, der ausprobiert hat, ob die Nein-Schaltfläche auch funktioniert.»
Und trotzdem reagierten die Leute im Gespräch zunächst zurückhaltend. Dominierend sei die Angst, dass man aus dem eigenen Haus vertrieben werden könnte. «In einem hochtransparenten Markt gibt es keine raschen massiven Verschiebungen. Skipässe steigen pro Saison auch nicht um das Anderthalbfache», sagt Inniger. Und weil die anderen Leute ja ihrerseits nicht alle zwei Wochen in ein anderes Haus umziehen wollten, würde es wohl weniger Bewegungen geben als befürchtet. Zudem: «Hat jemand schon von einem Hausbesitzer gehört, bei dem Bill Gates vorbeigekommen ist und gesagt hat, er biete für das Haus das Doppelte?»
Trotzdem, die Menschen wollen Sicherheit. Bräuchte es da nicht eine Frist, innerhalb welcher ein Grundstück nicht herausgefordert werden könnte? «Vielleicht, aber darüber soll die Mehrheit der Menschen entscheiden.» Und wenn die Mehrheit eines Tages eine andere Frist wünsche, dann könne sie mittels Abstimmung geändert werden. Wie andere Eckwerte auch. Zum Beispiel der Prozentsatz für die Schöpfungsleistungsabgaben.
Inniger geht es nicht darum, ein fertiges Modell zu verkaufen. Er will zu Ideenarbeit anregen: «Ob man Aneignung nun direkt mit Diebstahl vergleichen will oder nicht - es kann doch nicht sein, dass man nicht ernsthaft nach einer Alternative dazu sucht!» Vereinzelt gebe es in der Schweiz zwar eine ermutigende Gesprächsbereitschaft «hinter den Kulissen.» Aber Vergleichsstudien zu grundlegenden Alternativen habe er bis heute noch keine gesehen.
Vor dem Café wird noch immer gebaut. Welche Reaktionen er denn auf seine Vorschläge erhalte? Inniger lächelt leise. «Auf der einen Seite heisst es: «Gleichberechtigte Ansprüche? Du bist ein Erzkommunist.»» Von der andern Seite komme die Verdächtigung: «Alles über den Markt regeln? Du Erzkapitalist!»



Die Wochenzeitung, 15.01.2004




 

 

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