Schöner leben
- billiger wohnen von p.m.
Es wird heute viel darüber
spekuliert, was für Wohnungen und wieviele in Zukunft benötigt
werden. Momentan scheint es in Immobilienkreisen «in» zu sein,
grössere und besondere Wohnungen für steuerkräftige Familien
zu planen. Andererseits wird von der Linken die neue
Wohnungsnot beklagt, die sich im geringen Leerwohnungsstand
und daher in höheren Mietzinsen zeigt. Obwohl gemäss Statistik
die Hälfte der Lohnabhängigen mehr als 5000 Franken verdient
und durchaus normale Familieneinkommen um die 8000 Franken
betragen können, gibt es auch viele Menschen, die in prekären
Verhältnissen leben und für eine 4-Zimmerwohnung nicht 2000
Franken bezahlen können. Andere wiederum haben ihre
Prioritäten anders gesetzt und wollen ganz einfach nicht die
Hälfte ihres Einkommens für «schöner Wohnen» ausgeben.
Vielleicht ist ihnen Zeit wichtiger, eine Ausbildung, Reisen,
eine brotlose kreative Betätigung.
Wenn wir von einem
Normaleinkommen Versicherungen und Steuern abziehen, dann ist
das Wohnen der grösste Ausgabenposten, der zudem nur schwierig
minimiert werden kann und extrem vom «Glück» auf dem
Wohnungsmarkt abhängt. Wohnkosten machen oft 50% des
verfügbaren Einkommens aus, ein Wohnungswechsel kann daher das
grösste Einkommensrisiko bedeuten, noch vor einem
Arbeitsplatzwechsel, und jahrelang erworbene Lohnerhöhungen
zunichte machen. Insofern gibt es Wohnungsnot.
Die Kapitalien, die in Immobilien angelegt
sind, sind immens und werfen, auch wenn die Rendite nicht
überdurchschnittlich ist, die grösste Profitmasse ab. Ein
grosser Teil dessen, was wir Ausbeutung der LohnarbeiterInnen
nennen, wird als Rente durch die zum Teil jahrhundertealten
Grundkapitalien realisiert. Das Wohnen ist einer der
Mechanismen, die uns als Macht des Faktischen zum Arbeiten
zwingen. Das Wohnen ist die eigentlich grosse «Abrahmmaschine»
der Kapitalbesitzerinnen, aber auch der institutionellen
Anlegerinnen. Da Raum nur schwer vermehrt werden kann, wir
aber unseren Körper nicht in der Luft lagern können, ist der
Wohnungsmarkt in der Tat kein Markt, sondern eine
existentielle Erpressung mit einem Monopol, ein
feudalistisches Relikt. Diese Ungerechtigkeit
wird vor allem von den jungen Menschen als freche
kapitalistische Altlast empfunden, die man durch eine Art
Neustart berichtigen sollte. Wieso sollen wir den Erben
irgendwelcher alemannischer Landbesetzer bis in alle Ewigkeit
unsern Grundzins entrichten, nur weil wir unser Bett irgendwo
aufstellen müssen?
In den letzten drei Jahrzehnten haben diese
Tatsachen der Arbeitszwang durch hohe Wohnkosten und die
altkapitalistische Anmassung -
zu periodischen Wohnungsbewegungen geführt, die im
Prinzip drei Formen annahmen:
- Flucht in Nischen
billigen Wohnens in alten Häusern und Genossenschaften;
- Besetzung
leerstehender Gebäude;
- Gründung von eigenen
Hausgenossenschaften (Umwandlung besetzter Häuser, Kauf,
Bau).
Zur Senkung der Wohnkosten wurden WGs
gegründet und auf Komfort verzichtet. Es wurden auch
unattraktive Wohnlagen (auf dem Land, an Ausfallstrassen, in
Vergnügungsquartieren usw.) in Kauf genommen. Zum Ausgleich
entstanden innere Qualitäten, z.B. sozialer Austausch, eigene
kulturelle Veranstaltungen, Kombination mit improvisierten
Ateliers, politische Aktivitäten, gemeinsame Nutzung von
Büchern, Platten, Kleidern usw., die die ganze Attraktivität
dieser Bewegungen ausmachten. Von der alten Linken wurden
diese Bewegungen oft als parasitär,
nischenhaft-opportunistisch, selbstverelendend und letztlich
lohndrückerisch (da erkämpfte Standards anständigen
proletarischen Wohnens unterlaufen wurden und daher die
Unternehmer mit Hinweis darauf die Löhne senken konnten)
gebrandmarkt. Es war in der Tat so, dass Leute aus der
Besetzerszene mit ihrem Jobben zu Billiglöhnen eine Art
Lohndumping betrieben, das die gewerkschaftlichen Bemühungen
theoretisch sabotieren konnte.
Sowohl die
Wohnungsbewegungen der sechziger, achtziger und frühen
neunziger Jahre sind an ihren eigenen Beschränkungen und
Widersprüchen zugrunde gegangen. Obwohl in und um diese
Bewegungen herum allgemeine gesellschaftliche Vorstellungen
existierten, gelang es nicht, sie zu verallgemeinern, sondern
blieben sie in Nischen gefangen, die sich höchstens als Idyll
oder sogar als Kuriosität (wie Christiania) konservierten,
während das Proletariat in die schönen Neubauwohnungen zog,
die SP-Stadtregierungen, Genossenschaften oder clevere
Immobilienfirmen ihnen anboten. Wer bereit war, genug zu
arbeiten, hat während aller Phasen des Wohnungsmarkt eine
Wohnung bekommen und bezahlen können. Insofern gibt es keine
objektive Wohnungsnot, sondern eher die Unlust, sich übers
Wohnen ausbeuten zu lassen.
Die eigentliche Wohnungsnot (= nicht
arbeiten wollen für das Wohnen) wurde nur von jenen empfunden,
die eine implizite oder explizite Vision eines Leben jenseits der Ökonomie
hatten, also fähig waren, am Lauf der Dinge zu leiden oder zu
diesem Leiden zu stehen. Es mutet daher paradox an, wenn diese
Bewegung einerseits bezahlbare Wohnungen für die
Lohnabhängigen forderte, aber eigentlich gar nicht wollte,
dass man für Lohn arbeiten und sich ausbeuten lassen
sollte...
Versorgung mit billigen
Wohnungen, Sicherung von Grundbedürfnissen, Recht auf Wohnen,
Kampf der Wohnungsnot: all diese Begriffe versetzen die
Wohnenden in eine passive Rolle, machen Konsumentinnen aus
ihnen und akzeptieren im Prinzip die Dinge, wie sie sind, nur
etwas gemildert.
Doch schon die
Abtrennung der Funktion Wohnen vom ganzen Leben bedeutet, dass
wir die Ohnmacht der Lohnabhängigen in einem kapitalistischen
System übernehmen. Wohnen, das heisst, verwaltet zu werden,
keinen Zugang zu den Lebensgrundlagen zu haben, das heisst
Isolation in Kleinhaushalten, Batteriehaltung,
Individualisierung, Verlust an kollektiver Organisation im
Alltag. Wohnen ist eine Falle, genauso wie etwa die
kompensatorische Mobilität im Auto.
Pragmatisch
gesehen bedeutet die reine Wohnungsversorgungsstrategie zudem,
dass wirklich billiges Wohnen kaum möglich wird. Unter
schweizerischen Verhältnissen kann eine Vierzimmerwohnung
unter 1600 Franken Monatszins nicht gebaut werden, auch wenn
man radikale Abstriche macht. Das bedeutet für Menschen mit
einem Minimaleinkommen von 3000 Franken die Hälfte des Lohnes,
ist also zu viel. Sollen die Wohnkosten weiter gesenkt werden
was wünschbar ist dann müssen die ganzen Lebenskosten, die
anfallen, im Zusammenhang neu überdacht werden. Erst wenn
neben dem reinen Wohnen auch Essen, Kleider, Kultur, Transport
usw. einbezogen werden, dann sind noch einmal Einsparungen
möglich. Gemeinsames Einkaufen, Kochen, gemeinsam genutzte
Möbel, grössere Räume, Bäder, Autos, Geräte, erlauben eine
spürbare Senkung der Lebenskosten. Diese Einsparungen sind
auch ökologisch notwendig. Wenn wir weltgerecht leben wollen,
dann müssen wir mit viel weniger Energie (500 Watt/Tag/Kopf;
heute ca. 6000), also weniger Transporten, Industriegütern,
Lebensmitteln usw. auskommen. Wir können nicht von Autonomie
reden, wenn wir de facto von der Migros abhängig sind. Wenn es
uns ernst ist mit einer Alternative jenseits der neoliberalen
Globalisierung, dann kommen wir um solche Lebensweisen gar
nicht herum. Wer weiterhin einen normalen westeuropäischen
Komfort verlangt, der kann sich die Teilnahme an
Anti-WEF-Demos und das Aufstellen von Kerzlein gegen die
Weltarmut geradesogut sparen. (Klar, es gibt politische
Umwege, aber Wohnen müsste zumindest als Programm im
Zusammenhang mit globaler Gerechtigkeit gesehen werden. Es
gibt nicht einerseits Wohnungspolitik und andererseits
Anti-Globalisierungspolitik.)
Ein neues
Wohn/Leben kann pragmatisch als letzte mögliche Verbilligung
gesehen werden, die uns Freiräume und Freizeiten verschaffen
soll, sie kann aber nicht einfach als Wohnbauinitiative
definiert werden. Wer nämlich Infrastrukturen in grösserem
Masse als heute teilen soll und keine aufgeblähte Bürokratie
oder einfach Kleingewerbe schaffen will (die finanziell alles
wieder auffressen würden), der muss sich mit den Leuten, mit
denen sie zusammenleben/wohnen will, persönlich befassen. Die
Infrastruktur muss gemeinsam diskutiert und definiert werden,
in Form und Ausmass, es müssen Kontakte mit Bäuerinnen
geknüpft werden, es muss eine innere Selbstversorgung
geschaffen werden. Um Kosten zu sparen müssen möglichst viele
Arbeiten als freiwilliges Mitwirken organisiert werden. All
dies bedingt gemeinsame Vorstellungen von einem schönen Leben,
autonome Regeln, Organisationsstrukturen, kurz: eine Art
Vision eines Lebens jenseits des Kapitalismus. Wer also
billiger wohnen will, der muss schöner leben wollen.
Selbstverständlich gibt es keine
globale Einheitsvision von schöner Leben/Wohnen. Vielfalt ist
durchaus auch ökologisch und sozial notwendig, doch diese
Vielfalt muss bis zu einer gewissen Grössenordnung gemeinsam
bestimmt werden. Das Individualmodul eignet sich dazu nicht
mehr, nur schon, weil es eben zu teuer ist. Ein kollektives
Minimalmodul, das tragfähig genug ist, umfasst sicher einige
hundert Personen, vielleicht 500. Kleinere
Siedlungsgemeinschaften riskieren es, die Einzelne in ihrem
Engagement zu überfordern und erzeugen zudem jene soziale
Klebrigkeit, die die Atmosphäre bei kleinsten
Auseinandersetzungen vergiften wird.
Eine Wohnungsbewegung,
die sich ernst nimmt, muss also zu einer allgemeinen
gesellschaftlichen Umbaubewegung werden, die sich in einem
global verträglichen Rahmen sieht. Auch alte Quartiere können
zu lebendigen Nachbarschaften mit einer eigenen sozialen
Infrastruktur umgestaltet werden. Neu gebaute Siedlungen
können eine illustrative Funktion übernehmen.
Es ist eine
verlierende Strategie, wenn einfach billige Wohnungen für
weniger verdienende Menschen verlangt werden sollen. Die
SP-Regierungen haben dies z.B., in Schwamendingen getan, mit
dem Resultat, dass die glücklichen Proletarierinnen nun ihr
Idyll gegen Neuankömmlinge verteidigen und SVP wählen die
Welt holt die Stadt immer wieder ein! Für die noch zu
überbauenden Areale in Zürich West brauchen wir daher nicht
nur Wohnanteile und billigen Wohnungsbau (der, wie gesagt, so
billig gar nicht sein kann), sondern ein ganzes Bündel von
Initiativgruppen, die je ein kollektives Projekt ausarbeiten,
vorschlagen, finanzieren und realisieren. Wir brauchen eine
Mobilisierung, nicht nur Immobilien. Wenn eine Gruppe von
Leuten eine gemeinsame Vision entwickeln kann und sich
Strukturen gibt (z.B. Genossenschaft), dann ist im Prinzip
eine Finanzierung möglich, dann kann durchaus auch die
Unterstützung des Staates gefordert werden (nichts gegen die
ganz gewöhnliche SP-Strategie).
Ohne vorgreifen zu
wollen, scheinen mir folgende Modelle hochaktuell und
(schrittweise) realisierbar (alle Vorschläge verstehen sich
als Passivhaus, ohne Privatautos usw.):
Selin 1000
500 Leute leben in
einem kompakten, gut isolierten (Passivhaus!) Gebäude (10
Stockwerke hoch) mit je 20 m2 Wohnraum und einem
Pauschalarrangement à la Vögele-Ferien für je 1000 Franken pro
Monat. Gebaut werden die Stockwerke und die Aussenhülle sowie
die Versorgnungskanäle, die Bewohnerinnen teilen sich die
Flächen selber (auch im Eigenbau) ein. Das Parterre ist für
Küchen, Essen, Waschen, Baden, Medien, Werkstätten,
Verleihzentralen usw. reserviert. Es gibt keine Privatautos
(ausser für Behinderte). Dieses Arrangement verbilligt das
Leben enorm, macht es also möglich, dass die BewohnerInnen nur
Teilzeit arbeiten müssen und im Projekt unerhörte kreative und
soziale Energien frei werden! Kollektive Nutzungen machen
Luxus möglich, vielleicht sogar einen In-Door-Swimmingpool
(als Wärmespeicher) neben der Mediathek.
Beginia
Vorbild ist der in Bremen geplante
sogenannte Beginenhof (Spiegel 5/2001). Dabei handelt es sich
um ein Wohn/Arbeitsprojekt nur für Frauen, das sich auf die
Beginenhöfe des Mittelalters bezieht. Die Beginen waren ein
radikaler Bettlerorden wieder arm werden ist sicher ein
global notwendiges Programm. Die Beginen organisieren ihre
inneren Dienste auf Gegenseitigkeit mit computerisierten
Zeitkonten. Männer dürfen auf Besuch kommen, müssen aber
abends wieder gehen.
Slow
Singles Im Gegensatz zum
neusten Dogma der Wohnbauszene sind auch kleine Wohnungen in
einem Quartiermix, wo es auch grössere hat und mit einer
attraktiven kollektiven Infrastruktur heute durchaus gesucht.
Warum nicht ein Hochhaus für einige hundert Singles bauen, die
sich aber reichhaltige Infrastrukturen wie Restaurant, Bäder
teilen und gemeinsam bewirtschaften? Singles sind ja nicht per
Definition asozial, reich und «in», sondern befinden sich
vielleicht nur in einer bestimmten Lebensphase und wünschen
sich durchaus soziale Interaktion und Stimulation. Ein solches
genossenschaftliches Apparthotel würde auch transitorischen
BewohnerInnen gerecht werden und sehr gut in einen
Quartierkontext passen, auch als
Ausweichmöglichkeit.
Selbstverständlich brauchen wir auch
weniger themenorientierte, also pluralistische Wohnprojekte,
etwa von der Art von KraftWerk1. Richtig schön wird das Leben
aber auch in solchen Gebilden erst, wenn die Kooperation im
Quartier (10 bis 20 Projekte) dazu kommt. Dann wird es durch
Tauschabkommen möglich, dass ich als Selin-1000er im
Restaurant der Slow Singles Slow Food esse, dass ich als Paar
Platz in KraftWerk7 finde oder als Frau ins Beginia umziehe.
Letztlich muss es uns also um die Aufbau solcher kooperativer
Quartiere gehen, um einen grundlegenden Stadtumbau, der
natürlich auch das Umland einbezieht. Eine solche Lebensweise
führt uns (verallgemeinert, theoretisch) in die 500
Watt-Gesellschaft, die 20-Stundenwoche, zu einem
transkapitalistischen Grounding und Neustart für
alle.
Wer den Mut hat,
schöner leben zu wollen, wird fast automatisch auch ökologisch
nachhaltig und sozial gerecht leben wollen. Alles andere ist
wahnsinnig teuer und führt zu Aufstehen um 6 Uhr,
militärischen Auslandseinsätzen, Stress im Job,
Mitarbeiterqualifikation, Verlust an Aktienmärkten,
BSE-Risiken, Lothar usw.Wo also sind die Menschen, die sich in
die neuen Wohn/Arbeits-und Lebensabenteuer stürzen
möchten?
P.M.
1.2.2002
Vgl. P.M.
Subcoma, Paranoia City,
2000
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